Samuel Schellenberg — Schreiben im Mikrokosmos Romandie

Fokus

Ein Prix Meret Oppenheim 2019 geht an Samuel Schellenberg. Mit der Auszeichnung für einen engagierten Autor, der für die Tageszeitung Le Courrier in Genf über Kunst schreibt, setzt die Eidgenössische Kunstkommission ein wichtiges Zeichen für die Zukunft des kritischen Schreibens:

Samuel Schellenberg — Schreiben im Mikrokosmos Romandie

Reust: Félicitations zum Prix Meret Oppenheim! Dieser Name steht für eine Künstlerin, die auch Weltbürgerin war. Sollten wir heute überhaupt noch von «Schweizer Kunst» oder einer «Szene der Romandie» sprechen?
Schellenberg: Die Schweiz, so klein sie sein mag, bleibt ein Land der Regionen. Wie früher schon bewegen sich die Künstlerinnen und Künstler aus der Romandie recht selten über die Saane hinaus – und vice versa. Dennoch hat sich die Situation in den vergangenen fünfzehn Jahren positiv verändert. Auch wenn die Bologna-Reform viele Mängel hat, erleichtert sie unbestreitbar den Austausch: Man beginnt das Studium in Lausanne oder Genf, um es mit einem Bachelor oder Master in Bern, Sierre, Zürich, Luzern oder Basel zu ergänzen. Dabei bleibt man mit verschiedenen lokalen Szenen in Kontakt. Gleichzeitig laden die selbstverwalteten Kunsträume gerne Kunstschaffende aus anderen Sprachregionen ein, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch Pro Helvetia. So entstehen Verbindungen, oft auch Gegeneinladungen.
Reust: Wie ist in dem Kontext der Neubau des Kunstmuseums Lausanne zu werten?
Schellenberg: Klein, mittel oder gross, die Institutionen bilden zusammen einen Mikrokosmos, in dem die Mehrheit eine ziemlich gut definierte Rolle spielt. In diesem Land wimmelt es von privaten Sammlern, deshalb müssen die Regionen über starke Museen verfügen. Einerseits sichern sie den Primat der Öffentlichkeit, sodass es nicht zu einer unbegrenzten Vervielfachung privater Stiftungen in Bauten von Stararchitekten kommt; andererseits können sie bei Bedarf auch Privatsammlungen aufnehmen, wenn die Bedingungen stimmen. Regionale Museen spielen eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der Geschichte. Sie müssen einen guten Teil ihrer Bestände auch permanent zeigen können, damit das Publikum deren Bedeutung versteht. Daher macht das neue Museum in Lausanne völlig Sinn, vor allem auch, weil es mit einer ganz waadtländischen Bescheidenheit gedacht worden ist, ohne Disproportion.
Reust: Silvie Defraoui, John Armleder, Olivier Mosset oder Gianni Motti sind Schlüsselfiguren ihrer Zeit mit weit überregionaler Ausstrahlung. Wie sieht es heute aus in der Romandie? Gilt «We don’t need another hero»? Geht der Trend zum Kollektiv?
Schellenberg: Du hast recht, die Leitfiguren scheinen zu entschwinden. Zum Teil sicher auch, weil sich die Wechsel im Lehrkörper der Kunsthochschulen beschleunigen: Es ist vorbei mit Generationen von Studierenden, die von einer einzigen Person beeinflusst werden. Es zeigt sich aber auch ein Paradigmenwechsel im Austausch unter den Kunstschaffenden selbst, eine Verweigerung der bisher gängigen Formen von Individualismus. Man versucht zu kollaborieren, nicht zwingend im Sinn einer gemeinsamen künstlerischen Praxis wie zwischen 1960 und 1990, sondern im Rahmen eigener Kunsträume, die überall in der Schweiz aus dem Boden schiessen – allein in Lausanne und Genf gibt es mehr davon als in Paris! Es besteht eine wahre Lust auf Gemeinsamkeit, die eine festliche Komponente hat, sich aber vor allem auf die Kunst und die kuratorischen Entscheidungen im Kollektiv an der Spitze dieser Räume bezieht.
Solche Horizontalität des Austauschs lässt das Bedürfnis nach einer grossen Referenz überflüssig erscheinen: Die neuen Kunsträume benötigen keine Mutter- oder Vaterfigur mehr. Die Explosion von Wünschen nach Gemeinschaft zeigt sich paradoxerweise in dem Moment, in dem «Bologna» an den Kunsthochschulen eher den neoliberalen Wind und die Konkurrenz stärkt, was sich schlecht mit der Lust auf Kollektive verträgt. Doch die Ausbildungen selber ermutigen zu selbstverwalteten Räumen, wo die Jungen lernen, Budgets zu gestalten, sich an der Realwelt zu reiben.

