Heidi Bucher — Radikale Gesten der Befreiung

Heidi Bucher · Bodyshell, 1972, Schaumstoff mit Perlmutthaut, Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Beverly Johnson

Heidi Bucher · Bodyshell, 1972, Schaumstoff mit Perlmutthaut, Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Beverly Johnson

Heidi Bucher · Bodyshell, 1972, Schaumstoff mit Perlmutthaut, Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Beverly Johnson

Heidi Bucher · Bodyshell, 1972, Schaumstoff mit Perlmutthaut, Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Beverly Johnson

Heidi Bucher · Blaues Kleidchen, 1978, Textil, Weissleim, Farbe, Perlmuttpigment, Courtesy The Estate of Heidi Bucher

Heidi Bucher · Blaues Kleidchen, 1978, Textil, Weissleim, Farbe, Perlmuttpigment, Courtesy The Estate of Heidi Bucher

Besprechung

Heidi Bucher gilt heute als bedeutende Pionierin der internationalen Neo-Avantgarden. Das Kunstmuseum Bern würdigt das wegweisende, aber lange Zeit in Vergessenheit geratene Schaffen der Schweizer Künstlerin mit der bisher umfassendsten Retrospektive in der Schweiz.

Heidi Bucher — Radikale Gesten der Befreiung

Bern — Als «Grande Dame helvetischen Kunstschaffens» war die in Winterthur geborene Heidi Bucher (1926–1993) zu Lebzeiten hierzulande zwar keine Unbekannte, die Bedeutung ihres innovativen Schaffens wird jedoch erst seit jüngerer Zeit erkannt. Die von Kathleen Bühler kuratierte Retrospektive in Bern, die als Kooperation mit dem Münchener Haus der Kunst und dem Muzeum Susch organisiert wurde, präsentiert Werke aus allen Schaffensphasen des vielseitigen Œuvres – von den frühen Textilstudien und abstrakten Seidencollagen der 1940er- und 1950er-Jahre über die Anfang der 1970er-Jahre in den USA entstandenen tragbaren Schaumstoffskulpturen, den ‹Bodyshells›, bis zum Hauptwerk der Latex-«Häutungen» und dem auf Lanzarote entstandenen Spätwerk. Buchers faszinierende, perlmuttfarben schillernde Werke bestechen in den dunkel gehaltenen Ausstellungsräumen in intimer Atmosphäre. Die vermeintliche Leichtigkeit der poetisch-sinnlichen Arbeiten, darunter von der Decke hängende Latex-Skulpturen, sollte aber nicht über die existenzielle Dimension ihres Werks hinwegtäuschen.
Anfang der 1970er-Jahre verbrachte Heidi Bucher einen prägenden Aufenthalt in Südkalifornien, wo sie mit neuen Werkstoffen experimentierte und ihr Schaffen in den dreidimensionalen Raum erweiterte. Am Strand von Venice Beach schlüpfte sie mit ihrer Familie in die tragbaren ‹Bodyshells› und versetzte die Schaumstoffgehäuse, wie vom Meer an Land gespült, im gleichnamigen Video performativ in Bewegung. Heute ist Heidi Bucher vor allem bekannt für die Erfindung ihres Latexierungsverfahrens, mit dem sie nach der Rückkehr in die Schweiz ab Mitte der 1970er-Jahre Abdrücke, sogenannte Häutungen, ganzer Innenräume vornahm. In der Beschäftigung mit den Räumen ihrer persönlichen Vergangenheit sowie geschichtsträchtigen Gebäuden setzte sie sich im Rahmen umfangreicher Häutungsaktionen mit dem Verhältnis des menschlichen Körpers und seiner Umgebung auseinander, mit den in die Räume eingeschriebenen Machtstrukturen. Den physisch anstrengenden Akt des Abreissens der getrockneten Latexierungen von den Wänden verstand die Künstlerin als Loslösung von der Vergangenheit, als Geste der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, die sie mit dem Schlüpfakt einer Libelle gleichsetzte. Die Transformation starrer Räume in weiche textile Gummihäute, die Bucher mit schimmerndem Perlmuttpigment veredelte, ist in diesem Sinne als ein Akt der Emanzipation zu verstehen, der in seiner sozialen und politischen Dimension bis heute nicht an Aktualität eingebüsst hat. 1978 etwa bemächtigte sich Bucher auf diese Weise des ‹Herrenzimmers› in ihrem ehemaligen Elternhaus, das vormals dem Vater als Familienoberhaupt vorbehalten war und die patriarchale Familienstruktur respektive die geschlechterspezifische Aufteilung der Wohnräume widerspiegelt, die Bucher überwinden wollte. Ihr Schaffen jener Zeit, beispielsweise das ausgestellte ‹Herrenzimmer› oder die Häutungsaktion anlässlich der Triennale ‹La femme et l’art› in Le Landeron 1983, lässt sich entsprechend in den Kontext damaliger transnationaler feministischer Diskurse setzen. In Erinnerung kommt etwa Verena Stefans zum Klassiker der Frauenbewegung avanciertes Kultbuch ‹Häutungen›, 1975. Dass in der Ausstellung auch Filme gezeigt werden, welche die Künstlerin jeweils in Zusammenhang mit Häutungsprojekten initiiert hatte, ist insofern bedeutsam, als damit die noch wenig bekannte performative und intermediale Dimension von Buchers Schaffen nachvollziehbar wird.
Das Spätwerk umfasst Werkgruppen zum Thema des Wassers und Häutungen von Türen auf Lanzarote, wo die Künstlerin damals zeitweise lebte. Die Häutungsaktionen im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen etwa Ende der 1980er-Jahre fehlen in der Berner Ausstellung, dafür ist ein ganzer Raum der Libelle, einem zentralen Symbol der Erneuerung, gewidmet. Mit Räumen zu den «Einbalsamierungen» von Kleidungsstücken und Kleiderstudien betont die Schau ausserdem den wichtigen Bezug von Buchers Schaffens zum Textilen, das in ihrer Ausbildung zur Damenschneiderin und dem anschliessenden Besuch der Modefachklasse an der Kunstgewerbeschule Zürich wurzelt, wo sie Mitte der 1940er-Jahre bei Johannes Itten, Max Bill und bei Elsi Giauque, einer Schülerin von Sophie Taeuber-Arp und Pionierin der Textilkunst, studierte. Die aktuelle Würdigung von Heidi Buchers herausragendem Œuvre und damit einhergehend die Aufarbeitung und Kontextualisierung ihres Schaffens ist nicht zuletzt ein wünschenswerter und wichtiger Beitrag zur Erweiterung des kunsthistorischen Kanons. 

Bis 
07.08.2022

→ ‹Heidi Bucher – Metamorphosen I›, Kunstmuseum Bern, bis 7.8. ↗ www.kunstmuseumbern.ch
→ ‹Heidi Bucher – Metamorphosen II›, Muzeum Susch, 16.7.–4.12. ↗ www.muzeumsusch.ch
→ Ausführlicher Begleitkatalog zu den Ausstellungen: ‹Heidi Bucher – Metamorphosen›, hg. von Jana Baumann, Texte von J. Baumann, K. Bühler, C. Bukuts, Ch. Martínez, J. Sorkin, Berlin: Hatje Cantz, 2021

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Heidi Bucher — Metamorphoses II 16.07.202204.12.2022 Ausstellung Susch
Schweiz
CH
Heidi Bucher — Metamorphosen I 08.04.202207.08.2022 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Künstler/innen
Heidi Bucher
Autor/innen
Julia Keller

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