Luc Tuymans — Unter die Haut gehen

Luc Tuymans · Twenty Seventeen, 2017, Öl auf Leinwand, 94,7 x 62,7 cm, Sammlung Pinault

Luc Tuymans · Twenty Seventeen, 2017, Öl auf Leinwand, 94,7 x 62,7 cm, Sammlung Pinault

Besprechung

Bei den vielen Ereignissen in diesem Biennale-Sommer in Venedig dürfte die Ausstellung ‹La Pelle› von Luc Tuymans im Palazzo Grassi herausragen. Der Häufung von Eindrücken von singulären Werken in der Grossausstellung setzt sie die überraschend vielfältigen Facetten im Gesamtwerk eines Einzelnen gegenüber.

Luc Tuymans — Unter die Haut gehen

Venedig — Auf zwei Etagen reihen sich rund um den Innenhof Längs- und Eckräume in einem einmaligen Rhythmus. Luc Tuymans hat diese Architektur genutzt, um eine überraschende Sequenz von Begegnungen zwischen Malereien aus allen Werkphasen zu zeigen. Die Regeln seines Spiels wechseln mit jedem Saal. Das grosse Hochformat der artifiziell hell glitzernden weissen Lichtlandschaft von ‹Mountains›, 2016, trifft mit seinen schwarzen seitlichen Einschüben auf das frühe Kleinformat ‹Body›, 1990, wo zwei schwarze Pinselstriche einen weissen Puppentorso von den Seiten her überschneiden. Jüngere Bilder sind wie die bisherigen Werke von Tuymans bestimmt durch eine eigentümlich verhaltene Farbigkeit und ein Licht, das aus dem Bildinneren wie durch einen Display nach vorne dringt, um manchmal die Gegenstände zu überblenden. Diese Malerei war schon immer in der illusionslosen Fläche angelegt. Neu ist jedoch eine Bildanlage, die den Blick nicht mehr auf Leerstellen fixiert und schockartig einfrieren lässt, sondern ihn streut, zersprengt und in viele Richtungen ausschweifen lässt. Dadurch ereignet sich eine ganz andere Form der Leerung. Auf ‹Brokaat›, 2016, mit dem Fokus auf Falten eines in den Primärfarben reich ornamentierten Vorhangs antwortet ‹Pillows›, 1994, wo sich ein grünlicher Schimmer seitlich verliert. Diese Auflösung von Strukturen durch Licht und ihre Wiederholung erinnern an die kürzlich von Tuymans kuratierten Ausstellungen barocker Kunst. Die grossen Einzelausstellungen von Luc Tuymans in München (2008) und Doha (2015/16) mochten vorläufige Retrospektiven sein. Kürzlich hat zudem die Publikation eines wissenschaftlichen Œuvre-Katalogs begonnen. Umso überraschender ist es, wie seine freie venezianische Inszenierung die aus den Ausstellungen und dem Katalog vertrauten Konstellationen aus den klar konzipierten Erstpräsentationen aufbricht. Das Ausstellungsplakat, das in der Stadt der Sehenswürdigkeiten um Aufmerksamkeit wirbt, ist abgeleitet von ‹Twenty Seventeen›, 2017: Im geometrisch harten Schlaglicht von Scheinwerfern erstarrt das Gesicht einer Frau zur Maske mit weit aufgerissenen Augen, während zwei Finger am unteren Bildrand verloren und unscharf ihr Kinn suchen. Diese Maske des Entsetzens erinnert an den Moment in ­einer brasilianischen Fernsehserie, als die Figur erfährt, sie habe bei der Bewerbung um einen Platz unter den reichsten drei Prozent der Gesellschaft verloren und werde nun, entsprechend ihrem Wetteinsatz, vergiftet. 

Bis 
06.01.2020
Autor/innen
Hans Rudolf Reust
Künstler/innen
Luc Tuymans

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