Wie steht es mit der Kunstkritik?
Reust: Wie geht es der Kunstkritik in der Tagespresse?
Schellenberg: In der Schweiz steht sie offensichtlich auf Bewährung: Sie ist nicht verschwunden, tritt aber immer mehr zurück hinter Artikeln vor der Eröffnung. Umrahmt von schönen Fotos, bezieht der Text keine Stellung, vielmehr leiht er seine Stimme allein den Kuratierenden (oder dem Medientext). Bei Gegenwartskunst ist die Lage noch schwieriger. Einige Akteure bedauern dies, andere weichen auf soziale Medien oder in Medienpartnerschaften aus, um sichtbar zu bleiben. Viele haben bereits jeden Sinn verloren für das, was die Kritik einer Ausstellung oder den Kunstschaffenden bringen kann. Es genügen oft einige verstreute Bemerkungen, damit Institutionen einen Artikel gar nicht erst auf ihren sozialen Medien verlinken: traurig!
Reust: Gibt es wahrscheinliche Zukunftsszenarien?
Schellenberg: Es ist paradox, dass die Medien heute wie besessen sind von «Betroffenheit», von allem, was die Aufmerksamkeit der Lesenden erregt, weil es ihren Lebensnerv im Alltag trifft. Doch zeitgenössische Kunst ist genau diejenige, die hervorragend immer wieder Position bezieht gegenüber dem Gegenwärtigen, die nicht aufhört, Spiegel zu sein, in dem sich das Publikum mit seinen Erlebnissen oder seiner persönlichen Sicht auf die Dinge konfrontiert sieht. Genau deswegen wird die Ausstellungskritik ihren wichtigen Platz behalten in einer Zeitung wie Le Courrier: Wer über die Kunst von heute spricht, kann über tausend andere wichtige Dinge reden.
Die Verhältnisse ändern sich rasch, alle Medien testen neue Formate, um sie meistens bald wieder aufzugeben. Es ist sehr schwierig, sich vorzustellen, wie die Zukunft sein wird, doch genau dies versucht ‹Crritic!›, eine ‹Veranstaltungsreihe zur Kunstkritik in der Schweiz› von Aoife Rosenmeyer und Daniel Morgenthaler, unterstützt durch Pro Helvetia. Ich selber bin fest überzeugt, dass das teilweise Verschwinden der Kunstkritik aus den Zeitungen auf einem Missverständnis beruht. Die Herausgeber denken, die Lesenden seien nicht mehr interessiert. Ich beobachte das Gegenteil.

Konstruktive Kritik schafft Mehrwert
Wie alle Journalisten bin ich ein Vermittler zwischen Ausstellungen, Kunstschaffenden und Lesenden. Wer Gegenwartskunst in einer generalistischen Tageszeitung betreut, lebt mit einer Schwierigkeit: Man muss ständig verschiedene Typen möglicher Leserinnen und Leser im Auge behalten – Leute, die mit den Codes der zeitgenössischen Kunst schon vertraut sind, insbesondere die Protagonisten der Szene (Kunstschaffende, Kuratierende, Galerien), aber auch die gelegentlichen Liebhaber oder die völligen Neulinge. Letztere begegnen deinen Artikeln nicht selten mit einer Menge Vorurteile, weil die Darstellung von Kunst in den Medien beherrscht wird von den Exzessen des Marktes und einigen schwerreichen Stars. Ich muss alle einbeziehen. Beim Balanceakt zwischen gelehrter Sprache und einem Minimum an Didaktik ist es oft am einfachsten, zu erzählen, warum ein künstlerischer Ansatz pertinent wirkt, weshalb er möglicherweise Sinn macht in unserer Zeit und im Licht der Kunstgeschichte. Wann immer es geht, sollten die Künstlerinnen und Künstler selber zu Wort kommen. Damit lässt sich zeigen, dass zeitgenössische Kunst tausendmal mehr wert ist als die von den Boulevardmedien und den sozialen Netzwerken verbreiteten Klischees. Gut vorgetragen und begründet, mit einer Haltung, die ich persönlich lieber konstruktiv als destruktiv verstehe, schafft die Kritik einen beachtlichen Mehrwert.

Hans Rudolf Reust: Kunstkritiker, Ko-Studienleiter Fine Arts an der Hochschule der Künste Bern HKB. Präsident der Kunstkommission Parlamentsgebäude (Bundeshaus). hreust@bluewin.ch

→ Preisverleihung Prix Meret Oppenheim und Schweizer Kunstpreise, Halle 3, Messe Basel, 10.6., 17–18.30 Uhr ↗ swissartawards.ch ↗ bak.admin.ch (Aktuelles)

Samuel Schellenberg (*1971, Zürich, aufgewachsen in Lausanne), lebt in Lausanne
Studium der Kunstgeschichte in Lausanne
Journalist, Kunstkritiker und Verantwortlicher der Kulturrubrik von Le Courrier, einer unabhängigen
Tageszeitung mit Sitz in Genf

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