Renée Levi — Aimée oder vom Buchstabieren der Malerei

Amelia, 2019, Acryl auf Baumwolle, beidseitig, 525 x 1240 cm, Ausstellungsansicht Palais de l’Athénée, Genf. Foto: Annik Wetter

Amelia, 2019, Acryl auf Baumwolle, beidseitig, 525 x 1240 cm, Ausstellungsansicht Palais de l’Athénée, Genf. Foto: Annik Wetter

Baharak 4, 2019, Acryl auf Baumwolle, 280 x 280 cm, Ausstellungsansicht Villa du Parc, Annemasse. Foto: Aurélien Mole

Baharak 4, 2019, Acryl auf Baumwolle, 280 x 280 cm, Ausstellungsansicht Villa du Parc, Annemasse. Foto: Aurélien Mole

Aimée, 2020, Acryl auf Leinen/Baumwolle, Ausstellungsansicht Villa du Parc, Annemasse. Foto: Aurélien Mole

Aimée, 2020, Acryl auf Leinen/Baumwolle, Ausstellungsansicht Villa du Parc, Annemasse. Foto: Aurélien Mole

Foto: Flavia Schaub/Ramstein Optik

Foto: Flavia Schaub/Ramstein Optik

Renée Levi, 2018, Monotypie, 65 x 50 cm, Palais de l’Athénée, Genf. Foto: Annik Wetter

Renée Levi, 2018, Monotypie, 65 x 50 cm, Palais de l’Athénée, Genf. Foto: Annik Wetter

Fokus

Nach ihren Auftritten an der Biennale von Lyon oder in Évreux bei Paris ist Renée Levi zu Gast in Annemasse. Die Villa du Parc bietet Raum zur heiteren Einkehr. Die Ausstellung hat selbstbezüglichen Charakter – oder auch nicht: Renée Levis Malerei sucht den Kontakt zum Raum, entlockt mit scheinbar raschem Wurf dem Ort auch subjektives Erinnern.

Renée Levi — Aimée oder vom Buchstabieren der Malerei

Präsenz ist mehr als Anpassung und Ortsspezifik, mehr als eine Bezugnahme, die der Architektur bescheiden den Vortritt lässt. Diagonal platziert und in leichter Neigung opponieren raumhohe Leinwände gegen die Erwartung an das Hübsche, Kleine, Angepasste. «Sa peinture s’impose», so die Kuratorin Garance Chabert, die das Programm im ehemaligen Bürgerhaus verantwortet. Renée Levi besetzt den Ort ganz, lässt Chassis gleichsam mit- und gegeneinander antanzen, nimmt die nackte Wand in Beschlag, reizt vom Boden her die Retina mit fluoreszierendem Rot. ‹Révolte logique› heisst ein fast drei Meter hohes Quadrat, das mit drei kruden Fladen den Stein ins Rollen bringt und den Parcours lanciert. Der Titel geht auf eine Ausstellung in der Pariser Galerie Marcelle Alix zurück, die 2013 Renée Levi mit Rosalind Nashashibi zu einem Paarlauf aufgeboten hatte, «um eine fixierte, männlich dominierte Modernität zu befragen und ein Ausstellen zu erproben, das vielfältige Bedeutungen erzeugt». Da stehen wir also: vor einer grossen, etwas sperrigen Geste des Bilds und auf altem Parkett. Und vor dem Hintergrund eines kulturellen Gedächtnisses, das bei allem Anerkennen grosser künstlerischer Leistungen nicht zaghaft, sondern fragend tätig bleiben will.

