Erica Pedretti — Schwereloses Erscheinen und Verschwinden

Erica Pedretti · Flügelstab, um 1978, Bambus, Stoff, Draht, Federn, Acrylfarbe (links); Grosser Flügel, o. D., Bambus, Stoff, Latexfarbe (rechts), Ausstellungsansicht Neues Museum Biel, 2019 © ProLitteris

Erica Pedretti · Flügelstab, um 1978, Bambus, Stoff, Draht, Federn, Acrylfarbe (links); Grosser Flügel, o. D., Bambus, Stoff, Latexfarbe (rechts), Ausstellungsansicht Neues Museum Biel, 2019 © ProLitteris

Besprechung

Vergänglichkeit und Beweglichkeit sind die grossen Themen im künstlerischen Werk von Erica Pedretti. Das Neue Museum Biel widmet der Künstlerin und Autorin eine umfassende Retrospektive, die zahlreiche Wiederentdeckungen bietet und eine Auswahl wenig bekannter Arbeiten auf Papier zeigt.

Erica Pedretti — Schwereloses Erscheinen und Verschwinden

Biel — Es sind vor allem die Flügel, die Erica Pedretti (*1930) bekannt gemacht haben. Als Künstlerin bekannt gemacht haben. Natürlich schweben sie auch in der Ausstellung im Neuen Museum Biel in reicher Zahl. Und wiewohl manche von ihnen gross und schwer und mächtig sind, vermitteln sie doch ein Gefühl von Schwerelosigkeit und Zauber, von der Prise Leichtigkeit, mit der die Kunst das Leben beflügeln kann. Gleich im Foyer trifft man auf einen ersten Boten dieser Pedretti’schen Leichtigkeitskunst. Im hellen Dämmer hängt dort ein Flügel, der zu einem 1981 für Santa Maria im Val Müstair gestalteten Brunnen gehört. Der Brunnen selbst ist verschollen. Nur der einsame Flügel schwebt noch unverzagt im Luftraum. Ganz leise klingt hier schon das Thema des Verschwindens an, das sich im Fortgang der Ausstellung immer wieder zeigen, immer mehr vertiefen soll. So manches Werk der Autorin und Künstlerin ist im Lauf der Jahre und Jahrzehnte verschollen oder hat stark gelitten. Manches ist auch ganz unerwartet aufgetaucht. Ein grosser brauner Flügel beispielsweise wurde mehr oder weniger zufällig auf einem Estrich in La Neuveville entdeckt. Die Exponate erzählen somit nicht nur von dem, was Erica Pedretti seit den Siebzigerjahren geschaffen hat. Sie berichten auch vom Verschwinden und Vergessen, von einem Künstlerinnen-Leben, das vom Verlust der Heimat geprägt war, aber auch von einer unbändigen Lust am Schaffen, die den Entstehungsakt deutlich höher einschätzt als das Werk selbst. Erica Pedretti beschäftige sich nicht gern mit vollendeten Werken, heisst es. Auf die Anfrage des Neuen Museums Biel, ihr eine grosse Einzelausstellung einzurichten, habe sie überrascht reagiert: Das sei doch nicht nötig. Der Bogen, den die von Dolores Denaro und Bernadette Walter feinfühlig eingerichtete Schau schlägt, reicht von den frühen Silberschmiedearbeiten, die Erica Pedretti anfertigte und verkaufte, um ihre Familie ernähren zu können, bis zu grossen Flügelobjekten. Texte sind ebenso präsent wie auch Zeichnungen. In Tischvitrinen lassen sich Textcollage-Blätter aus dem Literaturarchiv Bern entdecken. Und auf der Hülle der grossen Installation ‹Turm zu Babel› tanzen Buchstaben weitgehend unverbunden umeinander. Mehrfach allerdings lässt sich das Wort «Babel» entdecken. Mit seiner spiralförmigen Struktur erzeugt dieser Turm einen Eindruck von Bewegung. Und Bewegung ist ein wichtiges Element, das natürlich auch in den Flügeln steckt, vor allem aber in den Zeichnungen zum Ausdruck kommt. Die Ausstellung vereint ­eine Auswahl Papierarbeiten, deren Dynamik und Leichtigkeit berührt. 

Bis 
16.06.2019
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Neues Museum Biel Schweiz Biel/Bienne
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Erica Pedretti 16.03.201916.06.2019 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Erica Pedretti

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