Biennale Venedig — Eindrücke von den Länderpavillons und Kollateralen Events

Francis Alÿs · The Nature of the Game, 2022, Belgischer Pavillon.

Francis Alÿs · The Nature of the Game, 2022, Belgischer Pavillon.

Ignasi Aballí · Corrección, 2022, Spanischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Ignasi Aballí · Corrección, 2022, Spanischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Melanie Bonajo· When the Body Says Yes, 2022, Niederländischer Pavillon (in der Stadt). Foto: Werner Egli

Melanie Bonajo· When the Body Says Yes, 2022, Niederländischer Pavillon (in der Stadt). Foto: Werner Egli

Adina Pintilie · You Are Another Me – A Cathredal of the Body, 2022, Rumänischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Adina Pintilie · You Are Another Me – A Cathredal of the Body, 2022, Rumänischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Zineb Sedira · Les rêves n’ont pas de titre, 2022, Französischer Pavillon © ProLitteris. Foto: Werner Egli

Zineb Sedira · Les rêves n’ont pas de titre, 2022, Französischer Pavillon © ProLitteris. Foto: Werner Egli

Latifa Echakhch · The Concert, 2022, Schweizer Pavillon

Latifa Echakhch · The Concert, 2022, Schweizer Pavillon

Julian Charrière · Not All Who Wander Are Lost, 2019, Parasol unit, kollaterale Events © ProLitteris. Foto: Werner Egli

Julian Charrière · Not All Who Wander Are Lost, 2019, Parasol unit, kollaterale Events © ProLitteris. Foto: Werner Egli

Gerardo Goldwasser · Mesa de Corte, 2022, Pavillon Uruguay. Foto: Werner Egli

Gerardo Goldwasser · Mesa de Corte, 2022, Pavillon Uruguay. Foto: Werner Egli

The Sámi Pavilion, Nordischer Pavillion © ProLitteris. Foto: Werner Egli

The Sámi Pavilion, Nordischer Pavillion © ProLitteris. Foto: Werner Egli

Pavlo Makov · Fountain of Exhaustion – Aqua Alta, 1994/2022, Ukrainischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Pavlo Makov · Fountain of Exhaustion – Aqua Alta, 1994/2022, Ukrainischer Pavillon. Foto: Werner Egli

Fokus

In den Länderpavillons der Venedig-Biennale kommen jeweils un­terschiedlichste künstlerische Ansätze, Haltungen und Themen zum Ausdruck. Die Fülle der Präsentationen in den Giardini und verteilt in der ganzen Lagune ist eine Herausforderung. Wo beginnen? Kunstbulletin stellt hier eine Auswahl von besonders sehenswerten Pavillons und Kollateralen Events vor.

