Sammlerstücke — Nähmaschine — Kindheit als Übungsfeld

Singer, The Singer Manifg. Co. USA, um 1900, Kindernähmaschine, Metall, 18 x 18 x 9 cm  

Singer, The Singer Manifg. Co. USA, um 1900, Kindernähmaschine, Metall, 18 x 18 x 9 cm  

Fokus

Erlernbare Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben sind elementar für die menschliche Entwicklung und die Sozialisation in Gemeinschaften und Kulturen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch mit der Konstruktion einer Nähmaschinen für Kinderhände ein ähnlicher Effekt angestrebt. 

Sammlerstücke — Nähmaschine — Kindheit als Übungsfeld

Das Einsetzen der Nadel, das Einfädeln, die Regulation von Stichweite und Fadenspannung: Diese Handgriffe beschreibt die illustrierte Bedienungsanleitung, die mit der ersten Generation der Singer-Kindernähmaschine geliefert wurde, einem freistehenden, handkurbelbetriebenen Objekt mit gusseisernem Körper, Kolben, Hebeln und einem schraubzwingenähnlichen Metallbügel am Fuss, mit dem es an einer Tischplatte fixiert werden kann. Das Unternehmen, ‹The Singer Company›, war 1851 in Boston, Massachusetts, gegründet worden und entwickelte sich in kurzer Zeit zum Weltmarktführer mit Exporten bis nach Asien. Das Singer Model No. 20 kam 1910 erstmals als ‹Singer for the Girls› mit der Zusatzbemerkung auf den Markt, dass es sich nicht um ein Spielzeug handle, sondern um eine «reale», eine wirklich voll funktionsfähige Nähmaschine, begleitet vom Sprichwort «As the twig is bent, the tree is inclined». Die Illustrationen führen vor, wie sauber gescheitelte Mädchen mit Kittelschürzen analog zu einem «biegsamen Zweig» mit dieser Maschine lernen, zunächst die Kleider für ihre Puppen selbst zu nähen, um später auch als erwachsene Frauen Arbeiten in der Textilproduktionen übernehmen zu können.
Zehn Jahre zuvor, im Jahr 1900, hatte die 1892 in Rochester gegründete Firma Kodak die erste vollautomatische Kamera namens ‹Brownie› auf den Markt gebracht, mit der es kinderleicht möglich wurde, sich selbst zu inszenieren und das eigene Leben zu dokumentieren. Laut Slogan war dazu nicht mehr nötig, als im entscheidenden Moment den Knopf zu drücken und den vollständig belichteten Film abzugeben. Der gesamte «Rest» der Entwicklung in Dunkelkammern wurde von Kodak übernommen.
Die Kindernähmaschine und die ‹Brownie› zeigen auf, wie gross die Verantwortung für Kindheit als Übungsfeld ist. Das gilt auch aus heutiger Perspektive, wenn man bedenkt, dass bereits Kinder mit Computer und Mobiltelefon agieren, früh programmieren und konsumieren lernen: Erst mit dem Verständnis der Logik von Maschinen, Erfahrungen in der Organisation von Arbeit und Dynamiken gibt es Möglichkeiten, die eigene Position in den Blick zu nehmen, die Frage der Emanzipation in ein Verhältnis zu Erwerbsmodellen zu setzen. Und genau dort sind Frauen, allen voran Künstlerinnen, Architektinnen und Gestalterinnen im Laufe der Industrialisierung tätig geworden, haben Aufbauarbeit im ökonomischen wie im sozialen Sinn geleistet.

Stefanie Manthey, Autorin, Dozentin,Kunstvermittlerin; Forschung zu Material, Technik, Cultural Heritage. stefanie.­manthey@gmail.com
 

→ Sammlerstücke: Autor:innen kommentieren ein ausgewähltes Werk aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch

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