SKKG — Historische Objekte zeitgenössisch verhandeln

Inventarisierung der Sammlung: 60’000 Objekte werden gereinigt, inventarisiert und für die ­Lagerung bereitgestellt. Foto: Michael Lio

Inventarisierung der Sammlung: 60’000 Objekte werden gereinigt, inventarisiert und für die ­Lagerung bereitgestellt. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Lagerung der Sammlung. Foto: Michael Lio

Inventarisierung der Sammlung von Bruno Stefanini. Foto: Michael Lio

Inventarisierung der Sammlung von Bruno Stefanini. Foto: Michael Lio

Die Führungscrew der SKKG (von links): Severin Rüegg (Leiter Sammlung), Andreas Geis (Leiter Förderung), Bettina Stefanini (Präsidentin des Stiftungsrats), Sarah Fehr (Projektkoordinatorin), Christoph Lichtin (Geschäftsführer). Foto: Michael Lio

Die Führungscrew der SKKG (von links): Severin Rüegg (Leiter Sammlung), Andreas Geis (Leiter Förderung), Bettina Stefanini (Präsidentin des Stiftungsrats), Sarah Fehr (Projektkoordinatorin), Christoph Lichtin (Geschäftsführer). Foto: Michael Lio

Fokus

Die Sammlung des Winterthurer Immobilienunternehmers Bruno Stefanini ist eine der grössten der Schweiz. Fasziniert von Europas Geschichte, begann er in den 1950ern zu sammeln und gründete 1980 die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, SKKG. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Christoph Lichtin und Andreas Geis, Leiter Förderung, über die neue Ausrichtung.

SKKG — Historische Objekte zeitgenössisch verhandeln

Bernardi: Bruno Stefanini sammelte während über sechzig Jahren Kunst- und Kulturobjekte aller Art. Die Schwerpunkte und die Dimension der Sammlung sind der Öffentlichkeit unbekannt. Wie viele Objekte umfasst die Sammlung?

Lichtin: Wir haben aktuell rund 15’000 Objekte erfasst und arbeiten gerade an einem grossen Registrierungsprojekt. Ein 16-köpfiges Team erfasst täglich 100 bis 150 Objekte. Dazu gehören auch die Reinigung, das Fotografieren und das Einlagern. Da jedes Objekt wiederum aus mehreren Einzelteilen bestehen kann, ist es schwierig zu sagen, wie viele Objekte die Sammlung tatsächlich umfasst. Als Beispiel: Wir haben in den letzten drei Monaten 3500 Inventarnummern vergeben, das sind jedoch 35’000 Einzelteile. Aktuell gehen wir von 60’000 Nummern aus. Das Projekt soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein.

Bernardi: Bruno Stefanini interessierte sich vor allem für die europäische Geschichte. Lässt sich die Sammlung thematisch eingrenzen?

Lichtin: Die Sammlung enthält viele Kunstwerke, die zwischen 1800 und 1950 entstanden sind. Darunter sind alle Gattungen vertreten, bekannte Künstler wie Ferdinand Hodler, aber auch unbekannte Namen. Bruno Stefanini hat Dinge aller Art gesammelt, auch Werbeplakate und Kitschobjekte. Das Testament von Napoleon haben wir in einer Dokumentenhülle in Bruno Stefaninis Schreibtisch gefunden. Napoleon hat ihn fasziniert. Zwei Dutzend Puppenhäuser besass er aber auch. Stefanini orien­tierte sich nicht unbedingt am kunsthistorischen Kanon. Vielmehr interessierten ihn der Inhalt und die kulturelle Bedeutung dieser Objekte und welche Wirkungskraft sie auf ihre Betrachterinnen und Betrachter haben.

Geis: Bruno Stefanini war kein Kunsthistoriker, sondern Immobilieninvestor und leidenschaftlicher Sammler. Diese Leidenschaft, seine Liebe und Obsession, das wird in der Sammlung spürbar.

