Olafur Eliasson — Life is a continuous transformation

Life, 2021, Ausstellungsansicht (Detail), Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York/Los Angeles. Foto: Pati Grabowicz

Life, 2021, Ausstellungsansicht (Detail), Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York/Los Angeles. Foto: Pati Grabowicz

Life, 2021, Ausstellungsansicht, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York/Los Angeles. Foto: Mark Niedermann

Life, 2021, Ausstellungsansicht, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York/Los Angeles. Foto: Mark Niedermann

Life, 2021, Ausstellungsansicht, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021. Foto: Mark Niedermann

Life, 2021, Ausstellungsansicht, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021. Foto: Mark Niedermann

Foto: Runa Maya Mørk Huber / Studio Olafur Eliasson

Foto: Runa Maya Mørk Huber / Studio Olafur Eliasson

Fokus

Mit ‹Life› in der Fondation Beyeler holt Olafur Eliasson die Natur ins Museum, macht die Natur zur Kunst. Die Kunst wird dabei zum natürlichen Ursprung der Welt und umgekehrt. Grenzen lösen sich auf, Atmosphäre verdichtet sich. Wir atmen ein, wir atmen aus. ­Dazwischen eine neue Heimat, in der sich die Kunst selbst behaust. Bewohnbar wird. Und leuchtet. 

Olafur Eliasson — Life is a continuous transformation

Olafur Eliasson ist ein Künstler von Welt. Er bespielt grosse Schauplätze im Innen- und Aussenraum. Seine Installationen spiegeln unsere Umwelt und schaffen Verbindung. Nach einer solchen ruft auch seine neueste Arbeit. ‹Life› ist eine Einladung. Zur Besinnung – dazu, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. ‹Life› ist Leben. Und das Leben ist eine Konspiration aus allen und allem.
Grün leuchtendes Wasser verteilt sich über eine breit angelegte Fläche. Der Teich vor dem Museumsgebäude hat nun auch die Räume hinter der Fensterfront eingenommen. Der Künstler liess die Glasscheiben zwischen Aussen- und Innenraum  herausnehmen und das Gebäude fluten. Stege aus Holz führen durch die Wasserlandschaft und schaffen ein an den Grundriss angepasstes Wegsystem. Die Besucherinnen und Besucher sehen auf ihrem Rundgang nun nicht mehr Kunstwerke, die an der Wand oder im Raum angeordnet sind. Der Raum selbst wird hier zur Kunst und die Ausstellungsfläche wird zur Bühne für uns alle.
Zarte Pflänzlein schwimmen auf der neonfarbigen Wasseroberfläche. Sie wachsen wie aus der Zukunft in das Gefäss der Gegenwart hinein. Das mit natürlichem Uranin gefärbte Wasser erscheint komplett künstlich, wie einem chemischen Labor entwichen. Zugleich ist es eine Hyperbel derjenigen Farbe, die wir unmittelbar mit Natur in Verbindung bringen: Das Grün, durch die Brechung des Lichts erst sichtbar, ist grell und wirkt doch anziehend. Hier werden keine Wasserströmungen gemessen, wie dies mit dem biologisch unbedenklichen Tracer-Farbstoff Uranin im wissenschaftlichen Kontext üblich ist, dennoch herrscht eine ständige Bewegung – synchron zur stetigen Transformation des musealen Biotops. Bis Mitte Juli darf es sich frei entwickeln. Die Seerosen wachsen zu einem weitläufigen Teppich. Neue Pflanzenarten entstehen. Tiere besiedeln das Areal. Menschen suchen Zuflucht.
Dieser Ort ist jeden Tag und jeden Moment anders und durchlebt jeweils bei Beginn des Tages und beim Einbruch der Nacht einen magischen Wandel. Die Kombination aus dem fluoreszierendem Farbstoff im Wasser und ultravioletten Lichtwellen schafft einen ganz besonderen Effekt. Durch das an der Decke installierte Schwarzlicht beginnen die Räume im Dunkeln blau zu leuchten. Bei Sonnenuntergang werden die Wände in ein zartes Hellblau getaucht, später erscheinen sie beinahe schwarz. Das Wasser bekommt dann eine Tiefe, die unter unseren Füssen eine neue Welt auftut. Wir können versinken. In unserer Umgebung. Im Licht. Im Dunkel. Im Dazwischen. In uns selbst. In unseren Träumen, Hoffnungen und Ängsten, die wir überwinden wollen. Im Blick nach draussen. Im Blick nach innen.
Renzo Pianos Architektur der Fondation Beyeler scheint wie geschaffen für Elias­sons Intervention. Wir schauen durch die sich staffelnden Wandöffnungen in die vermeintlich endlose Weite. Hier entsteht Stille. Unser Blick wird ruhig. Ein Ort für Frieden. Ein Ort für die Sinne. Fast erscheint diese Installation wie ein Tempel – für die Einkehr und die Authentizität. Manchmal wird diese erst spürbar, wenn man ­einen Kontrast setzt. Das knallige Grün ist nicht nur ein Blickfang. Lassen wir uns auf die Begehung und Begegnung ein, sind wir schnell versöhnt. Es ist wie ein Sog, der uns ins Innere des Gebäudes zieht und gleichzeitig seine atmende Membran zum Aussenraum beibehält.
Mit Hilfe einer speziellen App lässt sich die Handykamera mit Filtern ausstatten, die den Ort wie durch die Augen anderer Lebewesen erfahrbar macht. Da färbt sich der Steg auf einmal rot und das Wasser gelb oder lila, je nach Temperatur, wie bei einer Infrarotkamera.

