Studio Renée Levi — Tilo

Studio Renée Levi · Tilo, 2022, Visualisierung, Ausführung bis September 2023, zur Feier des175. Jubiläums der Schweizer Bundesverfassung

Studio Renée Levi · Tilo, 2022, Visualisierung, Ausführung bis September 2023, zur Feier des
175. Jubiläums der Schweizer Bundesverfassung

Studio Renée Levi · Tilo, 2022, Visualisierung, Ausführung bis September 2023, zur Feier des175. Jubiläums der Schweizer Bundesverfassung

Studio Renée Levi · Tilo, 2022, Visualisierung, Ausführung bis September 2023, zur Feier des
175. Jubiläums der Schweizer Bundesverfassung

Besprechung

Vor sehr langer Zeit war dieser Platz den Göttern vorbehalten. Seit Parlamente die Tempel sind, stützen Würdenträger hier das Wappen der Nation, unbestechlich hebt die Gerechtigkeit ihre Waage. Am Bundeshaus in Bern ist das Tympanon bisher nackt geblieben – ein neues Kunstprojekt wird die Lücke schliessen.

Studio Renée Levi — Tilo

Bern — Grautonig sind die Kacheln. Wie die Steine, die der Architekt Hans Wilhelm Auer aus allen Landesteilen in föderalistischem Sinn und Geist für den Neubau hatte holen lassen. Glasiert und mit Rillen versehen, stiftet die Verkleidung eine Schraffur, mit der die Dreiecksfläche je nach Sonnenstand und Blickwinkel ein variables Bild aus Licht und Schatten zeichnet. Das Studio Renée Levi schliesst die Fassade und offeriert an der prominenten Stelle ein hochgradig bewegliches Bild. Man denkt an edlen Moiré-Stoff. Auch die Assoziation zum Kaleidoskop liegt nahe, das jedes räumliche Sehen in ein kristallines Feld übergehen lässt. Beiläufig fasst Licht immer wieder andere Kacheln in Flächen zusammen, aus jeder Richtung formiert sich ein Ganzes neu.
Das Modernste sei damals die Heizung gewesen, weiss Hans Rudolf Reust, der die Jury der Kunstkommission Parlamentsgebäude präsidierte. Äusserlich hat der Bau bei der Einweihung 1902 mit den Innovationen der Zeit nicht mitgehalten: Der Bund feierte den Symbolwert architektonischer Formeln, hob Mutter Helvetia auf den Dachfirst und sorgte dafür, dass eine nach innen wenig zwingende Kuppel das politische Herz auch von weither erkennen liess. Was vermag Kunst von heute zu erzählen im Korsett des etwas schwer gewordenen Historismus? Welche Haltung, welches Zeichen verspricht sich sinnvoll einzufügen ins «Schutzobjekt von nationaler Bedeutung»? Zeitgleich mit 14 weiteren eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern haben Renée Levi und Marcel Schmid im Rahmen eines Wettbewerbs mit diesen Fragen gerungen. Und sich nach der Erstpräsentation nochmals herausfordern lassen: Die Frage, wie sie ihren dezenten Auftritt am politisch hoch kodierten Ort begründen, verabschiedeten sie eine zunächst symmetrische Komposition, legten die Kacheln grösser aus und gaben ihrem Projekt den Namen ‹Tilo› mit.
Die Erinnerung und Hommage an Tilo Frey (1923–2008), die erste Frau schweiz-afrikanischer Herkunft, die schon 1971 in den Nationalrat Einsitz nahm, legt vielschichtige Pointen der Arbeit offen. Migrantische Biografien sind längst Regelfall, auch in der Schweiz. Nicht Herkunft, nicht religiöse Zugehörigkeit, nicht Gender bestimmen über politische Teilhabe. Wahrnehmung macht Standpunkte aus – und umgekehrt. Und Beweglichkeit bleibt ein Grundstein unserer Demokratie.

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