Take Care — Inspirierendes Zusammenspiel

Take Care – Kunst und Medizin, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2022. Foto: Franca Candrian

Take Care – Kunst und Medizin, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2022. Foto: Franca Candrian

Take Care – Kunst und Medizin, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2022. Foto: Franca Candrian

Take Care – Kunst und Medizin, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2022. Foto: Franca Candrian

Besprechung

Nicht Sichtbares sichtbar machen, Bilder dafür finden: Nicht nur darin berühren sich Medizin und Kunst. Kommt beides wie im Kunsthaus Zürich unter dem vielsagenden Titel ‹Take Care› zusammen, kann das heilsam wirken. Und das Verständnis fördern für grundlegende Aspekte des Menschseins und unserer Zeit.

Take Care — Inspirierendes Zusammenspiel

Zürich — Wenn’s doch so einfach wäre wie bei Cosmas und Damian, die einem weis­sen Mann das Bein eines verstorbenen Schwarzen «transplantieren», ohne dass ein Tropfen Blut fliesst. Das können nur Heilige. Fra Angelico hat die Szene mit den als Schutzpatronen der Ärzte und Apotheker verehrten Heiligen vor über 580 Jahren (mit Zanobi Strozzi) festgehalten. Vor der leuchtenden kleinen Tafel bäumt sich – auch das gleich zu Beginn der Ausstellung –, lebensecht, vital, emotionsgeladen, der kopflose Bronzekörper eines jungen Mannes, eine der ab 1992 entstandenen ‹Arched Figure[s]› der ‹Arch of Hysteria›-Werke von Louise Bourgeois; Antwort auf Fragen ihrer eigenen Lebensgeschichte und psychogener Prozesse. Antwort und Frage; unerwartete Dialoge, Unerwartetes überhaupt; ungeahnter Beziehungsreichtum, die Darstellung von Wissen und Fühlen: Man könnte vieles aufzählen, was diese aufregende, inspirierende Schau zu bieten hat. Cathérine Hug hat sie von langer Hand geplant und so viele Werke von älteren bis ganz jungen Kunstschaffenden zusammengeführt, von Wissenschaftlerinnen und Kunsthandwerkern, dass sich jede und jeder angesprochen fühlt. So mancher Erkenntnisblitz zuckt dabei über den eigenen Horizont.
Dass man sich in dieser Fülle von Gefährdung, Heilsversprechen und Diagnostischem, von Schönheit, Ausdruck und Illustration nicht verliert, ist eine der grossen Leistungen der Ausstellung. In sechs Kapiteln bietet sie ein Zusammenspiel von Realien aus Medizin und Medizingeschichte und Kunstwerken, in denen vor allem die Versehrtheit des Körpers thematisiert wird, seine Verletzlichkeit, die Sehnsucht nach Heilung: assoziativ, beispielhaft, voller Gegenwart, aktuell. Alles spricht. Und oft anders, als wir es gewohnt sein mögen. Die histologischen Zeichnungen eines Adolf Fleischmann sind in ihrer komponierten Wahrheit schön, die Ästhetik des «pharmazeutischen Stils» fesselt noch immer, genauso wie die Objektkunst der Moulagistinnen und Moulagisten. Und von den zwei- und dreidimensionalen Votivgaben, von unbekannten Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, geht ungebrochen archaische Kraft aus. Angesichts der Reichhaltigkeit der Ausstellung, für die man viel Zeit mitbringen sollte, bleibt jeder Versuch einer Zusammenfassung auf der Strecke. Denn jedes Exponat will in seiner Eigenart verstanden werden, weil jedes in diesem Kontext etwas Schicksalhaftes hat – schicksalhaft für den Einzelnen, der es geschaffen hat, schicksalhaft für die Gesellschaft, in die es wirkt.

Bis 
17.07.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Take Care — Kunst und Medizin 08.04.202217.07.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Louise Bourgeois
Cathérine Hug
Autor/innen
Angelika Maass

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