Wir sind nicht separiert von der Natur
Das Leben aus einer biozentrischen Perspektive betrachten: Das wollte der Künstler in einer Modellsituation möglich machen. Die Fondation Beyeler ist mit ihrem umliegenden Park verbunden, der Park ist mit der ihn umgebenden Stadtlandschaft verbunden, diese schliesslich mit dem gesamten Planeten. Alles ist Leben. Alles wird durch die Belebung der einzelnen Elemente auch kollektiv bewegt. ‹Life› soll den Ort und seine Umgebung zum Leben erwecken. Und damit uns als Besuchende auffordern, unsere eigene Lebendigkeit als Zündstoff zu verstehen. Denn wir alle sind Natur. Wir kommen aus ihr und wir werden zu ihr. ‹Life› wird erst durch die Wahrnehmung zu dem, was es ist, was die Arbeit ist. Das Leben wird erst durch das Erleben zu dem, was es ist.
Eliasson versteht ‹Life› als Modell für eine zukünftige Landschaft – einladend, offenherzig und bewohnbar. Die raumübergreifende Installation sprengt nicht nur systemische und strukturelle Grenzen, sondern öffnete auch die Tür für eine Neuentdeckung der Liebe. Hinter der demontierten Glasfassade wird alles Leben empfangen und seiner Entwicklung freien Lauf gelassen. Enten ziehen ihre Bahnen auf dem angrenzenden Teich. Sorgsam bauen sie ihre Nester zwischen den Wasserpflanzen. Künstler und Museum, beide geben die Kontrolle komplett an das Werk ab. ­Alle Mikro­organismen sind willkommen, es mitzugestalten. Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, beschreibt das Kunstwerk als ein «kollektives Experiment», das «Konventionen von Kunst, Natur, Institution und Leben in Frage» stelle und versuche, «ihre Grenzen zerfliessen zu lassen». Die «natürlichen Elemente Wasser, Erde, Luft und Licht» seien Teil davon, so auch «Raum und Zeit». Denn: «Klima und Wetter beeinflussen die Entwicklung und die Wahrnehmung der Ausstellung.»
Seit Beginn seines künstlerischen Schaffens in den 1990er-Jahren beschäftigt sich Olafur Eliasson mit dem Phänomen der Wahrnehmung und wie sie von sowohl kognitiven als auch kulturellen Bedingung geprägt wird. Der 54-jährige Künstler wurde in Dänemark geboren und wuchs in Island auf. Heute lebt er in Berlin und versammelt in seinem Studio ein grosses interdisziplinäres Team aus Handwerkern, Architekten, Forschern, Historikern, Köchen und spezialisierten Technikern.
Seine Erfahrung der ursprünglichen, rauen isländischen Natur fliesst in seine Arbeit ein. Er setzt sich viel mit physikalischen Phänomenen auseinander, untersucht Koexistenzen und macht auf den Klimawandel aufmerksam. Er arbeitet mit Skulptur, Malerei, Fotografie, Film, Performance, Installation und digitalen Medien. Besonders bekannt wurde er anfangs für seine raumgreifenden Lichtarbeiten.

