Kudzanai-Violet Hwami — Zuhause auf der Leinwand und im Internet

Foto: Catherine Hyland

Foto: Catherine Hyland

You are killing my spirit, 2021, Öl auf Leinwand, 153 x 259,5 cm, Courtesy Victoria Miro

You are killing my spirit, 2021, Öl auf Leinwand, 153 x 259,5 cm, Courtesy Victoria Miro

Expiation, 2021, Ölfarbe, Acryl, Ölstift und Siebdruck auf Leinwand, 127,5 x 119,5 cm, Courtesy ­Victoria Miro

Expiation, 2021, Ölfarbe, Acryl, Ölstift und Siebdruck auf Leinwand, 127,5 x 119,5 cm, Courtesy ­Victoria Miro

Fokus

«Der Beginn einer Reise zur Selbstentdeckung»: So erklärte Kudzanai-Violet Hwami die Ausstellung ihres Werks in London im Herbst 2021. Diese Reise wird nun im Pasquart in Biel fortgesetzt. Identitätsfragen stehen im Mittelpunkt des Schaffens der jungen simbabwischen Künstlerin: In einer subtilen Mischung aus Authentizität und distanzierter Analyse hinterfragt sie in ihren farbenfrohen, oft grossformatigen Bildern ihre eigene Autobiografie und ihren Platz in der Welt als schwarzafrikanische und lesbische Frau. 

Kudzanai-Violet Hwami — Zuhause auf der Leinwand und im Internet

Kudzanai-Violet Hwami ist ein Kind der afrikanischen Diaspora. Sie wurde in Simbabwe geboren und lebte zwischen ihrem 9. und 17. Lebensjahr mit ihrer Familie in Südafrika. 2016 zog sie nach England. Dort begann sie, nach Abbruch der Sekundarschule, Kunst zu studieren. «Am Anfang wollte ich Manga-Zeichnerin werden. Ich habe schon immer viel gezeichnet, und mit meinem ersten Mobiltelefon war ich viel auf der Tumblr-App.» Dann folgt die Entdeckung der Malerei während ihrer Ausbildung in Wimbledon. Zuerst waren es grosse Papierbögen, dann wurden grossformatige Leinwände zu ihrem Erforschungsgebiet. Hwami ist 29 Jahre jung, dennoch spürt man die Reife dieser angesehenen, zeitgenössischen Künstlerin. Bisher waren ihre Werke vor allem in England zu sehen, mit Ausnahme von Gruppenausstellungen in Frankreich und Venedig. Ende 2021 wurde sie dann im Rahmen der ersten Biennale College Arte ausgewählt und zeigt nun ein Werk auf der aktuellen 59. Biennale in Venedig. Parallel findet im Pasquart ihre allererste Ausstellung in der Schweiz statt.

Auf der Suche nach dem Ich
«Weil ich Schwarz und weil ich lesbisch bin, muss ich wohl einen Weg finden, diese Themen in die Werke einzubringen. Ich denke, dass es eine politische Sache ist, in einem Schwarzen Körper zu stecken, egal, wohin man geht. Dagegen kann man nichts tun», äusserte sie sich 2019. Der Schwarze Körper ist ihr Hauptmotiv. Nackte oder bekleidete Männer oder Frauen, die uns oft direkt ansehen; Selbstporträts oder Familienporträts: Hwamis Figuren stammen alle aus ihrer Herkunftsgegend – dem südlichen Afrika. Das Bildmaterial findet sie im Internet in den sozialen Medien oder in den Fotoarchiven der Familie.
Hwamis Darstellung Schwarzer Körper lässt sich nicht unmittelbar lesen. Wie die Künstlerin selbst anmerkt, befragen diese kraftvollen Bilder die oft fehlende oder groteske Darstellung afrikanischer Figuren in der westlichen Kunst – und sind in diesem Sinne politisch. In einem ihrer jüngsten Werke, ‹Buktu, Anna, Nehanda›, nimmt sie sogar explizit Bezug auf ein dunkles Kapitel der Vergangenheit: Gemeinsam mit der simbabwischen Dichterin Belina Zhawi konzipierte sie eine Installation rund um das französische Sklavenporträt von Marie-Guillemine Benoist, ‹Portrait d’une femme noire›, 1800, das sich heute im Louvre befindet. Gleichzeitig scheint Hwami solch eindeutiger Interpretation zu widersprechen und sie zu fürchten: «Wie kann ich ihr entkommen, und sei es auch nur für einen kurzen Moment? In meinen Bildern geht es nicht nur um Politik. Es geht um die Existenz», erklärt Hwami.In ‹You are killing my spirit›, 2021, posiert ein enger Freund von Hwami auf einem Bett. Frau oder Mann? Die Darstellung ist voller sexueller Ambivalenz. Ihre Aktbilder zeigen kastrierte Männer, auch hier eine Reflexion ihrer eigenen «queeren» Identität.

