Isabelle Krieg — Alltägliches aus dem Universum

Urschnur, 2016/2019, Baumwollstoff, Styropor, Polyurethan-Weichschaum, Silikon, Pigmente, 0,7 x 0,7 x 19 m, Installationsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Urschnur, 2016/2019, Baumwollstoff, Styropor, Polyurethan-Weichschaum, Silikon, Pigmente, 0,7 x 0,7 x 19 m, Installationsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Sonnenblume, 2010, aus Tapfere Blumen, seit 2007, Fine Art Print auf Gold-Fibre-Silk-Papier, 45 x 30 cm © ProLitteris

Sonnenblume, 2010, aus Tapfere Blumen, seit 2007, Fine Art Print auf Gold-Fibre-Silk-Papier, 45 x 30 cm © ProLitteris

Eigentlich wollte ich etwas anderes, 2008, Salz- und Pfefferstreuer, Tisch, Tischdecke, Lampe, Stuhl, 240 x 80 x 70 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Eigentlich wollte ich etwas anderes, 2008, Salz- und Pfefferstreuer, Tisch, Tischdecke, Lampe, Stuhl, 240 x 80 x 70 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Eigentlich wollte ich etwas anderes, 2008, Salz- und Pfefferstreuer, Tisch, Tischdecke, Lampe, Stuhl, 240 x 80 x 70 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Eigentlich wollte ich etwas anderes, 2008, Salz- und Pfefferstreuer, Tisch, Tischdecke, Lampe, Stuhl, 240 x 80 x 70 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: David Aebi

Einfallstor, 2018/2019, Ateliermöbel und -Gegenstände der Künstlerin, Grösse variabel, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: Robin Byland

Einfallstor, 2018/2019, Ateliermöbel und -Gegenstände der Künstlerin, Grösse variabel, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn © ProLitteris. Foto: Robin Byland

Schwarzer Katzenreigen, 2018, alle Knochen einer Katze, Lack, Polyestergarn, Epoxidharz, Carbonstäbe, 260 x 360 cm, Kunstsammlung Kanton Zürich © ProLitteris

Schwarzer Katzenreigen, 2018, alle Knochen einer Katze, Lack, Polyestergarn, Epoxidharz, Carbonstäbe, 260 x 360 cm, Kunstsammlung Kanton Zürich © ProLitteris

Fokus

Mit Anmut, Präzision und Logik überzeugt das Werk der Schweizerin Isabelle Krieg. In ihrer Einzelausstellung im Kunstmuseum Solothurn stellt die in Dresden und Zürich lebende Künstlerin vom Kleinen bis ins Übergrosse unseren Welt-Raum dar. Dabei weist die Richtung stets nach oben, an die Museumsdecke, den Himmel und darüber hinaus ins Universum. 

Isabelle Krieg — Alltägliches aus dem Universum

Krieg empfängt uns im ersten Raum ihrer Schau – dem All – mit einem riesigen Wulst aus Stoff. Aufgeteilt in drei Räume ‹All›, ‹Welt› und ‹Alltag›, beginnt hier mit der ­‹Urschnur› die Geschichte einer Reise in die Sphären der Himmelskörper, die beim Küchentisch mit Salz- und Pfefferstreuern im irdischen Alltag der Künstlerin selbst endet. Oben von der Decke herab blinken kleine Lichter wie Sterne im Nachthimmel. Wir nehmen die Lichtlein als schwebende Seelenwesen wahr; es sind mit LED-Lämpchen gefüllte menschliche Zähne. So profan das Material in der Kunst von Isabelle Krieg manchmal auch ist, so verblüffend ist der Effekt. Wir sehen Dinge, die wir uns vorstellen, ohne zu wissen, was wir vor uns haben. Die Künstlerin arbeitet in ihren Werken sehr präzise mit diversen Materialien und Bildträgern. Auch Material wie die Knochen einer Katze oder menschliche Zähne gehören in ihr Repertoire. Die eigentliche Unvorstellbarkeit dessen, tot zu sein, erhält in einem schwebenden Mobile aus schwarzlackierten Katzenknöchelchen ein neues Bild. Nicht weniger zauberhaft erscheinen auf einem Küchentisch die Lichtpunkte der kleinen Löcher von Salz- und Pfefferstreuern, die sich zu einer Botschaft zusammenfügen. Luft und Licht sind wichtige Elemente bei Kriegs Installationen im Raum. Hier ist die Welt weit entfernt vom nur Alltäglichen und deutet auf schwer fassbare Dinge, wie etwa die Endlichkeit und ihr Gegenteil, die Unendlichkeit. Krieg kehrt dabei die Verhältnisse um, bunte Deckenlampen streben gegen alle Gesetze der Schwerkraft nach oben und schmutziges Geschirr wird zum Träger von ikonischer Malerei. So ist ein Plastiktrog voller schmutziger Tassen mit ‹Unerledigt› angeschrieben und ‹Eigentlich wollte ich etwas anderes› bezeichnet diverse Gewürzgläschen: Das Zusammenbringen von Objekttitel und Objekt ergibt bei Krieg eine neue Wahrheit, die vorher so nicht bedacht wurde. Die Sprache in den Werken der Künstlerin verdeutlicht, was man eigentlich sagen und zeigen will. Kriegs humorvolle Wortwörtlichkeit verleiht ihren Arbeiten einen besonderen Charme.