Bernardi: Wie wird die Sammlung weiterentwickelt?

Lichtin: Das ist noch nicht entschieden, da aktuell knapp ein Viertel der Sammlung erfasst ist. Wir müssen zuerst herausfinden, worin die Schwerpunkte und Qualitäten der Sammlung bestehen, um diese dann weiterzuentwickeln.

Bernardi: Lassen Sie dabei den Willen von Bruno Stefanini miteinfliessen?

Lichtin: Für Stefanini war die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe zentral. Dieses Interesse führen wir nun weiter, indem wir uns fragen: Welche Objekte verbinden wir mit unserem kulturellen Erbe? Wie lassen wir die Öffentlichkeit daran teilhaben? Diese Fragen beschäftigen uns derzeit zum Beispiel bei Schloss Grandson. Welche Bedeutung kann die Erinnerung an die Schlacht für die Menschen heute haben? Wir setzen uns zunächst mit diesen Fragen auseinander, bevor wir den Bestand weiter ausbauen. Nur weil die Sammlung beispielsweise schon 100 Werke von Ferdinand Hodler umfasst, macht es keinen Sinn, noch ein weiteres anzukaufen.

Bernardi: Wie definieren Sie «kulturelles Erbe»?

Lichtin: Wir sind der Meinung, dass dieser Begriff nur auf einer partizipativen Ebene definiert und erforscht werden kann. Sprich, dass nicht wir als Profis allein bestimmen, was kulturelles Erbe sein kann, sondern dessen Bedeutung neu verhandelt wird.

Bernardi: Wie kann Kulturerbe partizipativ erforscht werden?

Lichtin: Zunächst müssen wir sichtbar machen, was die Sammlung enthält. Um die Objekte dann öffentlich zugänglich zu machen, sind wir auf Partner angewiesen. Wir werden nun fortlaufend versuchen, die Objekte an Museen, Kuratorinnen und Kuratoren, aber auch an Forschungsprojekte heranzubringen. Doch neben Ausleihen im üblichen Sinn planen wir in unserem künftigen Sammlungshaus auch Möglichkeiten der Partizipation. Doch auch hier stehen wir noch am Anfang: Wir suchen dafür gerade einen Standort in Winterthur. Gleichzeitig fragen wir uns: Wer ist unser Publikum? Ist es die Museumsszene oder die breite Öffentlichkeit? Da die Stiftung viele Liegenschaften besitzt, könnte es spannend sein, auch diese unterschiedlichen Gruppen anzusprechen. Eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, war auch das Anliegen von Bruno Stefanini.

Geis: Die Objekte machen nur dann Sinn, wenn sie rezipiert werden, wenn sie wahrgenommen und besprochen werden. Erst dann können sie ihre Qualität als kulturelles Erbe überhaupt entfalten. Wir wollen keinen eigenen Ausstellungsbetrieb gründen, sondern mit anderen zusammenarbeiten und neue Formate erproben.

Bernardi: Sie haben es erwähnt: Knapp ein Viertel der Sammlung ist erfasst. Für welche Werke ist die Sammlung bekannt, für welche Werke werden Sie angefragt?

Lichtin: Wir werden mehrheitlich für Werke namhafter Künstler angefragt: beispielsweise Giacometti, Hodler oder Vallotton.

Geis: Darum beabsichtigen wir, mit der Sammlung und der Förderung bei den Fachkolleginnen und -kollegen das Interesse zu wecken, auch mit anderen Objekten zu arbeiten, die sich ausserhalb des bekannten Kanons befinden. Dazu müssen wir auf sie zugehen, sie mit Exponaten unterstützen und gemeinsam mit ihnen erforschen und lernen, wie man das bewerkstelligen kann.

Bernardi: Neben der Sammlung ist die Förderung ein zentraler Bereich der Stiftung. Wie werden die Förderbeiträge vergeben?

