Public Art/Hermann Hubacher — Ganymed

Hermann Hubacher · Ganymed, 1946–1952, Bronze, Bürkli-Terrasse, Zürich, Ausführung: Giesserei Jäckle, Zürich, Courtesy Kunstsammlung der Stadt Zürich

Hermann Hubacher · Ganymed, 1946–1952, Bronze, Bürkli-Terrasse, Zürich, Ausführung: Giesserei Jäckle, Zürich, Courtesy Kunstsammlung der Stadt Zürich

Hinweis

Public Art/Hermann Hubacher — Ganymed

Zürich — «Why is he beating the bird?», fragte mich vor Jahren Wei, eine Freundin aus ­Taiwan, die ich über den Wochenmarkt auf dem Bürkliplatz begleitet und dann zu der Terrasse am Seeufer geführt hatte, von wo aus man an jenem sonnigen Tag im Mai die Glarner Alpen gestochen scharf sehen konnte. «Das ist Ganymed. Er schlägt den Adler nicht, er deutet zum Himmel, wo sie gleich beide hinfliegen werden, denn der Vogel, das ist in Wahrheit Zeus. Ganymed wird im Olymp sein Mundschenk sein.» Wei sah mich zweifelnd an: «Are you sure?» Ich zeigte ihr auf meinem Telefon Bilder von Michelangelos Ganymed. «Das sieht aber ganz anders aus, da geht es um Sex», kommentierte sie und ich musste ihr recht geben. In der Plastik von Hermann Hubacher auf der Bürkli-Terrasse scheint es nicht um Sex zu gehen, auch wenn das Kunstwerk bei seiner Einweihung 1952 als ein Monument für die homosexuelle Liebe gefeiert wurde. Eher erkennt man die «zuchtvolle Schönheit!», die ihr Stifter forderte, der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin.Heute sind die Berge hinter dichten Wolken verborgen, prasselt der Regen in das frische Grün der Ahornbäume. Wasser läuft über das Gesicht des Jungen, tropft von seinem Kinn, tropft vom Schnabel des Adlers, bildet silberne Fäden in den Spinnennetzen, die überall an der Bronze hängen. Ich mag diese Terrasse, auch an trüben Tagen, wenn der See kein Ende hat, dann fühle ich mich hier fast wie am Meer. An der Anlegestelle etwas weiter westlich sitzen stumm und in grossen Abständen ein paar ältere Männer unter dem hohen Dach, starren hinaus in den Dunst. Warten sie auf ein Schiff? Ich kann weit und breit keinen Dampfer sehen, nur ein kleines Motorboot tuckert vorbei. Zwischen den Stegen gleiten Schwäne hin und her, ihre weissen Körper wirken so rein auf dem trüben Wasser des Sees, ihre Bewegungen so elegant, so beherrscht und aufeinander abgestimmt, ein Ballett im Regen. Plötzlich merke ich, dass ich von lauter Pärchen umgeben bin. Da hocken zwei Enten Flügel an Flügel unter einer Sitzbank, dort watscheln zwei andere im Gleichschritt über den Kies, das Weibchen voraus. Direkt vor mir sind zwei Strassentauben intensiv miteinander beschäftigt, sie reiben sich die Schnäbel, schütteln die Köpfe, hüpfen im Takt, drehen sich nach links, walzern nach rechts und dann steigt plötzlich ein Vogel dem anderen auf den Rücken. Heftiges Geflatter. Ein Liebesakt? Ein Ritual der Unterwerfung? Ein Spiel? Ich kenne mich bei Tauben nicht aus. Wieder kommt mir Wei in den Sinn, die mich fragte, ob diese Terrasse ein Ort für Pärchen sei. Sie meinte natürlich Menschenpärhen. In Taipeh gibt es ja tatsächlich «spezialisierte» Parks. Ich weiss nicht mehr, was ich ihr zur Antwort gab. Auf der linken Seite des Sockels sind, kaum noch lesbar, die ersten Zeilen von Goethes Ganymed-Hymne eingemeisselt: «Wie im Morgenglanze / Du rings mich anglühst / Frühling, Geliebter!» Das ist eindeutig zweideutig. Und passt so zur Plastik. Bei ihrem Anblick bin auch ich nie sicher, ob Ganymed seinen Verführer nicht doch vielleicht ohrfeigen will. Man wird es nie wissen. 

Autor/innen
Samuel Herzog
Künstler/innen
Hermann Hubacher

Werbung