Computer Grrrls

Roberte La Rousse · Wikifemia, 2019, Ausstellungsansicht La Gaîté Lyrique, Paris

Roberte La Rousse · Wikifemia, 2019, Ausstellungsansicht La Gaîté Lyrique, Paris

Tabita Rezaire · Premium Connect, 2019, Ausstellungsansicht La Gaîté Lyrique, Paris

Tabita Rezaire · Premium Connect, 2019, Ausstellungsansicht La Gaîté Lyrique, Paris

Hinweis

Computer Grrrls

Paris — Es gehört zu digitalen Medien und ihrer Entwicklung durch die GAFA-Industrie (Google-Apple-Facebook-Amazon), dass sie historische Wurzeln brauchen, damit ihre Versprechen in den Himmel wachsen können. So werden Vannevar Bush, Alan Turing oder der belgische Wissensordner Paul Otlet rückblickend als Vordenker inszeniert – wer aber kennt Mary Kenneth Keller? Die katholische Ordensschwester erhielt 1965 den ersten Informatik-PhD der USA, trug massgeblich zur Entwicklung der Programmiersprache Basic bei. Apples Gesicht hat nicht Steve Jobs gezeichnet, sondern die Grafikerin Susan Kare mit dem lächelnden und traurigen Computer-Icon, das ältere User noch kennen. Unter der Motorhaube des Worldwide Web wirkte Radia Perlman aka «Mutter des Internets». Sie hat 1985 das STP-Protokoll entwickelt, mit dem wir heute Mails verschicken. All das erzählt im ­Pariser Medienkunstzentrum ‹La Gaîté Lyrique› die aus dem HMKV in Dortmund hierher gereiste Ausstellung ‹Computer Grrrls› auf einem eigens erstellten historischen Fries. «Die bedeutende Rolle von Frauen in der Geschichte der Computer ist so unbekannt, dass mich ein Besucher ungläubig fragte, ob die Daten wahr oder Fik­tion seien», lacht Inke Arns, HMKV-­Direktorin und mit der Journalistin Marie Lechner Ko-Kuratorin der Ausstellung. Auch in Paris hält der historische Abriss Besucher/innen allen Alters lange fest, bevor sie sich der Kunst zuwenden. Könnte man bemängeln, dass Medienkunst einmal mehr im Ghetto präsentiert wird statt als normaler Bestandteil künstlerischen Schaffens, so handelt es sich hier um eine jener klugen Ausstellungen, die durch aktuelle Positionen nicht illustrieren, sondern kontextualisieren. Durch den historischen Hintergrund versteht man Suzanne Treisters ‹Survivor (F) und Asicene›: Auf einer Wand mit Weltkarte hängen gerahmte Buntstiftzeichungen, die als Science-Fiction eine Post-Internet-Ära unter der Herrschaft einer artifiziellen Super-Intelligenz entwerfen. Auch das 2016 von Lauren Huret produzierte Video ‹Breaking the Internet› lässt sich besser einordnen, das in einem Fluss aus übereinandergeblendeten Windows eine Technikgeschichte vom Webstuhl bis Kim Kardashian skizziert. Huret ist parallel im Centre culturel suisse zu sehen. Bei allem munteren Blinken erzeugt die zahlreiche bedeutende Akteurinnen des Digitalen versammelnde Ausstellung oft eine beklemmend dystopische Stimmung. Dass die Zukunft nicht ganz verloren ist, lassen historisch-informative Arbeiten – wie das ‹Wikifémia› des Kollektivs Roberte La Rousse – erhoffen.

Bis 
14.07.2019

→ La Gaîté Lyrique, bis 14.7., ab August im MU, Eindhoven
www.gaite-lyrique.net
www.mu.nl

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Computer Grrrls 02.04.201914.07.2019 Ausstellung Paris
Frankreich
FR

Werbung