Tatjana Erpen, Neda Razavipour

Neda Razavipour · Self service, 2009, ­Persischer Teppich, Salz

Neda Razavipour · Self service, 2009, ­Persischer Teppich, Salz

Tatjana Erpen · Angebrannter Gummischuh, 2021

Tatjana Erpen · Angebrannter Gummischuh, 2021

Hinweis

Tatjana Erpen, Neda Razavipour

Baden — Frauenhände falzen Papierbögen und verleimen sie mit Kleister. So entstehen in Heimarbeit Briefumschläge, die später der Verpackung von kleinen Einkäufen dienen. Tatjana Erpen (*1980) zeigt die Szenen aus dem Alltag afrikanischer Frauen auf zwei Bildschirmen. Dass das verwendete Altpapier aus Verwaltungsbüros, Spitälern und Schulen vor Ort stammt, merkte die Luzerner Künstlerin erst, als sie selbst ihre Ware auspackte: Auf der Innenseite des Umschlags waren fein säuberlich Zahlen zur Drogenstatistik des Landes notiert. Des Rätsels Lösung findet man einen Stock tiefer im Trudelhaus, wo das Innenleben von über 140 dieser Couverts vor einem Leuchtkasten in Hundertstelsekunden vorüberhuscht. Recycling auf Afrikanisch und «streng geheim», wie stellenweise zu entziffern ist. Ebenso aus dem Fundus des Alltäglichen stammt eine fast verkohlte Gummisandale, die eher an Krieg und Verwüstung denken lässt, in Tat und Wahrheit aber Leben rettet: Die Massai aus dem Hinterland von Daressalam verbrennen jeweils ihre Gummisandalen und räuchern damit giftige Schlangen aus, wenn sie von diesen bedroht werden. Tatjana Erpens Objekte und Beiläufigkeiten, darunter auch Pflastersteine, Sprossenleitern oder Treibhäuschen, verweisen letztendlich immer auch auf menschliche Existenzen. «Everyday objects and everyday life», sagt Neda Razavipour (*1969). Das verbinde sie mit den Arbeiten ihrer Kollegin in der Ausstellung ‹Les trésors du temps› (Kuratorinnen: Cornelia Ackermann und Susann Wintsch). Auf Inkjetprints erkennt man scheinbar Banales: Ein Bügelbrett, eine Tischleuchte, Kommoden. Alle Möbel sind verhüllt, die Stecker in der Wohnung gezogen. Hier möchte jemand wiederkehren. Filmszenen aus vorrevolutionären Zeiten, in denen eine ganze Sippe am Sandstrand herumtollt, erinnern an die iranischen Wurzeln der Künstlerin. Heimat, so die Weltenbürgerin, sei letztlich der Ort, wo man sich selber finde. So fügen sich im Untergeschoss Stühle, Perserteppiche, Pappkartons und Spiegel zu einer Gesamtinstallation zusammen. In Nachbarschaft zu den Filmen aus dem Familienarchiv verzaubert die Projektion von feinen Wellen auf einen mit Salz bestreuten Perserteppich den Raum. Bemerkenswert: Die Projektion stammt von Ultraschallaufnahmen einer Brust. Schmerz, Glück und Erinnerung sitzen tief im Körper. Sie kommen und gehen wie die Wellen des Kaspischen Meers.

Bis 
26.06.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Tatjana Erpen, Neda Razavipour 29.04.202226.06.2022 Ausstellung Baden
Schweiz
CH

Werbung