Philippe Vandenberg — Kamikaze

Philippe Vandenberg · Ohne Titel, ca. 1996, Blut, Kohle und Pauspapier auf Baumwolle, 200 x 200 cm, Courtesy Hauser & Wirth © ProLitteris. Foto: Joke Floreal und ­Guillaume Vandenberghe

Philippe Vandenberg · Ohne Titel, ca. 1996, Blut, Kohle und Pauspapier auf Baumwolle, 200 x 200 cm, Courtesy Hauser & Wirth © ProLitteris. Foto: Joke Floreal und ­Guillaume Vandenberghe

Philippe Vandenberg · Zu lieben heisst zu geisseln, 1981–1998, Öl und Kohle auf Leinwand, 152 x 302 cm, Courtesy Hauser & Wirth © ProLitteris. Foto: Joke Floreal und Guillaume Vandenberghe

Philippe Vandenberg · Zu lieben heisst zu geisseln, 1981–1998, Öl und Kohle auf Leinwand, 152 x 302 cm, Courtesy Hauser & Wirth © ProLitteris. Foto: Joke Floreal und Guillaume Vandenberghe

Besprechung

Philippe Vandenberg, einer der bedeutendsten Künstler Belgiens, eckte an, provozierte und irritierte. Stilistische Brüche, Überarbeitungs- und Zerstörungsprozesse bilden seine zentrale Strategie. Nun sind seine radikalen und magischen Werke aus dem Zeitraum von 1995 bis 2009 in ihrer ganzen Kraft zu erleben.

Philippe Vandenberg — Kamikaze

Biel — Philippe Vandenberg (1952–2009) liess sich Blut entnehmen, um Leinwände zu bemalen. Nachdem sein Arzt ihn gewarnt hatte, dass er damit seine Gesundheit ernsthaft gefährde, wechselte er zu Hasenblut. In dem grossformatigen Werk von 1996, das mit Blutstropfen übersät ist, sieht man in der rechten oberen Ecke einen roten, lächelnden Mund mit langen Zähnen. Ich weiss nicht, ob er mich zähnefletschend angrinst oder ob er im Begriff ist, mich mit zynischem Lachen zur Schnecke zu machen. Die Condition humaine hat Vandenberg sein Leben lang in all seinen Abgründen umgetrieben – Verstrickungen in Liebe, Abhängigkeit und Hass, Unschuld und Schuld, Vergebung, Zerstörungswut und Gewalt, Schönheit und Hässlichkeit. Den Rahmen bilden Themen aus der europäischen Literatur, des politischen Geschehens, der Mythologie und der Religion. Ein grossformatiges, monochromes schwarzes Bild zeigt in Weiss geschriebene Satzfetzen, welche die ambivalente Beziehung des Künstlers zu Gott offenbaren: «C’est un cri dans le désert.» Das Malen und besonders das Zeichnen bedeutete ihm einen heilenden «Ausweg aus dem Eingesperrtsein im Leben». Zweifellos war Philippe Vandenberg ein extremer Mensch, gezeichnet von Drogensucht und Depressionen, die ihn schliesslich 2009 in den Suizid trieben. Extreme sind charakteristisch für sein Werk. Dafür fand er die Kamikaze-Methode: die kreative Neuschaffung aus der Zerstörung des Vergangenen. Dabei vernichtete Vandenberg nicht nur seine Arbeiten, sondern warf auch Denkgewohnheiten über Bord. Um jeden Preis wollte er «in Bewegung bleiben». Dazu gehörten auch seine stilistischen Brüche zwischen expressiven, figurativen Gemälden und abstrakten Arbeiten und Schriftbildern. Das Kamikaze-Prinzip erhob er dabei zu seiner wichtigsten Maxime: «L’important c’est le kamikaze.» Den pastosen Farbschichten sind die Buchstaben «K.A» oder «KA.M» eingeschrieben. Kamikaze, die selbstmörderische japanische Luftangriffstaktik im Zweiten Weltkrieg, spiegelt sich auch im Symbol der Swastika, das Vandenberg oft aufgriff: einerseits in ihrer ursprünglichen Form als religiöses Glücks- und Sonnensymbol, das im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus bis heute verwendet wird, andererseits durch eine Kippbewegung in pervertierter Form als Hakenkreuz. So vereinen sich in Vandenbergs magisch aufgeladenen Werken Werden und Vergehen, Schöpfung und Zerstörung in ewiger Wiederkehr. 

Bis 
16.06.2019

→ ‹Philippe Vandenberg – Kamikaze›, Centre Pasquart, Biel, bis 16.6.; in Kollaboration mit der ­Hamburger Kunsthalle (16.11.2018–24.2.2019) ↗ www.pasquart.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Philippe Vandenberg 14.04.201916.06.2019 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Philippe Vandenberg

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