Intimität und Distanz
Hwamis existenzielle Suche kristallisiert sich in den zahlreichen Familienporträts, denn die Familie ist ihre bevorzugte Inspirationsquelle: Immer wieder findet sich die zentrale Figur der Mutter, etwa in ‹Lotus›, 2018, oder im ‹Family Portrait›, 2017. In Letzterem sitzt diese blau gekleidet auf dem Sofa, die Künstlerin noch als Baby auf ihrem Schoss. Ihr Vater, ‹Father in Pin Light›, 2017, ihre beiden Zwillingsgeschwister, sanft dargestellt in ‹Epilogue (Returning to the Garden)›, 2016, und ihre Cousins sind ebenfalls Teil der Erzählung. «Ich sehe mich in diesen Personen. Es ist eine direkte Blutsverwandtschaft. Es ist eine Art, mich ins Bild zu setzen, ohne ein Selbstporträt zu machen», sagte sie in einem Interview mit dem Magazin ‹Studio International›, 2019. In diesen autobiografischen Szenen spürt man die grosse Weichheit und Nähe der Künstlerin nicht nur zu ihrer in Afrika verbliebenen Familie, sondern auch zur afrikanischen Kultur und zu afrikanischen Ritualen. Das Motiv der Bananenstaude erscheint als eigene Symbolik auf fast allen Bildhintergründen, so auch in dem Werk ‹Expiation›, 2021, oder sogar als Hauptmotiv in ‹Tongue on Fire›, 2021. «Ich wollte einen Hintergrund, der den Figuren in meinen Bildern Gesellschaft leistet. Wenn man in Simbabwe ein Foto macht, wählt man immer einen Hintergrund, der bestimmten Schönheitskriterien entspricht, zum Beispiel ein schönes Panorama oder einen prächtigen Mangobaum.»

Digitale Ästhetik
Doch das, was ihr am Herzen liegt, entdeckt die Künstlerin aus der Ferne. Der Schmerz der geografischen Dislokation ist spürbar, sie erlebt ihre afrikanischen Wurzeln und die Beziehung zu ihrer eigenen Familie aus Distanz. «Ich versuche, in meinem Werk eine fiktive Familie zu schaffen. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass ich vertrieben wurde und keine nahen Verwandten in der Nähe habe. Wir bleiben hauptsächlich über WhatsApp und Facebook in Kontakt. Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie, zu Leuten – im Online-Video-Format.» (London, 2019)
Ihr Zuhause ist also im Internet: «Ich lebe digital – mein Leben ist eine digitale Plattform.» (London, 2019). Hwami experimentiert mit Fotografien und digitalen Bildcollagen, die sie projiziert und dann mit Ölfarbe malt. Daraus entstehen grossformatige Werke. Auch Siebdruck, Pastellkreide oder Kohle werden häufig verwendet. Hwami bezieht sich auf keine bestimmten kunsthistorischen Referenzen – nur der Einfluss der Collagen von Robert Rauschenberg und Jean-Michel Basquiat ist in ihren Werken deutlich zu erkennen. Dieser hybride Schaffensprozess ist intensiv: Nach aufwendig erstellten digitalen Collagen werden die Bilder rasch gemalt.

Atomisierte Malerei
Diese «Collage-Malerei» spricht von ihrer täglichen Auseinandersetzung mit digitalen Medien, verweist auf die quadratischen Bildschirmfenster auf WhatsApp oder die Fotoserien auf Instagram oder Facebook. Die Leinwand ist immer in mehrere Szenen unterteilt wie ein Handy- oder Computerbildschirm. Das digitale Vokabular findet sich auch in den Motiven der Bilder wieder, die scharf oder unscharf, farbig oder schwarz-weiss, vollständig oder lückenhaft sein können. Gelegentlich trifft man auch auf kleine farbige Quadrate, die wie Pixel die Bildbetrachtung stören. Diese Fragmentierung der Leinwand wird in ihrer neuesten Werkserie ‹Atom Painting›, 2021, die kürzlich im Palais de Tokyo ausgestellt wurde, noch weiter vorangetrieben. Das Werk besteht nicht mehr aus einer Leinwand, sondern aus drei oder vier kleineren, miteinander verbundenen Tafeln. Es gibt keine Hauptszene, sondern eine Kombination mehrerer gleich wichtiger Motive. Gleichzeitig scheint die Farbpalette auf Primärfarben reduziert zu sein – meist Rot, Schwarz und Blau.
Wenn man in den verwendeten Motiven oder Farben einen Sinn oder eine Interpretation sucht, dann spricht Hwami von einer willkürlichen Auswahl: «Ich durchsuche mein Fotoarchiv und wähle Motive aus, die zu dem von mir gewünschten Leinwandformat passen. Die Verwendung der Bilder ist zufällig.» Hinter diesem kreativen Prozess steht ein einziges Bedürfnis: Freiheit. Die eigene Freiheit der Künstlerin sowie die Befreiung ihrer Figuren durch die Collage.

Zitate, sofern nicht anders vermerkt, aus einem Gespräch in Biel, April 2022.
Ingrid Dubach-Lemainque, Kunsthistorikerin und Kritikerin, lebt am Murtensee. idubachlemainque@gmail.com

Bis 
12.06.2022

Kudzanai-Violet Hwami (*1993, Gutu, Zimbabwe) lebt in London
2016 Bachelor of Fine Arts, Wimbledon College of Arts, England
2021 Master of Fine Arts, Ruskin School of Art, Oxford University, Oxford, England

Einzelausstellungen
2021 ‹When You Need Letters for Your Skin›, Victoria Miro, London
2019 ‹(15,952 km) via Trans-Sahara Hwy N1›, Gasworks, London
2017 ‹If you keep going South, you’ll meet yourself›, Tyburn Gallery, London

Gruppenausstellungen
2022 ‹59. Biennale Venedig›, Zimbabwe Pavillon
2021/22 ‹Ubuntu, a Lucid Dream›, Palais de Tokyo, Paris
2018 ‹Five Bhobh – Painting at the End of an Era›, Zeitz MOCAA, Cape Town
2017 ‹Discoloured Margins›, National Gallery of Zimbabwe, Harare, Zimbabwe
2015 ‹Black History Festival Exhibition›, Union Gallery, Chelsea College of Arts, UK

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Kudzanai-Violet Hwami 10.04.202212.06.2022 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Autor/innen
Ingrid Dubach-Lemainque
Künstler/innen
Kudzanai-Violet Hwami

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