Geis: Wichtig ist uns, dass wir von und mit den geförderten Institutionen und Projekten lernen. Auch für unsere eigene Arbeit mit der Sammlung. Dafür setzen wir drei Förderprogramme auf: Wagnis, Skalierung und Struktur. Jedes fokussiert auf einen anderen Bereich. Bei Wagnis geht es um Projektförderung, auch um erste Schritte. Skalierung soll diejenigen Institutionen unterstützen, die sich bereits intensiv mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen. Alle drei Programme verfolgen ein gemeinsames Ziel: mehr Partizipation im materiellen Kulturerbe – auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Bernardi: Wie ist das zu verstehen?

Geis: Da sind wir offen. Wichtig ist uns, dass partizipative Elemente nicht nur in der Vermittlung gedacht werden. Besonders interessiert uns, wie man Partizipation im Sammeln und Bewahren umsetzen kann. Wir sind gespannt, welche Institutionen in der Schweiz sich gemeinsam mit uns dafür interessieren. Was Partizipation nun genau bedeutet, dafür gibt es keine Blaupause. Das sind tiefgreifende Diskussionen, die befragen, was Sammlungen sind und sein könnten. Grundlegend ist unsere Überzeugung, dass in einer immer diverser werdenden Gesellschaft die Auseinandersetzung mit unserem gemeinsamen Kulturerbe wichtig ist. Wir glauben, das trägt dazu bei, Verständnis und sozialen Zusammenhalt zu erzeugen und zu festigen.

Bernardi: Wie hoch sind diese Förderbeiträge?

Geis: Wir planen mit bis zu drei Millionen Franken pro Jahr. Einerseits können sich die Institutionen ab diesem Herbst auf unserer Website für einen Förderbeitrag bewerben. Andererseits werden wir auch aktiv auf interessante Projekte zugehen. Wir möchten aber nicht nur Institutionen unterstützen, die sich an diesen Bereich heranwagen oder ihn ausbauen möchten, sondern auch die Debatte fördern: Was bedeutet Partizipation? Was Kulturerbe? Dafür braucht es Austausch, Forschung und Journalistinnen und Journalisten, die diesen Diskurs vorantreiben. Uns geht es um Austausch und eine Förderungsbeziehung mit nachhaltigen Veränderungen in gemeinsamen Lernerfahrungen. Dazu gehört auch, dass wir selbst Lernende sind und keinen Punkteplan vorgeben, der abgearbeitet werden kann.

Bernardi: Wie vereint man eine historische Sammlung mit zeitgenössischen Positio­nen und Fragestellungen? Wie wird die Sammlung weiterentwickelt?

Geis: Unsere Objekte sind historisch, aber unser Umgang damit ist zeitgenössisch und zukunftsgewandt.

Lichtin: Wir versuchen, die Sammlung in unsere Gegenwart zu übertragen, zu fragen: Was bedeuten die Objekte in unserer Zeit?

Giulia Bernardi ist freie Autorin, sie lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

www.skkg.ch

Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte/SKKG

Gründung 1980 von Bruno Stefanini (1924–2018, Winterthur)
Mit rund 60’000 Objekten und rund 300 Liegenschaften gehört die Sammlung zu den grössten der Schweiz. Nach einem Bundesgerichtsentscheid 2018 wird die sowohl operativ tätige als auch Fördermittel sprechende Stiftung unter dem Präsidium seiner Tochter Bettina Stefanini reorganisiert.

Christoph Lichtin (*1963, Solothurn)
Seit 2019 Geschäftsführer der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte
2013–2019 Direktor am Historischen Museum Luzern
2004–2013 Sammlungskonservator und Kurator am Kunstmuseum Luzern
1995–2001 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bern

Andreas Geis (*1982, Bad Dürkheim)
Seit 2020 Leiter Förderung der Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte
2017–2019 Leiter Vermittlung am Stapferhaus in Lenzburg
2012–2017 Programmleiter bei der Körber-Stiftung in Hamburg
2002–2009 Studium der Kunstgeschichte und Soziologie an der Universität Trier

Autor/innen
Giulia Bernardi

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