Ruth Buchanan — Grenz(t)räume

Ruth Buchanan vor ‹Spiral Time›, 2022, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Xandra M. Linsin

Ruth Buchanan vor ‹Spiral Time›, 2022, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Xandra M. Linsin

Ausstellungsansicht Ruth Buchanans ‹Tongue/Platform›, 2022 (vorne), und Werken von Hannah Villiger und Wolfgang Tillmans, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Ausstellungsansicht Ruth Buchanans ‹Tongue/Platform›, 2022 (vorne), und Werken von Hannah Villiger und Wolfgang Tillmans, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Jean-Frédéric Schnyder · Hudel, 1983–2004, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Jean-Frédéric Schnyder · Hudel, 1983–2004, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Basel | Gegenwart, 2022. Foto: Jonas Hänggi

Fokus

Sie befragt die Grenze zwischen dem eigenen und dem musealen Körper. Sie öffnet diesen Raum und befördert ihn auf eine neue Ebene, auf welcher sowohl historische Strukturen sichtbar werden als auch das Zeitgenössische einen neuen Platz einnehmen kann. Die Behausung des Menschseins, dessen Herkunft und Zukunft wird neu reflektiert. 

Ruth Buchanan — Grenz(t)räume

Ruth Buchanan (*1980) interessiert sich für Museen, die zeitgenössische Kunst sammeln und produzieren. Die in Berlin lebende Aotearoa neuseeländische Künstlerin untersucht dabei die Rollen und Aufgaben solcher Institutionen und will Paradigmen neu denken. In Zusammenarbeit mit dem Kuratorinnenteam durfte sie nun als künstlerische Leitung ein neues Ausstellungskonzept für das Kunstmuseum Basel | Gegenwart entwickeln. Dies umfasste eine ganz neue Präsentation der zeitgenössischen Sammlungsbestände. «Die Einladung erfolgte im Wissen um ihre umfassende Arbeitsweise, die sich in den vergangenen zehn Jahren an der Schnittmenge gestalterischer, kuratorischer Methoden und künstlerischer Ausdrucksformen international profiliert hat», erklärt Maja Wismer, seit Herbst 2020 Leiterin des Hauses. «Buchanans bevorzugte künstlerische Form ist, das Format Ausstellung und seine Eigenschaft, inhaltlichen Bezüge und Narrative räumlich erfahrbar zu machen.»

Neuer Impuls für das Zeitgenössische
Maja Wismer und Ruth Buchanan folgten für das Ausstellungskonzept dem klaren Impuls, das Haus für Gegenwart wirklich zeitgenössisch zu machen. Joseph Beuys musste ausziehen, er sei längst Teil der historischen Sammlung. Es ginge dabei nicht nur um die Kunstwerke selber, sondern auch darum, zu erörtern, was das Zeitgenössische in soziopolitischen Kontexten bedeute, so Buchanan. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Kurator und Kunstkritiker in Berlin, beschrieb das Museum «als einen Ort, an dem Erkenntnis und Erfahrung aufeinander treffen. Die erste Schnittstelle, an der dies stattfinden kann, ist für ihn der Körper», erläutert Buchanan und dass sie genau diese Schnittstelle interessiere, wie auch die Erwartungen daran, was ein Museum sei. Im Gespräch mit Wismer und deren Mitarbeiter:in Len Schaller entstanden folgende Fragen, die Buchanan an das Museum und seine Besucher:innen stellt: Wann beginnt die Gegenwart? Welche Geschichte wird gezeigt? Passt mein Körper hier hinein? Werde ich wiederkommen? Die Fragen sind direkt an die Wände der Ausstellungsräume gemalt und sollen einen grundlegenden Rahmen um die Ausstellung ‹Heute Nacht geträumt› spannen. Sie lassen vieles offen und sind zugleich konkrete Parameter, die im Kopf weitergedacht und auch individuell angeschaut werden können.
Vielleicht können wir mit unserem eigenen Körper versuchen, zu erspüren, ob und wie wir eine persönliche Antwort auf diese Fragen finden. Wir nehmen wahr, ob das Museum gut besucht ist, wie die Atmosphäre der Räume ist, das Licht, die Temperatur etc. Vor allem aber versucht die Ausstellung auf eine räumliche Art und Weise auf die Fragen zu reagieren. Denn Ruth Buchanan entscheidet neben der Auswahl der Sammlungsexponate und deren Hängung bzw. Dramaturgie ebenso, wie architektonisch neue Akzente im Raum gesetzt werden – mittels einer szenografischen Palette, bestehend aus Wandfarben, Raumteilern, Vitrinen, Sitzgelegenheiten und Audio. Diese Instrumente führen im White Cube nun eine Doppelexistenz, sie seien nämlich sowohl Leitsystem – die Wirkung der Exponate unterstützende Mittel – als auch ausgestellte Objekte selbst. Maja Wismer erklärt: «Ihre duale Existenz fordert Museumskategorien genauso heraus wie Buchanan uns als Künstlerin in ihren verschiedenen Rollen.»

