Pedro Wirz und ‹Unbehaust› — Prekäre Ökosysteme

Pedro Wirz · Consoantes líquidas (Flüssige Konsonanten), 2019, Ausstellungsansicht Kunsthaus ­Langenthal, Courtesy Nagel Draxler Gallery, Berlin/Köln. Foto: Martina Flury Witschi

Pedro Wirz · Consoantes líquidas (Flüssige Konsonanten), 2019, Ausstellungsansicht Kunsthaus ­Langenthal, Courtesy Nagel Draxler Gallery, Berlin/Köln. Foto: Martina Flury Witschi

Lynne Kouassi & Daniel Dressel · Habitat, 2019, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Martina Flury Witschi

Lynne Kouassi & Daniel Dressel · Habitat, 2019, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Martina Flury Witschi

Besprechung

Das Verhältnis Mensch – (Um)Welt bildet die Basis zweier ganz unterschiedlicher Ausstellungen in Langenthal: Inszeniert Pedro Wirz als theatralische Rauminstallation ein rätselhaftes Ökosystem, arbeiten in ‹Unbehaust› fünf Kunstschaffende an der brüchigen Grenze von Innen und Aussen, Haus und Welt.

Pedro Wirz und ‹Unbehaust› — Prekäre Ökosysteme

Langenthal — Ein Theatervorhang bildet den Auftakt der Gesamtinstallation ‹a curbing wall of debris\landfilling› des brasilianisch-schweizerischen Künstlers Pedro Wirz, die sich über sechs Räume erstreckt, zu einem «Schaubild» mit verschiedenen Eiern führt und in einem «Nest» aus alten Textilien mündet. Der Boden ist mit Sub­strat bestreut, über das ein Sisalteppich der Firma Ruckstuhl, Langenthal, einen Pfad vorgibt. Im zweitletzten Raum sitzen Ochsenfrösche aus Bienenwachs, bunt eingefärbt, auf Erdsockeln. Die ambivalenten Geschöpfe gelten in der brasilianischen Mythologie als Mittlerfiguren – werden aber auch gezüchtet und gegessen. Wirz faszinieren die Organismen mit ihrer Metamorphose auch aus biografischen Gründen: Seine Eltern erforschten Amphibien. Der Kreislauf schliesst sich im letzten Raum mit dem Relief ‹Leihmutter›, einem schwarzen, Eier ausbrütenden Organ sowie Amphibien in verschiedenen Entwicklungsstadien. Es sind Stufen des Werdens, Wachsens und Sich-Ausbildens in einer von Zivilisation kontaminierten Natur, die Wirz als Bildhauer in dieser starken, manchmal etwas übersteigerten Schau darstellt.
‹Unbehaust›, kuratiert von Eva-Maria Knüsel, spürt dem Verschwimmen von öffentlicher und privater Sphäre nach: In ‹Habitat›, einer Zweikanal-Videoarbeit, hinterfragen Lynne Kouassi und Daniel Dressel den Heimatbegriff. Sie zeigen afrikanische Halsbandsittiche, die in London frei herumfliegen, während sich heimische Rotkehlchen im Palmenhaus eingenistet haben. Im getäferten Eckraum präsentiert, sehen wir zugleich die Früchte und Vögel im ornamentalen Deckenschmuck und können über die Faszination fürs Exotische im ehemaligen Kaufhaus nachdenken. ­Rebecca Kunz dagegen baut beklemmende Erfahrungsräume und Daniel V. Keller zeigt ein Modell von Hochhäusern im Rohbau, dem er Sprengungen im Video gegenüberstellt … Bebauungen sind immer Schutz und Begrenzung und dienen der Zementierung von Machtverhältnissen, sie zerfallen aber ebenso leicht zu Bausteinen. In Anja Brauns Arbeit etwa liegen rechteckige Körper wie hingeworfen auf einem Haufen Kies. Die Malerin denkt ihre abstrakte Installation von der Raumwirkung her, lässt Bilder von Ruinen – oder die Moderne durch die Farbgebung – nur anklingen.
Der Musiker und Performer Leo Hofmann wählt für seine Recherche das Kunsthaus gar als Behausung und kreiert einen seltsamen halböffentlichen Raum. Es sind solche Zwischenzustände, die jedes Werk in einer eigenen Sprache ausbildet, die in dieser Ausstellung eine Vielfalt von Bezügen aufblitzen lässt. 

Bis 
23.06.2019
Autor/innen
Adrian Dürrwang
Künstler/innen
Pedro Wirz

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