Biennale Venedig — Eindrücke von den Länderpavillons und Kollateralen Events

Francis Alÿs / Dumb Type — Game not over yet
Pavillons Belgien und Japan — Es ist eines dieser unmittelbar beglückenden Ausstellungserlebnisse: Eine bunt lebendige Geräuschkulisse erfüllt den Belgischen Pavillon, während Kinder aus aller Welt in das selbstvergessene Treiben ihrer Spiele versunken sind. Seilspringen, Schneckenrennen, Schneeballschlacht, aber auch komplexere Spiele wie Kisolo oder Nzango, die in westlichen Sphären unbekannt sind, werden auf frei stehenden Projektionsflächen und Bildschirmen an den Wänden vorgeführt. ‹The Nature of the Game› nennt Francis Alÿs (*1959) die Installation mit neuen Kurzfilmen aus seiner 1999 begonnenen Serie ‹Children’s Games›. Eine universelle Verbundenheit, die in der Hauptausstellung der diesjährigen Biennale als Grundtenor mitschwingt, zeigt sich dabei im Spieltrieb als angeborene Eigenschaft eines jeden Kindes. Und wenn man dann fröstelnd feststellt, wie kreativ und unbekümmert diese Menschlein sogar Bedrohungen wie Krieg, Malaria oder ­Covid-19 in ihre Spielanordnungen einbinden, wird Resilienz als Schlagwort der Stunde hoffnungsvoll greifbar.
Auch der Japanische Pavillon schlägt eine Neukalibrierung des Blicks auf die Welt durch die Augen der Kinder vor. Mittels rotierender kleiner Spiegel, Laser und Lautsprecher übersetzt das Kollektiv Dumb Type Text aus einem Geografie-Schulbuch der 1850er in den abgedunkelten Raum. «What is a desert? When you look west, what ocean lies before you? Who governs an empire?» Einfache Fragen wie diese ziehen, zunehmend beschleunigt, in einem ständig mutierenden, roten Schriftband horizontal über die Wände und dringen aus scheinbar intimster Nähe geflüstert ans Ohr. Im ansonsten leeren Pavillon entsteht ein Vakuum, das die Gewissheit zu schnellen Antworten ins Wanken bringt. Deborah Keller
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.belgianpavilion.be www.venezia-biennale-japan.jpf.go.jp/e

Ignasi Aballí — Visueller Detox
Spanischer Pavillon — Ein verdoppelter Pavillon, ein Raum-im-Raum, ein aus der Achse gehobenes Gebäude. Betritt man den Spanischen Pavillon, braucht man eine Weile, um sich an die ungewöhnliche Leere im Inneren zu gewöhnen: Es gibt keine Objekte und keine Kunst im gewohnten Sinn. Woraus also besteht das Projekt? Der Künstler Ignasi Aballí (*1958) hat sich den Bau aus dem Jahr 1922 sehr genau angeschaut und festgestellt, dass er im Vergleich zu den Nachbarpavillons Belgien und Niederlande um ein paar Grad aus der gemeinsamen Achse fällt. Der Künstler suchte nicht nach den Gründen für diese bauliche «Anomalie», sondern entwickelte vielmehr eine architektonische Intervention, die diese Rotation «korrigiert». Und so lautet auch der Titel der Arbeit: ‹Corrección›. Der neu konfigurierte Raum entfaltet eine subtile Präsenz mit verschobenen Achsen, schräg ergänzten Wänden und sinnlos verdoppelten Maueröffnungen. Auf einer Biennale, wo es so viel zu sehen gibt, ist man dankbar für einen Moment des visuellen Detox, wobei gleichzeitig die Imagination angekurbelt wird: Wozu ein solches Denkspiel in die Wege leiten? Ändert sich etwas am Verhältnis zu den alten Nachbarn? Diese «Introspektion» ist neben dem Beitrag Maria Eichhorns im Deutschen Pavillon eines der wenigen ortsspezifischen und institutionskritischen Projekte in diesem Jahr. Und noch etwas haben die beiden gemeinsam: Sie beziehen sich ausdrücklich auf ihr Verhältnis zur Lagunenstadt, was in ergänzenden Publikationen dokumentiert wird. Die «verdrehte» Architektur Aballís ist eine poetisch-minimalistische Oase in einem Sturm der Materialien, Emotionen und Events. Patricia Grzonka
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.accioncultural.es