Statistik als Parameter für die Werkauswahl
Die gezeigten Sammlungswerke wurden von Ruth Buchanan nach statistischen Vorgaben ausgewählt, nüchtern, fast analytisch. Im Erdgeschoss beginnt die Gegenwart – aber wann genau? 1968 bis 1982, mit der Planung und Eröffnung des Museums, und mit einer Auswahl von Werken, die von der Öffentlichen Kunstsammlung Basel und der Emanuel Hoffmann-Stiftung in diesen Jahren erworben wurden. Im ersten Obergeschoss wird die Geschichte der Gegenwart weiter befragt: von 1980 bis 2000. Insgesamt sechs Kabinette widmen sich jeweils einem Zeitraum von drei Jahren. Präsentiert wird stets das erste und das letzte Werk, das in dieser Zeit in die Sammlung eingegangen ist, sowie jenes, das in der jeweiligen Halbzeit von der Emanuel Hoffmann-Stiftung angekauft wurde. «Wie passt mein Körper hier hinein?» werden wir schliesslich im zweiten Obergeschoss gefragt. Diese Etage zeigt Kunstwerke, die in den Jahren zwischen 2001 und 2021 die Sammlung erweitert haben. Abweichungen von der Statistik wurden nur zugelassen bei Arbeiten, die aus konservatorischen Gründen nicht ausstellbar sind, und bei einer Ausnahme: das Gemälde von Miriam Cahn im dritten Obergeschoss, welches der Schau zudem den Titel gab.
Einer Datenanalyse unterzogen wurde nicht nur der Prozess der Werkauswahl. Es werden auf jeder Etage gesammelte und ausgewertete Fakten zu verschiedenen Kriterien aufgelistet, darunter: die Art des Mediums der gesammelten Arbeiten, die Vertretung der Geschlechter, die Anzahl der Mitarbeiter:innen und die Entwicklung der Öffnungszeiten. Len Schaller trug diese Daten, die sowohl Informationen zur Sammlung als auch zur Institution selber geben, zusammen. Eine besondere Massnahme, denn normalerweise stellen Museen für solche Recherchen und Pflegearbeit keine Ressourcen zur Verfügung. Die gewonnenen Erkenntnisse geben Aufschluss über noch vorhandenes Entwicklungspotenzial und warten auf eine Reaktion. Indem Vorgehensweisen sichtbar gemacht werden, wird auch aufgezeigt, wie Arbeitsweisen noch weiter angepasst werden können.

