Monica Ursina Jäger — Umschichtung im Gefüge der Zeit

Liquid Time, Ausstellungsansicht, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum der Sturzen­­egger-Stiftung, 2022

Liquid Time, Ausstellungsansicht, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum der Sturzen­­egger-Stiftung, 2022

Liquid Time – An Earthly Archive of Weathering Thoughts, 2022, Filmstills, Depositum der Sturzen­egger-Stiftung

Liquid Time – An Earthly Archive of Weathering Thoughts, 2022, Filmstills, Depositum der Sturzen­egger-Stiftung

Liquid Time – An Earthly Archive of Weathering Thoughts, 2022, Filmstills, Depositum der Sturzen­egger-Stiftung

Liquid Time – An Earthly Archive of Weathering Thoughts, 2022, Filmstills, Depositum der Sturzen­egger-Stiftung

Liquid Territory, 2019, Recherchecollage, Fine Art Print auf Hahnemühlepaper, 42 x 28 cm

Liquid Territory, 2019, Recherchecollage, Fine Art Print auf Hahnemühlepaper, 42 x 28 cm

Forest Tales and Emerald Fictions, 2019, Filmstills

Forest Tales and Emerald Fictions, 2019, Filmstills

Forest Tales and Emerald Fictions, 2019, Filmstills

Forest Tales and Emerald Fictions, 2019, Filmstills

Porträt Monica Ursina Jäger

Porträt Monica Ursina Jäger

Fokus

Lange wurden Monica Ursina Jägers Collagen und Tuschezeichnungen als dystopische Zukunftsbilder gedeutet. Doch mittlerweile erkennt das Publikum darin das Jetzt wieder. Ihre neueste Filminstallation ‹Liquid Time› dringt zugleich tief unter die Erde und bis ins Rückenmark, lässt Umschichtungen spürbar werden, die das menschliche Zeitgefühl übersteigen. 

Monica Ursina Jäger — Umschichtung im Gefüge der Zeit

Geblendet sieht man ebenso wenig wie in der Dunkelheit. Doch bald gewöhnen sich die Augen an die hellen Bildflächen. Felsformationen und Bergmassive zeichnen sich ab. Die Sicherheit des Blicks währt jedoch nicht lange. Sehen wir eine Fata Morgana? Zwischen den Felsen tauchen Strukturen von Hochhäusern auf, während sich darunter Abgründe auftun, aus denen immer weitere Landschaften erwachsen.
Tatsächlich handelt es sich um keine realen Szenerien, sondern um animierte Collagen von Monica Ursina Jäger. Im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen bespielt sie fünf grosse Leinwände, die in unterschiedlichen Winkeln zueinander von der Decke hängen. Die Durchlässigkeit der Leinwände erlaubt, die bewegten Bilder von beiden Seiten anzuschauen – und lädt zum Spazieren durch die raumgreifende Installation ein. Dazu trägt eine weibliche Stimme aus dem Off poetische Worte vor, die sich wie die Bilder zu einer polyperspektivischen Erzählung formieren. «Wir» oder «ich», das sind hier mal organische, mal anorganische Körper wie das Gestein. Und wiederkehrende Metaphern beschreiben im wechselnden Kontext unterschiedliche Akteure: Drachen etwa, für deren Skelette – in Anleihe an die chinesische Kultur – zu Beginn die Berge stehen, treten später als von Menschen gesteuerte Baggerarme auf. Und wer oder was sind wohl die Drachen, die dem Refrain zufolge erwachen? Wie ein langsam anrollendes Donnern untermalt zudem ein rauschender Sound diese Geschichte, die von Grössen- und Zeitdimensionen handelt, angesichts derer sich der Mensch winzig fühlen muss, all seinen technologischen Erweiterungen zum Trotz.