Gespräch mit Isabelle Krieg: Zuhause im All Tag
Encrantz: Isabelle, wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Krieg: Ich stehe morgens um sieben auf, frühstücke mit meiner Familie, fahre mit dem Velo ins Atelier, setze mich an die aktuellen Arbeiten, und spätestens um halb fünf fahre ich los, um meine Kinder aus dem Kindergarten zu holen. Das wäre sozusagen mein Wunsch-Alltag. So ist es aber leider eher selten; ich muss viel herumreisen und bin dann oft eine Woche lang getrennt von meiner Familie.
Encrantz: Hast du eine Vorstellung vom Universum?
Krieg: Sicher! Es ist unfassbar gross und kalt, faszinierend und unwirtlich, fremd und doch unser «grosses Zuhause». Es sieht schön aus. Wenn ich an seinen Ursprung und seine «Ränder» denke, wird mir schwindlig, und unweigerlich taucht die Frage nach «Gott» auf, dessen klares Bild, das ich als Kind von ihm hatte, je länger, je mehr zerfleddert und zerfranst und an dessen Stelle nichts Konkretes, Neues getreten ist. Wenn ich ans All denke, fühle ich mich oft verloren. Das kommt auch aus der Kindheit. Ich habe damit immer das Bild verbunden, dass man, wenn man tot ist, in den Himmel kommt. Und die Vorstellung, alleine als Seele in diesem kalten All herumzufliegen, fand ich immer sehr beängstigend. Aber die Sonne und der Mond sind uns ja sehr vertraut und alltäglich!
Encrantz: Wie bringst du das «All» und den «Tag» – der Titel deiner aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn – zusammen, sind dies für dich alle Tage dieser Welt?
Krieg: Ich habe bemerkt, dass es mich interessanterweise erdet, wenn ich mich in meiner Kunst mit Fragen beschäftige, die übergross oder unbegreiflich und beängstigend sind, wie zum Beispiel die Vorstellung vom Anfang des Universums. So bringe ich das zusammen. Und wie gesagt, die Himmelskörper, mit denen wir täglich zu tun haben, die Sonne, der Mond, die Sterne, die kreisen ja einerseits im All, also weit weg und sind schwer begreifbar, und andererseits von Kind auf vertraut, alltäglich, lebenswichtig, schön. Wir freuen uns über die Sonne, geniessen ihr Licht und ihre Wärme. Wir freuen uns über den Mond am Himmel. Die Sonne bestimmt durch ihr (scheinbares) Auf- und Untergehen unseren Lebensrhythmus. Womit wir bei «all Tag», ­also jedem Tag, sind. Sonne und Mond bestimmen, wie wir unsere Zeit messen, unsere Zeit einteilen, Monate und Jahre, aber auch Stunden und Sekunden. So wird aus den Himmelskörpern etwas sehr Alltägliches. Und gleichzeitig bleiben sie diese fremd-vertrauten Gestirne, die in uns starke Gefühle wecken. Zum Beispiel hat die Zeit um den Sonnenuntergang oder -aufgang für mich immer etwas sehr «Heiliges».

Entgegnungen in die philosophische Fragerunde
Encrantz: Es sind philosophische Fragen, die darum kreisen, was wir Menschen als Teil des Universums sind – woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen. Ist es die Auseinandersetzung mit diesen Grundsatzfragen, die dich dazu bewogen hat, Künstlerin zu werden?
Krieg: Die grossen, ungelösten Fragen und die dazugehörigen Ängste haben mich ­sicher zur Kunst gebracht. Ich versuche, Angst in etwas Kraftvolles und Positives zu verwandeln, das ist in meinem Fall die Kunst. Sie ist wohl auch «Ersatz» oder, schöner gesagt, meine Form von Spiritualität. Ich suche ja nicht im wirklichen Sinne Antworten, es sind eher Entgegnungen, Aussagen, Schöpfungen, die ich dann in die grosse Fragerunde werfen kann.
Encrantz: Wie beginnst du eine Arbeit?
Krieg: Zuerst ist da die Idee, die mir meist unvermittelt im Alltag zufliegt und Funken versprüht. Die Idee verführt mich sozusagen. Ich versuche dann, meine Gedanken im Notizheft festzuhalten und dazu eine Zeichnung zu machen. Wenn die Zeit gekommen ist, mache ich Material- und Annäherungsversuche, das ist die schönste Phase, weil man da spielen und ausprobieren kann. Wenn der Weg gefunden ist, geht es an die richtige Umsetzung, da muss ich immer sehr aufpassen, dass ich nicht zu streng werde und das Ganze steif wird. Das ist dann vielleicht die wahre Kunst, dass man diese Balance zwischen Lockerheit und Konzentration behalten kann.
Encrantz: Wie wichtig ist Schönheit?
Krieg: Enorm wichtig. Schönheit kommt ziemlich bald nach der Erfüllung der lebenserhaltenden Grundbedürfnisse. Wir müssten aber vielleicht zuerst definieren, was schön ist. Holzschnittartig würde ich sagen: Etwas Schönes ist wahr und gut und ist vermutlich vergänglich, sonst würden wir wohl nicht merken, dass es schön ist. Ich denke, dass Schönheit, neben der Freude – die beiden sind für mich gekoppelt! – dem Leben, der Existenz, und vor allem der Endlichkeit der Existenz eine ganze Menge Sinn verleiht.

