Daumier – Pettibon: Spiegel der Zeit

Raymond Pettibon, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur, 2019

Raymond Pettibon, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur, 2019

Honoré Daumier · Un parricide, Ein Muttermörder, Le Charivari, Actualités, 16.4.1850, Lithographie, 22,4 x 20,4 cm, Kunst Museum Winterthur. Foto: Roland Schmidt, Zürich

Honoré Daumier · Un parricide, Ein Muttermörder, Le Charivari, Actualités, 16.4.1850, Lithographie, 22,4 x 20,4 cm, Kunst Museum Winterthur. Foto: Roland Schmidt, Zürich

Besprechung

Versprochen wird ein «Dialog von satirischer Schärfe und düsterer Poesie». Die Ausstellung ‹Daumier – Pettibon›, die als erste die beiden Künstler vereint, löst das Versprechen souverän ein. Sie präsentiert zwei hellsichtige Chronisten, die in ihrem Werk die eigene Gegenwart auf den Prüfstand heben.

Daumier – Pettibon: Spiegel der Zeit

Winterthur — Sie bringen Unzulänglichkeiten auf den Punkt und lehnen sich gegen den Stand der Dinge auf, böse, scharf, dunkel, abgründig: Honoré Daumier (1808–1879) und Raymond Pettibon (*1957). Über hundert Exponate sind zu sehen, die in der vertieften Auseinandersetzung immer komplexer und beispielhafter werden, bei Pettibon zudem immer zwei- und mehrdeutiger, dissonanter, verstörender auch. Dass der Amerikaner, anders als Daumier, der ein dezidierter Republikaner war, nie Stellung bezieht, macht die Sache nicht leichter. Da sind die Betrachtenden vielfach gefordert, aber auch, ganz im Sinne des Künstlers, frei in der eigenen Wahrnehmung. Denn Pettibons Werke legen es nicht darauf an, eine Wahrheit zu verkünden, sondern regen in Splittern und Fragmenten zum Denken an, in je neuem Kontext, wechselnden Konstellationen; immer in Bewegung. Der Dialog mit diesem zeitgenössischen Künstler macht auch die politische und soziale Brisanz in Daumiers Schaffen erneut bewusst. Der «Michelangelo der Karikatur» wird aber nicht nur als Zeichner für die Presse, sondern ebenso als Gestalter sinnbildhafter Ereignisse, als Maler und als Bildhauer gezeigt. Auch ein Meisterblatt wie das berühmte ‹Rue Transnonain, le 15 avril 1834› gehört dazu, das mit drastischem Realismus und Vorbilder grosser Maler zitierend die Brutalität des Militärs unter Bürgerkönig Louis-Philippe anprangert – eine der vielen leidenschaftlichen Anklagen im Werk Daumiers, hier ohne jeden karikaturistischen Zug. Vielmehr tritt sein Humanismus deutlich zutage, nicht anders als im Gemälde der Wäscherin oder im berührenden, ewig gültigen Flüchtlingszug. Auch Raymond Pettibon, für den die Begegnung mit Daumier einst eine Offenbarung war, ist ein sozialkritischer Künstler. Ihn beim Wort zu nehmen, ist ungleich schwieriger, und seine Blätter – bis heute weit über 10’000 Zeichnungen – lassen sich nicht als herkömmliche Kunstwerke fassen. Text (den man in seinem Anspielungsreichtum erst einmal verstehen muss) und Zeichnung sind in seinen Arbeiten gleichberechtigt. Anders als bei Daumier ist der Text keine erhellende Legende, sondern dem Bild auf jede erdenkliche Art eingeschrieben – kontradiktorisch, subversiv, dekonstruktiv. Fassen lassen sich einzelne Figuren und Metaphern für allerlei amerikanische Erscheinungen und Träume, auf die Pettibon immer wieder zurückkommt und die ein seltsames Eigenleben entwickeln. Darin kann man sich lesend und schauend, staunend verlieren, wie in einer Welt voller aggressiver Melancholie. 

Bis 
04.08.2019

→ ‹Daumier – Pettibon›, kuratiert von Andrea Lutz und David Schmidhauser, nach einer Idee von Konrad Bitterli, Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, bis 4.8. ↗ www.kmw.ch

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Daumier – Pettibon 02.03.201904.08.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Honoré Daumier
Raymond Pettibon
Autor/innen
Angelika Maass

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