Adina Pintilie — Politische Körper
Pavillon Rumänien — Adina Pintilie (*1980) ist Filmregisseurin und hat sich in verschiedenen Filmprojekten mit dem Körper und dessen Politiken befasst. Diese Recherchepraxis spürt man auch in der beeindruckenden Mehrkanalinstallation ‹You Are Another Me› im Rumänischen Pavillon. In berückenden Bildern und mit respektvoller Kamera nähert sich Pintilie drei Paarbeziehungen, die abseits heteronormativer Beziehungsmuster angesiedelt sind, während sie Intimitäten in Gesprächen und Handlungen in privaten Schlafzimmern beobachtet. Die Nähe und Direktheit der Dialoge reflektiert eine grosse Sensibilität für die Mechanismen von Ausgrenzung, von (Auf-)Begehren, Zärtlichkeit, Kraft und Ekstase der Akteurinnen und Akteure. Dabei geht es weniger um schwule oder diverse körperliche Identitäten an sich, als um die Modalitäten einer Beziehung ohne Dominanzgefälle. Der Pavillon wird von den verantwortlichen Kuratoren auch als Statement zu einer «perpetually fractured nation» verstanden, wo biopolitische Kontrolle und religiöser und kultureller Konservativismus die Norm sind. In grossartigen bewegten Bildern und Kamerafahrten überträgt sich das Raumerlebnis auch in einem performativ erlebbaren Setting auf die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die ermutigende Botschaft des Pavillons in Bezug auf eine alle inkludierende Gesellschaft ergänzt sich mit den zentralen Themen der Hauptausstellung dieser Biennale: Respekt, Diversity, Power und Empowerment. 
Patricia Grzonka
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.cathedralofthebody.com

Zineb Sedira — La France: Douze Points
Pavillon Frankreich — Zineb Sediras Installation ‹Les rêves n’ont pas de titre› im Französischen Pavillon ist ein Konglomerat aus autobiografischen und fiktiven Referenzen, Archivmaterial des postkolonialen und militanten Kinos sowie Remakes von Filmszenen aus den 1960er- bis 1980er-Jahren, die sie gemeinsam mit ihrem künstlerischen Umfeld im Pavillon inszenierte. Die Fülle von Objekten und Requisiten, Inhalten und Fussnoten wird entlang verschiedener Dreiklänge strukturiert. Die Länder  Algerien, Frankreich, England bilden das Grundgerüst einer autobiografischen Erzählung, die sich in den drei Medien Installation, Film und Publikation zu einer Reflexion über Postkolonialismus, Solidarität und künstlerischen Aktivismus erweitert. Die Publikation besteht wiederum aus drei Journalen, deren Hauptschauplätze Algier, Paris und Venedig sind. Aus alledem ein kohärentes und ansprechendes Ganzes zu machen ist eine Meisterleistung, und sie gelingt nicht zuletzt dank der spielerischen und vollkommen dünkellosen Haltung von Zineb Sedira (*1963). Zauberhaft ist die sich durch die gesamte Präsentation ziehende Verklammerung mit Musik und Tanz: Im Film etwa ist es die Künstlerin selbst, die mit ihrem Partner eine Tangoszene aus Ettore Scolas Film ‹Le Bal› von 1982 nachstellt, im Pavillon sind es zwei Schauspieler, die denselben Tanz wieder und wieder aufs Parkett legen. Oliver Kielmayer
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.dreamshavenotitles.com

Melanie Bonajo / Yuki Kihara — Diversität divers
Pavillons Niederlande und Neuseeland — In der mit soften Sitzgelegenheiten versehenen und in angenehmes Rosa getauchten Installation ‹When the Body Says Yes› präsentiert Melanie Bonajo (*1978) ein Video, in dem sich gender-queere Menschen zu einem Austausch über körperliche Berührung auf verschiedenen Ebenen treffen. Avancierte Reflexionen über Entdeckung und Erfahrung des eigenen Körpers, Sexualität, Zuneigung und Liebe werden mit idyllischen Waldszenen kombiniert, in denen die Protagonist:innen einzeln oder in Gruppen zum Tableau vivant antreten. Den visuellen Klimax der Arbeit bilden Szenen, in denen sich alle nackt und ölig aneinander reiben, sich berühren und ein Bouquet lustvoller Körperlichkeit bilden. Wem angesichts des beschworenen Kollektivs Statements wie «If I’m receiving a gift from my body, I’d like to give a gift back to my body» zu egozentrisch anmuten, dem sei Yuki Kiharas (*1975) ‹Paradise Camp› im Pavillon Neuseelands empfohlen: Im Rahmen einer reichhaltigen Auseinandersetzung mit Paul Gauguin treffen sich in einem Video fünf Vertreter:innen der Fa’afafine, einer traditionellen Gruppe nicht-binärer Männer aus Samoa, um zwei Werke des ihnen unbekannten Künstlers zu interpretieren. Wie in ‹When the Body Says Yes› haben sich die Protagonist:innen für die Filmaufnahmen hübsch gemacht; das künstlerische Endprodukt ist hier um einiges handfester, mindestens ebenso intelligent und auf jeden Fall humorvoll. Oliver Kielmayer
→ Chiesetta della Misericordia, bis 27.11. ↗ mondriaanfonds.nl → Arsenale ↗ www.nzatvenice.com

