Metamorphosis Overdrive — Auswahl im Überfluss

Ilona Ruegg · Equation of Loss, 2019; hinten: Camille Blatrix, Fra Francesca, 2019, Ausstellungsansicht ‹Metamorphosis Overdrive›, Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler

Ilona Ruegg · Equation of Loss, 2019; hinten: Camille Blatrix, Fra Francesca, 2019, Ausstellungsansicht ‹Metamorphosis Overdrive›, Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler

Besprechung

Unendlich schöne grosse Waren- und Werkzeugwelt – acht künstlerische Positionen: Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt die Transformation der Dinge. Sie reicht vom Fantastischen bis zum Nüchternen und birgt Aussagen darüber, wie Konsum und Kommerz über Objekte und deren Gestaltung gesteuert werden.

Metamorphosis Overdrive — Auswahl im Überfluss

St. Gallen — Ob die Muttergottes als Magd oder Königin auftritt, ob sich wie bei Arcimboldo Früchte, Gemüse oder Tiere zu einem Haupt formen oder aus einem Urinal ein Brunnen wird – Verwandlungen prägen die Kunst seit langem. Sie sind vielleicht einer ihrer wichtigsten Wesenszüge und spiegeln sowohl kunstimmanente als auch gesellschaftliche Diskurse. So sind in jüngerer Zeit die Anziehungskraft der Dinge, ihre Gestaltung, Fetischisierung, ihr Anspruch als Alleskönner und Sehnsuchtsobjekt ein ergiebiges Thema für Künstlerinnen und Künstler. Das Kunstmuseum St. Gallen widmet ihm unter dem Titel ‹Metamorphosis Overdrive› eine Gruppenausstellung. Die Spannbreite ist weit, gemeinsamer Nenner ist das Objekt. Es wird beispielsweise im Sinne eines Readymades verwendet und erfährt allein durch die neue Positionierung und neue Sichtweisen eine Umdeutung. Dann wieder sind es die Sichtweisen selbst, auf die ein verwandelnder Blick geworfen wird. Anderen Objekten wird durch kleine Eingriffe zu neuen Identitäten verholfen. Und es gibt jene Werke, die in Material oder Form an Bekanntes erinnern, aber doch vollständig neu gestaltete Objekte sind. Sie unterscheiden sich von industriell hergestellten Massenprodukten durch ihre handwerklich aufwendige Fertigung, durch die verwendeten Materialien oder die nicht zweckgebundene Form. Aber gerade Letztere lenkt umso mehr die Aufmerksamkeit auf die ungebremste Dekorierung des Alltags. Dass die Form der Funktion folgen solle, gilt nur einer sich gestaltungsbewusst gebenden Szene als ehernes Gesetz. Eine grosse Menge von Gebrauchsgegenständen hingegen blufft mit Rillen, Noppen, Bubbles. Extrabreit und karbonverstärkt, LED-beleuchtet oder seidenmatt wird um die Gunst der Konsumentinnen und Konsumenten geworben. Als ergiebigstes Feld, um konstruierte Begehrlichkeiten künstlerisch zu untersuchen, erweist sich die Welt der Fahrzeuge von der Yacht bis zum Auto. Diese Metamorphosen der motorisierten Fortbewegung passen besonders ins postmoderne Untergeschoss des Kunstmuseums, denn auch die Architektur versucht mit mächtigen Formen und Gesten aufzutrumpfen. Gekonnt ist die Arbeit Ilona Rueggs platziert. In eine Durchgangssituation stellt die Künstlerin zwei Supermarktkassen mit Laufband hochkant: Alles muss weitergehen, das Geld muss fliessen. Die Verdoppelung ist aber auch der Anfang der Reihung, sie eröffnet simultan zur Architektur Zwischenräume und somit die Chance zum Innehalten, zur Reflexion.

Bis 
06.09.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Metamorphosis Overdrive 11.05.202020.09.2020 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Ilona Ruegg
Autor/innen
Kristin Schmidt

Werbung