Kunst und Klima — Nur eine Welt

Isabelle Krieg · Wie viele Erden, 2020, Globen, Seil, Leuchtmittel, 180 x 100 x 30 cm, Installations­ansicht Hiltibold, St. Gallen © ProLitteris. Foto: Marianne Rinderknecht

Isabelle Krieg · Wie viele Erden, 2020, Globen, Seil, Leuchtmittel, 180 x 100 x 30 cm, Installations­ansicht Hiltibold, St. Gallen © ProLitteris. Foto: Marianne Rinderknecht

Fokus

«Nur eine!», ruft es in mir als Klimaforscher beim Anblick von Isabelle Kriegs Werk ‹Wie viele Erden›. Die Darstellung ist eindringlich und passt gut in eine Zeit, in der die bisher wichtigste klimapolitische Entscheidung in der Schweiz ansteht: die Volksabstimmung zum CO2-Gesetz. 

Kunst und Klima — Nur eine Welt

Die Globen von Isabelle Krieg sind Abbilder des Planeten, auf dem wir leben, also Modelle. In der Klimawissenschaft wird intensiv mit digitalen Abbildern der realen Erde gearbeitet, sogenannten Erdsystemmodellen. Sie sind also so etwas «wie viele Erden», mit denen Wissenschaftler Experimente durchführen, um physikalische Veränderungen zu verstehen, wie sie in naher Zukunft auf der Erde ablaufen könnten. Da wir nur diese eine Erde haben, können wir mit ihr nicht herumexperimentieren. Erdsystemmodelle sind also fundamental wichtige Werkzeuge der Klimawissenschaft.
Während Experimente mit solchen digitalen Erden abgesehen von einigen Tera­byte Speicherplatz und dem Strombedarf der Supercomputer in der physischen Welt relativ folgenlos bleiben, gilt dies nicht für unsere Aktivitäten auf der realen ­Erde. Wir sind mitten in einem der grössten Experimente der Erdgeschichte: Wir ­Menschen erwärmen sie, indem wir jedes Jahr über 30 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre pusten. Die Folgen davon spüren wir bereits seit Jahren, global und auch in der Schweiz: mehr Hitzetage, zunehmende Trockenheit und schwindende Gletscher, um nur einige Auswirkungen zu nennen. Es ist höchste Zeit, dieses Experiment abzubrechen, wenn wir den uns folgenden Generationen nicht eine sehr ungemütliche Welt zum Leben hinterlassen möchten.
Der leuchtende Globus in Isabelle Kriegs Werk symbolisiert diese eine reale Erde, die wir unsere Heimat nennen dürfen. Wenn wir annehmen, dass dessen Durchmesser 30 cm entspricht, so wäre die Atmosphäre ein dünner Film von etwa einem Millimeter Dicke. Das veranschaulicht, wie begrenzt das lebensnotwendige Reservoir ist, in welches wir die Unmengen an Treibhausgas emittieren. Das endlos wirkende Blau über unserem Kopf ist alles andere als endlos. Mit Blick auf das Pariser Klimaziel, die Erwärmug auf unter 2 Grad zu beschränken, darf die Menschheit spätestens 2050 kein CO2 mehr ausstossen, je früher, desto besser. Schweizerinnen und Schweizer verursachen pro Kopf jährlich über 5 Tonnen CO2 im Inland. Inklusive unseres Konsums von Importgütern sind es sogar rund 14 Tonnen, der dritthöchste Wert aller europäischen Länder. Ein Kraftakt ist erforderlich, um auf null zu kommen, und das CO2-Gesetz ist ein erster Schritt in diese Richtung. Isabelle Krieg führt uns vor Augen, was auf dem Spiel steht: Wir haben nur eine Erde – hören wir auf, so zu tun, als könnten wir einfach zur nächsten wechseln, wenn unsere lebensfeindlich geworden ist.

Raphael Portmann, Postdoc, Institut für Atmosphäre und Klima, ETH Zürich. raphael.portmann@env.ethz.ch

→ Kunst und Klima: ein Klimaforscher kommentiert eine visuelle Vorlage seiner Wahl.
www.srf.ch/news/schweiz/klima-fussabdruck-wieso-die-schweiz-auf-dem-dritten-platz-landet
www.ourworldindata.org/grapher/consumption-co2-emissions?region=Europe ↗ klimaschutz-ja.ch

Künstler/innen
Isabelle Krieg
Autor/innen
Raphael Portmann

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