Gerardo Goldwasser — Kleider machen Leute
Pavillon von Uruguay — Identitätskonstruktion ist eines der Leitthemen der Hauptausstellung dieser Biennale. Mit dem Titel ‹Persona› schliesst die Installation im Pavillon Urugays daran an, behält aber auch einen eigenen Fokus. Der Beitrag von Gerardo Goldwasser (*1961) fokussiert darauf, wie Kleidung an der Konstruktion ebenso wie an der Dekonstruktion von Identität beteiligt ist. 18 gigantische, zu einer Pyramide aufgetürmte Stoffrollen mit maximal effizient aufgeklebten Schnittmusterteilen füllen fast den gesamten Pavillon aus. Einmal ausgeschnitten und zusammengenäht, ergeben diese Stoffteile Uniformen. Das schlicht wirkende, aber äusserst vielschichtige Werk ist verbunden mit der Geschichte des Künstlers und seiner Familie: Goldwassers Grossvater überlebte das KZ Buchenwald, weil er als Schneider Uniformen für das Militär produzierte.
Goldwasser operiert mit dem Blick zurück, indem er auf die Schnittmuster verweist, die KZ-Insassen, aber auch Soldaten und Arbeiter ihrer Persönlichkeit entraubten und einer namenlosen Gruppe zuordneten. In Venedig als Stadt der Maskenbälle und der Mode erhält die Installation eine zusätzliche Ortsspezifik. Doch seine Arbeit leistet auch Anschluss an die Gegenwart: Eine improvisierte Bühne mit Spiegel und an Massinstrumente erinnernde Objekte regen an zu hinterfragen, wie man sich selbst inszeniert und welche Praktiken der Effizienz und Unterdrückung auch im 21. Jahrhundert noch Gültigkeit besitzen. 
Martina Venanzoni
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.persona.com.uy