Feministischer Blickwinkel
Das Violett, das sich als wolkiges visuelles Wandelement – Hintergrund für die Fragen und Zahlen auf jeder Etage – durch die gesamte Ausstellung zieht, spielt eine zentrale Rolle. «Ich bringe Violett auf eine ganz bestimmte Art und Weise in diese Ausstellung ein, um zu unterstreichen, dass das Projekt aus einem feministischen Blickwinkel und den damit verbundenen radikalen, ermutigenden und kritischen Praktiken entstanden ist», erläutert Buchanan.
Immer wieder wird das Interesse der Künstlerin an räumlich-politischen Dimensionen von Organisationssystemen, von der Wirksamkeit institutioneller Gefässe in der Kultur und der Gesellschaft sichtbar. Buchanan hinterfragt die zahlreichen Funktionen eines Museums – Aufbewahrungsort für gekaufte, geliehene, geschenkte und gestohlene Kunstwerke – und begegnet dabei sowohl Schönheit als auch Schmerz. Was bedeutet es heute, Mensch zu sein und Systeme zu gestalten, die die Welt mit prägen? Museen können auch Orte für Existenzielles sein. Sie sind Spiegelfläche, Resonanzkörper, Begegnungsort. Buchanan deckt auf, was die Institution des Kunstmuseums Basel | Gegenwart geformt hat, anhand der Untersuchung von Sammlung, Gebäude und Ausstellungsgeschichte. Ihre Installation erstreckt sich durch das gesamte Haus und umfasst tiefgreifende räumliche Interventionen wie auch kleine, subtile Eingriffe in das Beschilderungssystem. Wir mögen daran erinnert werden, dass auch wir einen Einfluss haben auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens.

Was ist die Bedeutung des Menschseins
«So wie bei Träumen, glaube ich, dass die Zukunft von Museen darin liegt, so vielfältig zu sein, wie es Gemeinschaften gibt, denen sie dienen.» Ruth Buchanan fordert dazu auf, die Welt anders zu denken: «Ich stelle mir das Museum meiner Träume als Spirale vor, sodass es permanent wächst im Verhältnis zu seiner Geschichte, seiner Gegenwart und den vielen Zukunftsszenarien, an deren Gestaltung es teilhaben kann.» Die Spirale als visuelle Form greift sie im letzten Raum – dem der Zukunft – im dritten Obergeschoss des Kunstmuseums auf. Neben den übrigen architektonischen Eingriffen der Ausstellung – speziell gestaltete Vitrinen, Sitzmöbel und eine zungenartige Rampe – befindet sich am Ende der Sammlungspräsentation ein violetter Vorhang aus mit Holunder handgefärbter Baumwolle, der an einer sich leicht nach innen drehenden gelben Stahlschiene an der Decke befestigt ist. Dazu sind Tonaufnahmen des Gedichts der Künstlerin zu hören, das sich über die vier Etagen hinweg ebenfalls an den Wänden langsam vervollständigt hat. Fragmente sammeln sich und verhallen, bilden ein Ganzes und zerstreuen sich in vereinzelte Momente. Das insgesamt 59 Zeilen umfassende Gedicht endet mit folgenden Worten: «Touching, fingerlicking, touching, As much as possible, […], As much as I possibly can». Die Sinnlichkeit in der Kunst und die Berührung durch die Kunst als Intention und Vision ziehen sich durch die Räume und Etagen des Museums, konglomerieren im Raum der Zukunft und hinterlassen ein zartes Echo in unserem Gedächtnis.

Valeska Marina Stach, freie Künstlerin und Autorin in Basel. valeskamarinastach@gmail.com

Bis 
14.08.2022

Ruth Buchanan (*1980, Te Āti Awa, Taranaki, Aotearoa Neuseeland) lebt in Berlin
2007 Master of Arts (Fine Art), Piet Zwart Institute, Willem de Kooning Academie, Rotterdam
2002 Bachelor of Fine Arts, Elam School of Fine Art, University of Auckland, Auckland

Einzel- und Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹The scene in which I find myself / Or, where does my body belong›, Govett-Brewster Art Gallery, Ngāmotu New Plymouth
2019 ‹feminist histories›, MASP São Paulo; ‹Charlotte Posenenske – Lexicon of Infinite Movement›, Kröller-Müller Museum Otterlo
2016 ‹Bad Visual Systems – Ruth Buchanan, Judith Hopf, Marianne Wex›, Adam Art Gallery, Te Pataka Toi Te Whanganui-a-Tara Wellington; ‹The 8th Climate (What Can Art Do?)›, Gwangju Biennale
2014/15 ‹J – Looking as or is Metronome, in the framework of A-Z. The Marzona Collection›, Hamburger Bahnhof Berlin
2015 ‹Or, a building›, Badischer Kunstverein Karlsruhe
2011 ‹The weather, a building›, in ‹Push Pull›, Tate Modern London

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