Sand so weit das Auge reicht
Auf die animierten Berg-Stadt-Landschaften in Schwarz-Weiss folgen farbige Filmaufnahmen. Diese hat Monica Ursina Jäger unweit des Museums im Rafzerfeld zwischen Schaffhausen und Zürich gedreht. In dieser Gegend befinden sich Kies- und Sandgruben, zu denen auch eine Exkursion mit der Künstlerin stattfinden wird.
Im Museum füllen die Wände dieser gigantischen Gruben die fünf Filmleinwände von oben bis unten aus. Dadurch lassen sich die tatsächlichen Dimensionen nur schwer fassen. Doch man kann sie erahnen. Und während Gleichgewichtsorgan und Gehirn wohl damit beschäftigt sind, sich demgegenüber zu verorten, wird einem schon mal kurz schwindlig.
Eigentlich fliessen die Sandkörner zunächst wie kleine Wasserfälle beinahe idyllisch nach unten. Wenig später aber brechen grosse Stücke und damit die leinwandfüllenden Sandwände fast komplett weg. Dahinter zum Vorschein kommt noch mehr Sand, so weit das Auge reicht. Dennoch ist auch Sand eine endliche Ressource, deren Abbau die Jahrtausende dauernde Entstehung des Materials sowie des darüber liegenden fruchtbaren Bodens aktuell im Eiltempo überholt.
Sand ist der günstigste und meistverbrauchte Rohstoff – und ein Material, mit dem sich Monica Ursina Jäger seit Langem beschäftigt. Sogar in frühen Tuschezeichnungen, die ebenfalls auf Collagen basieren, ist er indirekt präsent: als zentraler Bestandteil von Beton, aus dem viele ihrer architektonischen Bildmotive gebaut sind.

Collagierte Topografien
Während einer «Research Residency» am Center for Contemporary Art in Singapur arbeitete Jäger dann an ihrem Projekt ‹Shifting Topographies›. Für die Videoarbeit ‹Forest Tales and Emerald Fictions›, 2019, befragte sie ihre Stiefmutter, die in Singapur aufgewachsen ist, über ihr Verhältnis zum Wald. In den Interviews beschrieb diese, wie Singapur einst eine hügelreiche Landschaft war. Doch die Hügel habe man abgetragen und an die Küste verlagert. Neben topografischen sowie kulturellen Veränderungen, die sich durch die Urbanisierung der Insel ergeben haben, interessiert sich Jäger für den Umgang mit Bodenressourcen, konkret: «den Sand, mit dem eine ganze Insel komplett neu modelliert wird», wie sie bei einem Besuch in ihrem Atelier in Zürich erläutert. Dort stehen einige Behälter mit Sandproben und Kieselsteinen herum, Material, das sie an unterschiedlichen Orten sammelt und in ihren Arbeiten weiterverarbeitet, neu schichtet und gerne auch mal vermischt.
Singapur vergleicht Jäger anschaulich mit einem Leintuch, das man lang gezogen habe: Die Landoberfläche wurde um rund ein Viertel erweitert, nicht zuletzt auf Kosten von Nachbarinseln, die dann plötzlich von Satellitenbildern verschwunden waren. Ihre umfassende Recherche zum Sandabbau stellte sie schon mehrmals in der Installation ‹Liquid Territory›, 2018–2021, aus. Über die Jahre hinweg wurde diese um zusätzliche Schauplätze erweitert. Vorläufig abgeschlossen, handelte es sich somit lange um ein «wachsendes Gebilde» – aus Fotografien, Collagen, wissenschaftlichen und poetischen Texten.