Dumas, Nevelson und Charrière — Sinnieren, Insistieren, Intervenieren
Kollaterale Events — Wie immer scharen sich rund um die Biennale zahlreiche Parallelausstellungen, verteilt in imposanten Gebäuden in der ganzen Stadt. In den frisch restaurierten Procuratie Vecchie direkt am Markusplatz beispielsweise kuratiert die Kunsthistorikerin Julia Bryan-Wilson zum 60-Jahr-Jubiläum von Louise Nevelsons (1899–1988) Bespielung des US-Pavillons eine unbedingt sehenswerte Werkschau der Künstlerin. Sie versammelt eine beeindruckende Anzahl von Nevelsons skulpturalen Installationen der 1960er- bis 1980er-Jahre. Die meist komplett schwarz bemalten Hybride aus Holzteilen, Stühlen, Treppenpfosten, Besen, Schaufeln und weiteren Objekten greifen Ansätze aus der Arte Povera auf und kombinieren diese mit Elementen aus dem architektonischen Bereich.
Der Palazzo Grassi zeigt Arbeiten von Marlene Dumas (*1953) aus der Zeit von 1985 bis 2021. Die Schau folgt dabei nicht einer linearen Erzählung, sondern gruppiert Werke aus verschiedenen Epochen nebeneinander und schafft auch durch die geschickt choreografierten Durchblicke, welche die Arkaden des feudalen Palasts zwischen den Galerien bieten, spannende Querbezüge. Zu sehen sind auch neue, während der Pandemie entstandene Arbeiten, die – wie in einem Film eindrücklich erläutert wird – von Tod, Liebe, Tragik, Komik und der Ungewissheit der Zukunft geprägt sind.
In der von Parasol unit organisierten Ausstellung ‹Uncombed, Unforeseen, Uncon­strained› erhalten elf Künstlerinnen und Künstler eine räumlich grosszügige Präsentation im Conservatorio di Musica Benedetto Marcello di Venezia im Palazzo Pisani. Während in weiten Teilen des historischen Gemäuers geübt und gesungen wird, sind im Innenhof und im ersten Stock Werke u. a. von Julian Charrière, David Claerbout oder Arghavan Khosravi zu sehen. Diese setzen sich mit aktuellen, – teils wörtlich – brennenden Themen wie Globalisierung, politischen Spannungen und dem Klimawandel auseinander.
Besonders im Dialog mit den geschichtsträchtigen Gebäuden bereichern diese und weitere Ausstellungen die Biennale und bieten Gelegenheit, Gegenwart und Geschichte zusammenzudenken. Martina Venanzoni
→ ‹Louise Nevelson – Persistence›, Procurate Vecchie, bis 11.9. ↗ www.louisenevelsonvenice.com
→ ‹Marlene Dumas – open-end›, Palazzo Grassi, bis 8.1.23 ↗ www.palazzograssi.it
→ ‹Uncombed, Unforeseen, Unconstrained›, Conservatorio di Musica Benedetto Marcello di Venezia, bis 27.11. ↗ www.parasol-unit.org

Die Sámi — Ein Appell für sich und die Welt
Nordischer Pavillon — Lichtdurchflutet, zeigt der Nordische Pavillon in den Giardini seit 1962 transnational Kunst aus Finnland, Schweden und Norwegen. Nun wird er zum ersten Mal einer Volksgruppe überlassen, die sich über diese drei Nationen erstreckt – bis zur russischen Kola-Halbinsel. Rund 100’000 Sámi leben und arbeiten in Skandinavien, haben im norwegischen Kárášjohka ihr Parlament. Jahrhundertelang vertrieben, ihrer Sprache beraubt, berichten noch heute einige der in Venedig durch bunte Tracht auffallendene Sámi von der Behandlung als unzivilisierte Ignoranten. Der allgemeinen Unkenntnis ihrer Geschichte von Landnahme und Kolonisierung des Sápmi, wie die Volksgruppe ihr Land nennt, tritt der Pavillon mit umfangreichem Programm entgegen. Die Gemälde von Anders Sunna erzählen vom Kampf ums Überleben, um das Recht, weiterhin Weideland für ihre grossen Rentierherden zu nutzen. Die Sámi-Künstlerinnen Pauliina Feodoroff und Máret Ánne Sara vermitteln mit Performances und Skulpturen Kosmogonie und Kampf der Sámi, vertreten selbstbewusst ihren nachhaltigen, rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt als Beitrag zur Zukunft eines gemeinsamen Lebensraumes. Wer hier vor allem naturbelassen fokloristische Ästhetik erwartet, irrt. Schon das Konzert zum zweiten Weltgipfel Indigener Völker ‹aabaakwad› zur Biennale-Eröffnung überzeugte durch gegenwärtigen, einladenden Look und Sound. Im August bringt ‹Árran 360°› im Rahmen des Filmfestivals mit digitaler High-end-Videokunst auf der Insel San Servolo das zirkuläre Erzählen der Sámi nach Venedig. Highlight der Biennale, verbindet der Sámi-Pavillon Kunst und Welt – als Aufruf zu gemeinsamem Handeln. J. Emil Sennewald
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.oca.no
→ San Servolo, ‹Árran 360°›, 26.8.–13.9. ↗ www.isfi.no/arran-360

