Personnages

Ernst Ludwig Kirchner · Weiblicher Halbakt, 1910, Kreide auf Papier, 45 x 36 cm, Courtesy Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Foto: Roberto Pellegrini

Ernst Ludwig Kirchner · Weiblicher Halbakt, 1910, Kreide auf Papier, 45 x 36 cm, Courtesy Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Foto: Roberto Pellegrini

Pablo Picasso · Jeune femme dans un café, 1898/99, Bleistift auf Papier, 31 x 26 cm, Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano © Succession Picasso / ProLitteris. Foto: Roberto Pellegrini

Pablo Picasso · Jeune femme dans un café, 1898/99, Bleistift auf Papier, 31 x 26 cm, Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano © Succession Picasso / ProLitteris. Foto: Roberto Pellegrini

Hinweis

Personnages

Lugano — Wer bin ich? Was bin ich? Bin ich autonom oder werde ich erst real durch die Anderen? Wie verändere ich mich? Pünktlich zum Abklingen der Pandemie, der Rückkehr zur sogenannten Normalität, stellt sich die Stiftung Gabriele und Anna Braglia existenzielle Fragen. Was bleibt von unserer sozialen Wirklichkeit übrig nach zwei Jahren Isolation, Verunsicherung und Rückzug? Wie orientieren wir uns neu? Wohl kaum zufällig sind in dieser Zeit gleich sechs auf der Figur basierende Zeichnungen zur Sammlung dazugestossen, die nun den Kern der aktuellen Präsentation von rund 90 Werken von 50 Künstler:innen mit dem Titel ‹Personnages› bilden. Drei Zeichnungen aus Skizzenbüchern von August Macke aus der berühmten Tunisreise mit Paul Klee 1914: schnelle Croquis, in denen der deutsche Künstler die ihm unbekannte Kultur auf der Strasse festhält. Zwei essenzielle Akte von Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein, die mit wenigen hingeworfenen Strichen das nackte Dasein zusammenfassen. Unbedeckt, schutzlos, ausgesetzt. Doch das Highlight – wohl auch die teuerste Neuanschaffung – ist zweifellos ‹Jeune femme dans un café› des 17-jährigen Picasso. Die Bleistiftzeichnung, noch mit P. Ruiz Picasso signiert, scheint die Tristesse der blauen Periode vorwegzunehmen. Eine junge Dame steht mit geneigtem Haupt und hängenden Armen vor einem menschenüberfüllten Café und starrt vor sich hin in die Leere. Sie nimmt nichts vom Rummel um sie herum wahr und versinkt in ihrer Einsamkeit.
Der Titel der Schau wurde dem spielerischen Aquarell ‹Sans titre (Personnages)› von Mirò entlehnt: Ein sympathischer Kopffüssler starrt uns mit aufgesperrten Kinderaugen an. Der Begriff ‹Personnage› ist gut gewählt. So einfach ist er nicht auf deutsch zu übersetzen, entspricht er doch den verschiedensten Facetten: Figur, Person, Rolle, Romanfigur, Typ oder Persönlichkeit. Ganz unterschiedliche Aspekte der menschlichen Existenz werden in neun thematischen Kapiteln präsentiert. Unser Dasein ist geprägt von Rollenspiel, Lernprozessen, Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt sowie Flucht in die Leichtigkeit. Bis unsere Seele ausgehaucht wird. Früher oder später. 

Bis 
16.07.2022

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