Leiko Ikemura — In der Welt sein

Leiko Ikemura · Usagi Kannon, 2012/2019, Bronze, patiniert, 340 x 159 x 138 cm, ca. 620 kg, © Pro Litteris. Foto: Studio Lange

Leiko Ikemura · Usagi Kannon, 2012/2019, Bronze, patiniert, 340 x 159 x 138 cm, ca. 620 kg, © Pro Litteris. Foto: Studio Lange

Hinweis

Wir brauchen Vieldeutigkeit, ist Leiko Ikemura überzeugt. Während patriarchale und monotheistische Hierarchien Kriege provozieren, wirkt ihre Kunst wie ein behutsamer Appell: Man folge den Bildern, die in Ost und West die menschliche Seele bewohnen, und unterwandere so traumwandlerisch jedes eiserne Gesetz.

Leiko Ikemura — In der Welt sein

Basel — Eine «konzentrierte Retrospektive» nennt das Kunstmuseum die Schau von Leiko Ikemura (*1951, Tsu, Japan). Drei Räume laden im Untergeschoss des Neubaus in eine kontemplative Stille ein. Wie der Begleitkatalog folgt die Auslegeordnung ­einer losen Chronologie, ohne dabei eine Entwicklungslogik zu behaupten: ­Spanien, die Innerschweiz, das bündnerische Fürstenberg, Nürnberg oder Mexiko haben Ikemuras Strich, Farbe und Materialwahl durchdrungen. Doch suchte ihr Blick in die Welt immer auch das Innere, Eigene. So handelt das Werk von der Natur des Seins, das sich keiner kulturellen Prägung, keinem religiös oder politisch motivierten Weltbild beugt. Der Ahnung weit näher als gesichertem Wissen, nimmt es Zwischenräume ein, umschreibt Erinnerung jenseits von Sprache, hält achtsam jeden Körper fern von der Definitionsmacht fester Begriffe. Das Rückgrat der Ausstellung ist zeichnerisch. Das ist kein Zufall: Das Basler Kupferstichkabinett legte schon 1982 die Basis für ein inzwischen auf rund 150 Blätter angewachsenes Konvolut. In ungeschönter Figuration rebelliert Ikemuras roher Strich von damals gegen die Ordnungen der Welt und der Geschlechter. Ein Cluster früher Blätter verankert ihren Werdegang so in der Schweizer Kunst, deren expressives Gebaren einem verinnerlicht subjektiven Schaffen den Weg bahnen wird. Im linearen Duktus reflektiert Ikemura Szenarien von Kampf und Gericht. Zeichnend öffnet sie in den Bergen ihre Palette einer lichten Farbigkeit. Aus dem Kohlestaub drängt später ein Ohrenhasenkörper nach der dritten Dimension: Unmittelbar neben der glasierten Terrakotta ‹Grüne Ohren lang›, 1993, hängen zwei Zeichnungen an der Wand. Intuitiv und tastend bringt Ikemura einen zärtlichen Surrealismus zur Welt. Ohr, Horn, Zunge, Zahn, Glied oder Scham sind nahe beieinander. Hinterfangen von einem intensiven Lindengrün, ist eine ganze Gruppe von Keramiken frontal aufgestellt wie die Protagonisten eines noch zu schreibenden Theaterstücks. Adoleszenz könnte dessen Thema sein, der Traum vom Sein im Werden, das in aller Zerbrechlichkeit die Verwandtschaft von Mensch und Tier zu speichern vermag. ‹Usagi Kannon›, die überlebensgrosse Bronze vor dem Fenster des dritten Saals, steht noch nicht an ihrem Platz, als mir Ikemura von ihrer Entdeckung im Basler Münster erzählt: In den Mischwesen am Chorgestühl habe sie einen Schalk gesehen, der hölzern und unverschämt dem Heiligen sein Gegenbild liefert. Jetzt wisse sie, mehr als zuvor: In dieser so seriösen Stadt sei ihr Schaffen richtig aufgehoben. 

Bis 
01.09.2019

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