Nicht-lineare Zeitreise
Die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften, aber auch die Naivität, Ökosysteme zu zerstören, in der Annahme, man könne andernorts neue bauen, sind Aspekte, die in ‹Liquid Territory› reflektiert werden. Das Schürfen in der Landmasse fasziniert Jäger jedoch mindestens genauso als menschlicher Eingriff in die «tiefe Zeit», die unseren Horizont eigentlich übersteigt. Willkommen im Anthropozän!
Daran knüpft die in Schaffhausen erstmals gezeigte Videoarbeit ‹Liquid Time› an: Sie nimmt uns mit von Berggipfeln über Sandgruben ins Flussbett in die Tiefe – und damit auf eine beschleunigte geologische Zeitreise: bis aus dem Felsbrocken ein Kiesel und aus dem Kiesel ein Sandkorn entsteht, durch natürliche oder menschgemachte Erosionsprozesse. Doch dies wäre keine dem Anthropozän angemessene Erzählung, wenn sie nicht verschlungen vonstatten ginge. Sie wird verkompliziert von den Städten, die in Berglandschaften aufblitzen, oder Betongebäuden, die von Baggern abgerissen werden. Eine andere Sequenz taucht ins Innere eines Berges und auch eines Körpers ein: Arterien erscheinen in Analogie zu unterirdischen Flüssen im Beatenberg am Thunersee; eine Wirbelsäule evoziert Drachenrücken und Bergketten.
Die Tatsache, «dass man Zeitschichten, die sich über Millionen von Jahren abgelagert haben, in wenigen Stunden einfach durcheinanderbringt und neuordnet», fasziniert Jäger, nicht zuletzt auch «aus der Sicht einer Collage». Das Collagieren ist in ‹Liquid Time› und überhaupt einem Grossteil ihrer Arbeiten zentrales Prinzip, um an bestehenden Ordnungen zu rütteln. Letzteres tut Jäger auch an der ZHAW als Mitglied einer Forschungsgruppe zu Nachhaltigkeitstransformation. «Du bist wie Sand im Getriebe» hört sie dort auch mal. Angestellt als Künstlerin, versteht sie das als Kompliment, ändert sich die Rolle der Wissenschaft doch gerade und befreit sich aus jenen Kategorien, die als Teil des europäischen kolonialen Denkens mitverantwortlich für die Ausbeutung von Ressourcen sind.  
Verschiedene Formen der Wissensproduktion sind auch im Museum zu Allerheiligen zuhanden, das als Universalmuseum Abteilungen für Archäologie, Kulturgeschichte, Naturwissenschaft und Kunst besitzt. Möge ‹Liquid Time› in all die Sparten einfliessen; im Werk selbst verschwimmen sie schon einmal schön.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit der Künstlerin am 16.4.2022 in ihrem Atelier in Zürich.

Irène Unholz ist Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin in Zürich und Fribourg. irene.unholz@gmail.com

→ ‹Liquid Time›, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, bis 7.8. ↗ www.allerheiligen.ch
→ ‹Shared Horizon› (Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 15), Die Mobiliar, Bern ↗ www.mobiliar.ch
→ ‹Soil to Soil›, Gruppenschau, Alte Fabrik, Rapperswil, bis 3.7. ↗ www.alte-fabrik.ch
→ ‹Back to the Roots – Decolonize Nature›, We Are Aia, Awareness in Art, 8.6.–25.9. ↗ www.weareaia.ch
→ ‹Open House›, Gruppenschau, Parc Lullin, Genthod/Genf, 11.6.–28.8. (→ S. 144) ↗ openhouse2021.ch
→ ‹Liquid Territory›, Kunstmuseum Olten, 4.9.–6.11. ↗ www.kunstmuseumolten.ch

Bis 
07.08.2022

Monica Ursina Jäger (*1974, Thalwil) lebt und arbeitet in Zürich und London
1997–2000 Hochschule Luzern – Design & Kunst
1999 Lasalle College of the Arts, Singapur
2006–2008 Goldsmiths, University of London

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Forest Tales and Emerald Fictions›, Tiefparterre & Kunstraum Kreuzlingen
2019 ‹Shifting Topographies›, Museum Franz Gertsch, Burgdorf
2014 ‹Weltentwürfe› (mit Julia Steiner und Sandra Boeschenstein), Kunsthaus Grenchen; ‹Translocation›, Coleman Project Space, London
 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Open House: Session IV – Experience 11.06.202227.08.2022 Grossausstellung/Festival Genthod
Schweiz
CH
Back to the Roots — Decolonize Nature 08.06.202225.09.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Soil to Soil 21.05.202203.07.2022 Ausstellung Rapperswil-Jona
Schweiz
CH
Liquid Time — Monica Ursina Jäger 07.05.202207.08.2022 Ausstellung Schaffhausen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Monica Ursina Jäger
Autor/innen
Irène Unholz

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