Wiedererwägungen im Bürgerhaus
Drei energisch und gross an die Wand platzierte silberne Kringel sind auf diesen Auftakt eine noble Antwort. Mit einem Wischmopp sind sie aufgebracht. Kleine, unkontrollierte Spritzer erzählen vom Elan einer Bewegung, von dezidierten Kreisen, dreifach neu angesetzt. Die metallisierende Farbe schenkt milde Reflexionen von Tageslicht oder Bodenfarbe. Im oberen Stockwerk wird derselbe schillernde Farbauftrag eine gezackte Leere auf Leinwand zur frechen Himmelfahrt küren: Leichtfüssig kreuzt Levis Kunst auf in der Villa, spielerisch setzt sie Akzente und durchleuchtet gleichzeitig mit präziser Ernsthaftigkeit ein breites malerisches Repertoire.
Schon einmal war Renée Levi in Annemasse zu Gast. ‹Le syndrôme de Bonnard› hatte 2014 Werke aus dem MAMCO einer Überarbeitung ausgesetzt. Bonnard stand Pate, weil er selbst Bilder nach Vernissagen noch mit neuen Tupfern aufgefrischt hatte. Renée Levi rezykliert ihr eigenes Schaffen immer wieder, lässt einst erprobte Werkkombinationen zurück. Sie übermalt schon Dagewesenes, um die Farbschicht grosser, hölzerner Tondi mit Schleifpapier aus dem Untergrund nochmals zum Schimmern zu bringen. Mit Klebeband umrandete Flächen kontrastieren in ihren jüngsten Leinwänden mit der Dynamik von gesprühter Farbe. Klare Kontur und geschlossene Monochromie rücken dem Flüchtigen der Ursprungsbilder zu Leibe. Einmischung, Abdeckung und Umrahmung bieten sausenden Schlenkern für einmal Halt. «Comme si de rien n’était» sind die einzigen Worte dieser Schau, als «Tag» an die Wand gesprüht ganz gegen den pittoresken Charme der bürgerlichen Villa: Als ob nichts wäre. Allzu ernst will sich die Kunst nicht nehmen gerade jetzt, wo das Publikum so lange draussen bleiben musste.
Experimentelle Lust und der Kitzel des Einmaligen zeichnen die Schau und Levis Werk ganz allgemein aus. «Das kann ich auch.» Umso schöner: Renée Levi begrüsst, wenn ihr Schaffen diesen oft gehörten Satz provoziert. Ihre Kringel und Schlaufen, die ausgestrichene oder in Hard-Edge-Manier umrissene Farbe verzichten auf den Anschein der Perfektion. Deutlich trägt ihre «non-maîtrise» das Zufällige, das Handschriftliche und die Abweichung vor. Das Übermalen und Innehalten, der manchmal fokussierte und manchmal diffundierende Gestus halten den Einsatz des Körpers präsent: Wo die Künstlerin Linien kreisend aufeinanderhäuft und in Leserichtung gleichsam Feld um Feld bestellt, bleibt sie anwesend. Ungern lässt sie sich zuschauen, geschweige denn filmen in Aktion. Wenn sie wieder weg ist, feiert der Lauf von Pinsel, Roller oder Sprühdose nicht die Künstlerin, sondern frönt der Beweglichkeit unseres eigenen Blicks.

-ée: Schrift, Hommage, Signatur
Keine halbe Stunde entfernt mit dem Tram, schenkt auch das MAMCO in Genf ­Renée Levi bis im Juni einen eigenen Raum. Seit die Pandemie die Membran zwischen künstlerischer Produktion und Öffentlichkeit neu aufgespannt hat, konzentriert sich das Haus auf die Sammlung und damit auch auf die eigene Ausstellungsgeschichte. Renée Levi hatte hier 2000 eine grosse Einzelausstellung. Wände sind Werk geworden, schon damals. Fluoreszierendes Orange schlängelt sich in rechtwinkligen Einheiten zum fortlaufenden Labyrinth. Aus der linearen Eroberung des ganzen Grunds will sich fast Schrift isolieren, tanzende Körper, ein glühender Rost. Kurze Verzögerungen im nicht korrigierbaren Fortgang der Sprühspur durchsetzen die Fläche mit dunkleren Punkten, geben ihr einen irregulären Puls. Da steckt Zeit drin, Atem, gelegentlich sich ändernde Konzentration. Die strahlenden Wände nehmen ‹Corinna, Lucia, Renata, Léa›, 1994, in ihre Mitte. So heissen vier Kuben aus Filterschaum. Das Material ist mit roter Farbe getränkt und war hier der Installation vorausgegangen, mit der Levi 1999 den Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel in einen überdimensionierten Playground, ­einen weichen Sockel, ein blaues All-Over verwandelt hatte.
Die Betitelung von Werken mit Frauennamen hat früh eingesetzt, bleibt Spiel, Pointe und verwebt Levis Schaffen in ein grosses Muster möglicher Identifikationen. Als Levi 2001 die Ziffer 2 als Rapport über die Fassade am Heizkraftwerk einer Wohnbaugenossenschaft in Oerlikon laufen liess, nannte sie das Kunst-und-Bau-Projekt ‹Regina› in Erinnerung an die Frauenrechtlerin, Flüchtlingshelferin und humanitäre Aktivistin Regina Kägi (1889–1972). Ihrer Gestaltung des Jugendzentrums Dreirosen in Basel gab sie 2006 den türkischen Frauennamen ‹Ayse› mit. ‹Mia, Moira and Mi› nannte sie die grosse Raumfolge an der Biennale de Lyon 2019. Ihr eigener Name fand letztes Jahr im französischen Évreux ein neues Echo im Bild von Schrift: Das grosse Aufgebot an situativ in die Dauerausstellung und in die klösterlichen Gemäuer eingeführten Linien blieb aufgrund des Lockdowns unter Verschluss. Doch ‹L E V I› war da, in Buchstaben, Zeichen und Zeichnung – kurzzeitig aufgerufene Gegenwärtigkeit inmitten gebauter und inszenierter, christlich geprägter Kulturgeschichte.