Die Ewigkeit: Humorlos und schnell beleidigt
Encrantz: Hat die Geburt deiner beiden Kinder deine Sichtweise verändert? Anders gefragt, hättest du, auch ohne Mutter zu sein, eine Ausstellung mit einem Nabelschnurgebilde begonnen?
Krieg: Natürlich hätte ich die Ausstellung gleich begonnen! Die erste Version der ‹Urschnur› entstand schon 2011 und trug damals den Titel ‹Lächerliche Ewigkeit› in der Form einer liegenden Acht, weil mich das Thema Unendlichkeit da besonders umgetrieben hatte. Es geht nicht ums Muttersein, denn es ist ja eine ‹Urschnur›, sie steht für den unerklärlichen Anfang von allem und von dem, was vor dem Anfang war.
Encrantz: Du wählst jeweils einen Titel zu deiner Arbeit, der im ersten Moment ­einfach und selbstverständlich scheint, aber in Wirklichkeit eine tiefgründige ­Dimension deiner Werke reflektiert. Wie wichtig ist Sprache für dich?
Krieg: Sehr wichtig. Es geht um innere und vor allem um neue Zusammenhänge, die erst durch Sprache und Poesie zustande kommen und dem Werk seinen vollen Sinn verleihen, und nicht zuletzt um Humor. Humor ist ja auch eine Art, wie man mit den grossen Fragen, mit den Ängsten und mit den Schwierigkeiten im Leben zurechtkommt. Es ist eine starke Bejahung unseres unperfekten, schönen, schwierigen, lustigen, endlichen irdischen Diesseits. Damit kann man dem Tod und der blöden Ewigkeit, falls es sie denn doch gibt, den Vogel zeigen, denn die Ewigkeit lacht bestimmt nicht.

Johanna Encrantz arbeitet als Kulturjournalistin und Fotografin SBF im Basislager in Zürich und lebt mit ihrer Familie am Zürichsee. info@johannaencrantz.ch

→ ‹Isabelle Krieg — All Tag›, Kunstmuseum Solothurn, bis 28.7.; Publikation zur Ausstellung mit Texten von Kathleen Bühler, Robin Byland und Susanne Magister ↗ www.kunstmuseum-so.ch
→ ‹Isabelle Krieg – Kreisen im All Tag›, Städtische Galerie Dresden, bis 4.8.
→ Künstleringespräch mit Carolin Quermann, 5.6. ↗ www.galerie-dresden.de
→ ‹Villa Bleuler Gespräch›, Isabelle Krieg und Beat Streuli sprechen über die Grösse des Alltäglichen mit Katharina Ammann (SIK-ISEA) und Christoph Schenker (Leiter Institute for Contemporary
Art Research, ZHdK), Begrüssung Claudia Jolles (Kunstbulletin), eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA/Villa Bleuler, Zollikerstr. 32, Zürich, am 2.7., 18.30–20 Uhr, mit Apéro
www.sik-isea.ch

Bis 
28.07.2019

Isabelle Krieg (*1971, Freiburg), lebt in Dresden
Studien an der Scuola Dimitri Verscio und an der Hochschule für Design & Kunst Luzern
Aufenthalte in Rom und Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Kreisen im All Tag›, Städtische Galerie Dresden
2018 ‹Von allem viel›, Galerie Ursula Walter, Dresden; ‹Realität›, Galerie Stephan Witschi, Zürich
2016 ‹flüchtig›, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2011 ‹Lächerliche Ewigkeit›, Galerie Christinger De Mayo, Zürich
2010 ‹Wandering Through Soul Provinces›, Museo Cantonale d’Arte, Lugano
2009 ‹Kompost›, Substitut, Berlin
2007 ‹Krieg Macht Liebe›, Centre Pasquart, Biel/Bienne
2005 ‹Milchstrasse›, Museum für Kunst und Geschichte, Freiburg; ‹Nichts verloren›, Stadtgalerie Bern
2004 ‹Curriculum I›, Musée jurassien des Arts Moutier
2000 ‹Time is on my side›, Ausstellungsraum o. T., Luzern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Der Grüne Henry – ein Kunstparcours durch Gottfried Kellers Zürich›, Zürich
2018 ‹Begegnungen›, Park am Rosenhügel, Chur
2017 ‹Arte Albigna›, Val Bregaglia
2016 ‹Transactions›, anlässlich Manifesta 11, Universität Zürich

Werbung