Körper als Experimentierfelder

Sofia Durrieu · John Wayne to be brave, 2018, Stahl, Leder, Baumwollbänder, Gummiverschlüsse, 45 x 70 x 3 cm

Sofia Durrieu · John Wayne to be brave, 2018, Stahl, Leder, Baumwollbänder, Gummiverschlüsse, 45 x 70 x 3 cm

Roman Gysin · Satin Sticks coral pink 1, 2022, Stoff, Papier, Holz, 36 x 57 x 4 cm. Foto: Esther Mathis

Roman Gysin · Satin Sticks coral pink 1, 2022, Stoff, Papier, Holz, 36 x 57 x 4 cm. Foto: Esther Mathis

Besprechung

Entblössen, Verkleiden, Performen – das ist der Aktionsradius, den die Zürcher Galerie Livie Fine Art mit drei Positionen von Künstler:innen um die Vierzig in der aktuellen Ausstellung absteckt. Dabei entstehen Konfrontationen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und zum Nachdenken anregen.

Körper als Experimentierfelder

Zürich — Ralph Bürgins (*1980, Basel) grossformatige, eklektische Grisaillemalerei eines männlichen Aktes erinnert formal an Picasso. Die überlebensgrosse, liegende Figur breitet sich über drei Leinwände aus, erscheint fragmentiert. Was besonders irritiert, ist die in der Kunstgeschichte als weiblich konnotierte, für Venusdarstellungen typische Rückenlage sowie der überbordend grosse Kopf.
Roman Gysin (*1984, Möhlin) zeigt minimalistische Wandreliefs, die von Ferne an farbige Orgelpfeifen erinnern, so spitz läuft ihre Form zu und so makellos metallisch glänzt ihre Oberfläche. Der Schimmer, der an Aluminiumobjekte Donald Judds denken lässt, konkretisiert sich aus der Nähe als Satin. Jener halbseidene Stoff, der Farben eine ungeheure Leuchtkraft und Kleidern einen unverschämten Glamour verleiht. Ein Gewebe auch, dessen Karriere vom Bettbezug bis zum Ballkleid nichts ausgelassen hat. Was verbirgt sich hinter dem schönen Schein? Als ausgebildeter Schreiner hat der Künstler eine Vorliebe für Holz. Er nutzt Zaunpfähle als Elemente seiner seriellen Relief-Formationen, die er mit Satin wie mit einer zweiten Haut überspannt. Ein Holzpflock gewinnt damit die Anmut einer metallischen Röhre und wechselt, metaphorisch gesprochen, vom Alltags- zum Abendkleid, von roher Rinde zum anschmiegsamen Satin. Der Jägerzaun wird gesellschaftsfähig.
Sofia Durrieu (*1980, Buenos Aires) platziert kubische, hüfthohe Sockel mitten im Raum. Sie bleiben leer. Besucher:innen sollen die fehlenden Statuen ersetzen. Damit greift Durrieu die Idee der «performative sculptures» auf, wie man sie von Erwin Wurm kennt. Auf Schrifttafeln instruiert sie das Publikum, auf den mehrfach gestuften Kubaturen zu posieren, und zwar vorzugsweise im Liegen, oft auf dem Bauch, mit herunter baumelndem Kopf. Eine heroische Pose ist das nicht. Eher eine, die zwischen Entspannung, Anspannung und Qual pendelt, je nach freiwilliger Verweildauer und individueller Schmerztoleranz. Genau der Kipppunkt zwischen körperlichem Wohlbefinden und beginnender Tortur interessiert Sofia Durrieu. Sie ist fasziniert von der Ambiguität vertrauter Objekte und geht der Frage nach, wie und wann sich Normalität in ihr Gegenteil verkehrt. Eindrücklich demonstriert sie dies mit ‹John Wayne (to be brave)›, einem Eisenkreuz, das man sich mithilfe von Lederlaschen als Abstandshalter zwischen die Oberschenkel spannen kann, um einen maximal gespreizten Stand zu erreichen. Schnallen sich Frauen diese Prothese an, wirkt die gedacht coole Cowboypose deplatziert, obszön und gewalttätig. 

Bis 
04.06.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Ralph Bürgin, Sofía Durrieu, Roman Gysin 08.04.202204.06.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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