Unerschrockene Hingabe
Streng genommen versteht Renée Levi ihren Eigennamen auch als Label. Mehrere Erwägungen, das Entwerfen, Planen und Umsetzen von Projekten mit «Levi & Schmid» zu signieren, hat das Künstlerpaar verworfen. Nach aussen wäre ein Doppelname, der auch ihr Partner Marcel Schmid aufnimmt, schwer nachvollziehbar, bleibt doch die «Handschrift» auch da bei Renée Levi, wo Ausstellungen und Installationen gemeinsam erdacht sind.
Das ästhetische Erleben von Ziffern wie Buchstaben kommt nicht von ungefähr in Levis Schaffen. Als Tochter jüdischer Gastarbeiter aus Istanbul ist sie vierjährig in die Schweiz gekommen. Im aargauischen Bremgarten aufgewachsen, war der Erwerb der lokalen Umgangssprache anspruchsvoll und die Zeichen waren doch Garant für die gegenseitige Verständigung. Schreiben, Zeichnen und Malen sind sich verwandt, dringen in Strich und Rhythmus zum Nukleus von Sprache vor und verbinden in der Ziffer Menge, Mass und Bedeutung. So viel verbindende Erinnerung hat Malerei noch lange nicht ausgelotet. Je nach architektonischer Umgebung und örtlicher Geschichte schien Levis Strich als Erinnerung an die Katastrophe des Holocaust auf. Oder regte im analogen öffentlichen Raum mit Sudokus zum Zeitvertreib. Einfache Konstellationen erforschen die Komplexität von Wissen und Wahrnehmung. Im Elementaren von Blatt, Farbe, Linie lässt sich Welt bedenken.   
Und ‹Aimée›? Sie kam der Künstlerin in Annemasse geradezu entgegen: Die Recherche, die jedem Zusammenarbeiten mit einem Ort vorausgeht, musste ihr Aimée Stauffer-Stitelman (1925–2004) über den Weg schicken. Diese hatte hier als junge Frau jüdischen Kindern und Angehörigen der Résistance zur Flucht in die Schweiz verholfen. Solch unerschrockene Hingabe, kombiniert mit dem femininen «-ée», ruft geradezu nach Malerei, ist Signatur und Hommage in einem und wird diesen Sommer noch als Fassadenbild für länger Erinnerung stiften.

Isabel Zürcher lebt und arbeitet als freiberufliche Kunstwissenschafterin und Autorin in Basel. mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
31.07.2021

Renée Levi (*1960, Istanbul) lebt in Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹MMXX›, Musée d’Art, Histoire et Archéologie d’Évreux
2019 ‹Prix de la Société des Arts de Genève›, Palais de l’Athénée, Genf
2019 ‹Rhabarber›, Museum Langmatt Baden
2011 ‹Cursif›, le Crédac Ivry s/Seine
2008 ‹Levi›, Kunstmuseum Thun
2004 Le Quartier Centre d’Art Contemporain, Quimper
2003 ‹Sariyer›, Museum Folkwang, Essen
2000 ‹Pera›, MAMCO Musée d’art moderne et contemporain, Genf

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Mia, Moira and Mi›, Biennale de Lyon, curated by Palais de Tokyo
2015 ‹Sudoku›, Kunstverein München
2014 ‹Le Syndrome Bonnard›, Villa du Parc, Annemasse
2013 ‹Hot Spot Istanbul›, Museum Haus Konstruktiv, Zürich
2002 ‹Painting on the Move – Malerei nach 1968›, Museum für Gegenwartskunst, Basel
2000 ‹Das Gedächtnis der Malerei›, Aargauer Kunsthaus Aarau
1998 ‹Freie Sicht aufs Mittelmeer›, Kunsthaus Zürich
1995 ‹Karo Dame›, Aargauer Kunsthaus Aarau

Institutionen Land Ort
MAMCO Genève Schweiz Genève
Villa du Parc Frankreich Annemasse
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Inventaire 26.01.202120.06.2021 Ausstellung Genève
Schweiz
CH
Aimée: Renée Levi 23.01.202131.07.2021 Ausstellung Annemasse
Frankreich
FR

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