Pavlo Makov — Die Brunnen sind versiegt
Ukrainischer Pavillon — Das Arsenale ist endlos, Halle folgt auf Halle. Genutzt wird die ehemalige Seilerei im Marinegelände für den zweiten Teil der Hauptausstellung sowie für Länderpavillons. Plötzlich stehe ich vor einer Pyramide aus blaugrün schimmernden Bronzetrichtern, die einen Wasserstrahl über geteilte Ausgüsse so weiterleiten, bis sich zuletzt nur noch ein tröpfelndes Rinnsal ergiesst. Kordel-Schranken werden aufgestellt, Minister marschieren auf. Der in Petersburg geborene und in Charkiw lebende Pavlo Makov (*1958) beginnt zu sprechen, doch das feine Plätschern des Brunnens ist lauter als seine Worte. Eine junge Ukrainerin raunt mir zu: Er hat Recht, es geht um die Verteidigung einer Lebensweise. Vor dem Krieg malte Makov Gärten bzw. Spaziergänge durch fremde Gärten. Für Venedig schlug er den ‹Fountain of Exhaustion – Aqua Alta› vor. Ursprünglich 1994 in Anlehnung an die zerfallenen Brunnen in Charkiw als Sinnbild für die fehlende Vitalität der postsowjetischen Gesellschaft geschaffen, liess er angesichts schmelzender Gletscher und der im Tourismus erstickenden Lagunenstadt eine Neufassung anfertigen. Durch den Krieg hat seine Erschöpfungsmetapher nun eine zusätzliche Dringlichkeit erhalten. In den Giardini sind in der ‹Piazza Ucraina› weitere ukrainische Kunstschaffende präsent, ebenso in der Pinchuk Foundation in der Stadt. Der Russische Pavillon hingegen ist leer, Autokratie verträgt sich nicht mit der Ambivalenz von Kunst. Claudia Jolles
→ Arsenale, Sale d’Armi, bis 27.11. ↗ www.ukrainianpavilion.org

Latifa Echakhch — Aschenglut
Schweizer Pavillon — Der Kies knirscht unter den Füssen, auch mitten im Pavillon. Für einmal wurde hier derselbe Splitt ausgestreut wie in den Giardini, allerdings vermischt mit der Asche herumliegender verkohlter Holzbalken. Von den im Innenhof platzierten Giganten sind ebenfalls nur noch Bruchstücke übrig: eine kopflose Figur im Lotossitz und eine umgestürzte Büste. Löcher in den spandünnen Holzhäuten machen die Verstrebungen sichtbar. Der Auftakt der Inszenierung von Latifa Echakhch (*1974) wirkt düster. Doch schon lenkt uns der orange leuchtende Flur ins abgedunkelte Innere. Auch hier finden wir uns zwischen fragmentierten Gestalten wieder. Diesmal ist deren Membran intakt, Lichtkegel lassen mal einen Kopf vor uns, mal eine Schulter hinter uns aufglühen. Und die aufgefächerte Form in der Ecke? Sind es verschränkte Hände oder ein Vogel, der uns wie Phönix aus der Asche wieder nach aussen begleitet? Echakhch führt uns vom Hellen ins Dunkle, vom Vertrauten ins Ungesicherte, von der Stille zu Rhythmus und Musik. Sie arbeitete für ‹The Concert› mit dem Komponisten Alexandre Babel und einer Lichtgestalterin zusammen. Ein Konzertbesuch als kollektives Erlebnis in einem auf Individualität getrimmten Kunstbetrieb? Der Widerspruch ist Programm. Das zugehörige Musikstück ist nur auf Vinyl oder online zugänglich. Doch das Knirschen bleibt im Ohr. Claudia Jolles
→ Giardini, bis 27.11. ↗ www.biennials.ch ↗ shelter-press.com/theconcert/

Bis 
27.11.2022

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