Flurin Bisig — In Resonanzbereichen. An den Rändern des Sinns

Andreas Werner, 2015–2016; The Brown Bunny, 2018; Master and Everyone, 2019 (v.l.); Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: Thomas Strub

Andreas Werner, 2015–2016; The Brown Bunny, 2018; Master and Everyone, 2019 (v.l.); Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: Thomas Strub

Kröger 3, 2019, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Kröger 3, 2019, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Kröger 2, 2019, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Kröger 2, 2019, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Foto: Maurin Bisig, 2019

Foto: Maurin Bisig, 2019

Fokus

Flurin Bisigs Skulpturen changieren zwischen bildender Kunst, Architektur und Design. Seine minimalistische Formensprache bezieht Erinnerungswelten ebenso ein wie Alltagsbilder, As­pekte der Popkultur, Musik und Kunstgeschichte. In der präzise komponierten Ausstellung im Bündner Kunstmuseum untersucht er, was zeitgenössische Skulptur sein kann. 

Flurin Bisig — In Resonanzbereichen. An den Rändern des Sinns

Die Kontraste zwischen den Materialien, ihre atmosphärischen Wirkungen und traditionellen Verwendungen in visueller Kunst und Architektur bilden einen wichtigen Aspekt in Flurin Bisigs Auffassung von zeitgenössischer Skulptur. In seiner ersten grossen Einzelausstellung in einem Schweizer Museum lotet er deren Möglichkeiten und Grenzen in autarken, raumgreifenden und anspielungsreichen Arbeiten aus.

Zwischenbereiche
Der Titel der Ausstellung ‹Am Saum des Sinnes› (1) kündigt dies bereits an und schafft einen Bedeutungshorizont, in dem sich der Künstler in seiner Auseinandersetzung mit Skulptur, Raum und Zeichnung bewegt: Zwischen den Sinnen (Wahrnehmung), der Sinnlichkeit (Empfinden) und dem Sinnhaften (Bedeutung) liegen nur Nuancen. Diese mit Materialien und Formen skulptural auszutarieren und mit dem Unwägbaren von erinnerten Formen und Bewegungen zu arbeiten, ist Bisigs künstlerisches Ziel. Skulptur erhält in diesem Verfahren eine besondere, zeitliche Dimen­sion, da Vergangenes und Ephemeres mit der Gegenwart nicht nur verknüpft, sondern ausbalanciert werden. Die Formulierung einer Skulptur beginnt für Flurin Bisig weit vor dem Auswählen eines Werkstoffs: Dieser fungiert als Vermittler und Träger von vielfältigen Wahrnehmungen, Empfindungen, Träumen und Erinnerungen, aus denen sich in einem länger dauernden Prozess eine Form für ein skulpturales Objekt herausschält. Beobachtungen aus dem Alltag – beispielsweise Bewegungsabläufe einer Kellnerin, Konturen von Wellblechdächern in São Paulo, Textstellen und Sequenzen aus Literatur und Musik – bilden für Bisig ein vielfältiges Wahrnehmungs- und Erinnerungsarchiv. Die in der Ausstellung gezeigten Papiercollagen ‹270–283 (No More Nasty Scrubs)› (2), 2019, sind Blätter einer zeichnerischen Serie, die er seit über zehn Jahren anfertigt – ein Archiv von Formen. In der Ausstellung nehmen sie durch Variationen von Linien und Ausrichtungen eine exemplarische Rolle ein. Eine (skulpturale) Form suchend, trifft Bisig auf Erinnerungsschleifen, Verdichtungen und Fragmentierungen. Seine aus verschiedenen Teilen bestehenden Skulpturen – wie beispielsweise die nach einem Film des Regisseurs Vincent Gallo benannte Holzskulptur ‹The Brown Bunny›, 2018, die aus einem halbierten und ausgehöhlten Lindenholzstamm und weiteren Holzstücken zu einem voluminösen Körper zusammengefügt wurde – spiegeln das Gedächtnisverfahren auf einer materiellen Ebene. Holzdübel, mit denen die Holzelemente zusammenmontiert wurden, zeichnen in die helle Lindenholzstruktur dunkelbraune Kreise, die unregelmässig gezackte Kontur der Skulptur erscheint wie ein Reststück eines anderen, nicht mehr zu sehenden Stücks, und die drei orangefarbenen Stahlrohre, auf denen der Holzkörper ruht, implizieren eine Bewegung. Erinnerungsbilder sind immer in Bewegung. Im Erinnerungsprozess werden Abweichungen produziert und dem Erinnerungsbild hinzugefügt. Das Vergangene und Zurückliegende erhält also in seiner Re-Aktualisierung eine Modifikation, das heisst eine Form. Hier setzt Flurin Bisigs skulpturales Denken und Vorgehen an. Die Marmorskulptur ‹Master and Everyone› (3), 2019, hat Bisig in Carrara hergestellt. Gedanken an klassische Bildhauerei werden durch den Ort ebenso wie durch die ovale Form impliziert. Auch hier fügen Details eine wichtige Differenz ein, die traditionelle Formen ins Zeitgenössische wendet. Einbuchtungen, Wölbungen und sanft verlaufende Kanten scheinen der Beschaffenheit des menschlichen Körpers zu ähneln, ohne ihn darzustellen. Ein hellbrauner Klebebandstreifen suggeriert eine Berührung oder Verletzung und betont die Sensitivität des gleitenden Blicks der Betrachtenden. Der andere Teil der Skulptur ruft Assoziationen an Transportkisten und Sockel hervor; doch überraschender ist, dass Figürliches und Konstruktives eine ästhetische wie inhaltliche Allianz eingehen und sich gegenseitig befragen. Werktitel und die Frage nach einem Sockel – beides tradierte Elemente – versteht Flurin Bisig als Möglichkeit, seine skulpturalen Arbeiten in weitere Kontexte zu überführen und Deutungen offen zu halten. Die Holzskulpturen ‹Andreas Werner›, 2015–2016, und ‹This Boy’s Life›, 2019, könnten ebenso an reale wie fiktive (literarische) Personen erinnern oder ein Zeichen für Lebensentwürfe und -abschnitte sein. Erst beim Umherschweifen und genauen Betrachten zeigt sich die Komplexität des Arrangements aus rechteckigen Flächen, trapezförmigen Formen, Kuben und Aussparungen, in denen Gebrauchsspuren – Leim, Spachtelmasse, Dübel – die Oberflächen in Texturen verwandeln. Vielfalt und Reduktion hält der Künstler in Balance. Sockelähnliche Elemente fliessen in die Gesamtkompositionen ein, die weniger einen Raum einnehmen als diesen bezeichnen.