Symbiose und ein Akt der Fürsorge
Olafur Eliasson versucht stets, ein breites Publikum durch architektonische Projekte, Interventionen und Aktionen im öffentlichen Raum zum Mitwirken einzuladen. Er fordert mit seinen Arbeiten unsere Perzeption heraus – sowohl die der Kunst als auch die unserer Umwelt. Zwischen 1998 und 2001 färbte er bereits für ‹Green River›, ein Projekt, das in verschiedenen Städten der Welt realisiert wurde, sechs Flüsse mit dem fluoreszierenden Farbstoff Uranin grün. Für das ‹Weather Project› installierte er 2003 in der Turbinenhalle der Tate Modern in London eine leuchtende, in Nebel gehüllte, künstliche Sonne. Für ‹Ice Watch› brachte er grosse Blöcke aus treibendem arktischem Gletschereis in die Innenstädte von Kopenhagen, 2014, Paris, 2015 (anlässlich der UN-Klimakonferenz COP 21) und London, 2018. Passanten konnten die Fragmente des grönländischen Eises berühren und Zeugen seiner vergänglichen Fragilität werden, das unter ihren Händen einfach wegschmolz – eine ebenso komplexe wie kontrovers diskutierte Aktion. Zuletzt in der Schweiz vertreten war Eliasson 2020 im Kunsthaus Zürich mit seiner umfassenden Ausstellung ‹Symbiotic seeing›.
«Wir müssen ehrlich sein. Wir müssen uns von unserer artspezifischen Arroganz befreien», schreibt die mit dem Künstler befreundete Kognitionswissenschaftlerin und Poetin Pireeni Sundaralingam. Sie erforscht, wie digitale Umgebungen unsere Aufmerksamkeit binden und Verhaltensmuster generieren, die auf einem Gefühl des Bedrohtseins basieren. Wie werden wir aber von unseren ganz natürlichen Sinnen, vom Erleben im physischen Raum beeinflusst und geleitet? Wie steuern die Sinne unser Bewusstsein? Olafur Eliasson wünscht sich, dass ‹Life› die Besuchenden dazu ermutigt, sich in einer «ausgedehnten, offenen Landschaft, die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten zulässt, zu erfahren – nie allein, nie völlig getrennt, sondern als vielschichtige Wesen, die stets in grössere, unbändige Ökologien eingebunden sind».
Dabei treten Geräusche, Gerüche und visuelle Bilder in einen spielerischen Dialog miteinander und lassen all unsere Sinne empfindsam und wach werden. Die untrennbare Symbiose von Mensch und Natur wird hier unausweichlich präsent, in einem verletzlichen Akt der Fürsorge und Hingabe.

Valeska Stach, freie Autorin und Künstlerin aus Berlin, lebt und arbeitet in Basel.

Bis 
15.07.2021

Olafur Eliasson (*1967, Kopenhagen) lebt in Berlin
1989–1995 Studium Fine Arts an der Royal Danish Academy in Kopenhagen
Seit September 2019 UN-Botschafter für den Klimaschutz und nachhaltige Energie

2020 ‹Symbiotic seeing›, Kunsthaus Zürich
2018/2015/2014 ‹Ice Watch›, Kopenhagen/Paris/London
2016 ‹Waterfall›, Palace of Versailles
2003 ‹Weather Project›, Tate Modern, London
1998–2001 ‹Green River›, weltweit

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Olafur Eliasson — Life 18.04.202111.07.2021 Ausstellung Basel/Riehen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Olafur Eliasson
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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