Offene Resonanzen
Ohne Gebrauchsspuren und das Licht reflektierend, stehen und liegen die Skulpturen ‹Kröger 1›, ‹Kröger 2› und ‹Kröger 3›, (4) 2019, aus Aluminiumblech im Museumsraum und wirken durch ihre hermetischen Oberflächen wie Fremdkörper. Dies bringt ­einen materiellen Bruch und eine atmosphärische Spannung mit sich und belebt die Ausstellung. Auch hier hat Flurin Bisig ein Material ausgewählt, das ihn schon lange beschäftigt. Aluminium-Trapezblech ist ein architektonischer Baustoff und wird in den Favelas São Paulos für provisorische Bauten verwendet. Die Themen Wohnen und Behausungen klingen in diesen grossformatigen Skulpturen ebenso an wie Bedeutungsebenen von Schutz, Abgrenzung und Temporalität. Scharfe Kanten des geschnittenen Wellblechs stossen unregelmässig aufeinander, lassen (Sicht-)Schlitze entstehen, sodass das verborgene Innere erahnbar bleibt. Bisig führt auch hier die Form an ihre Grenzen: In ‹Kröger 2› ist die auf dem Boden liegende, umgestürzt wirkende Skulptur zu einer Seite offen. Die Betrachtenden lugen in einen Raum mit Holzlatten, welche die Wellblechkonstruktion stützen. Kategorien von Aussen und Innen werden umgewendet: Volumen und Ummantelung bedingen sich. Was bleibt, ist das Unfassbare und Temporäre einer Form – sei es eine reale oder eine erinnerte. Das Sich-Einlassen auf etwas, das am Rande des Wahrnehmbaren liegt, verhält sich konträr zu einer mit Codierungen und Reizen gefüllten Alltagswelt, die trotz ihrer Schnelllebigkeit vielfach Verhaltensmuster vorgibt. Flurin Bisigs Suche nach skulpturalen Formen, in denen eine minimalistische Gestaltung und Erinnerungsbilder zugleich wirken, hat eine poetische Kraft, die im digitalen Zeitalter eine Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit entfaltet.

1 Zitat von Jean-Luc Nancy, ‹Zum Gehör›, Zürich/Berlin, 2010, S. 14.
2 ‹No More Nasty Scrubs›, Liedtext der Sängerin Scout Niblett, GB, 2012.
3 ‹Master and Everyone› betitelt auch das Album des Sängers Bonnie ‹Prince› Billy, GB, 2003.
4 In Anlehnung an Thomas Manns literarische Figur Tonio Kröger in der gleichnamigen Novelle (1903).

Birgit Szepanski, promovierte Künstlerin und Autorin, lebt in Berlin. bszepanski@t-online.de

Bis 
18.08.2019

Flurin Bisig (*1982, Samedan), lebt in Glarus
2002–2003 Hochschule für Kunst und Design Luzern
2003–2009 Universität der Künste Berlin
2014–2016 Postgraduate-Residenz am Hoger Institute voor Schone Kunsten, Gent

Einzelausstellungen (Auswahl)
2013 ‹The seismographical back›, Kunsthalle São Paulo
2011 ‹Aus einem steinleichten Schweigen heraus›, Hans Kock Stiftung, Kiel
2010 ‹In the fall of twothousandandten we flowed upstream and had nothing to eat›, (mit Mickaël Marchand), Galerie Suzy Shammah, Mailand›; ‹The first Rendez-Vous›, Playstation, Galerie Fons Welters, Amsterdam

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Berlin Collage and beyond – 100 years after Dada›, Oscar Niemeyer Museum, Curitiba
2018 ‹3X Sculpture›, GNYP Galerie, Berlin; ‹Zentralschweizer Kunstschaffen XL›, Kunstmuseum Luzern
2017 ‹Swiss Art Awards›, Basel

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Flurin Bisig. Am Saum des Sinnes 16.03.201918.08.2019 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Flurin Bisig
Autor/innen
Birgit Szepanski

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