Wolfgang Laib — Wenn die Wörter versiegen

Wolfgang Laib · Crossing the River, 2022, Detailansicht mit kalligrafischer Übertragung nach Yishan Yining (1247–1317), Tusche auf Wand, ca. 100 x 100 cm, umgesetzt von Xinglai Yang

Wolfgang Laib · Crossing the River, 2022, Detailansicht mit kalligrafischer Übertragung nach Yishan Yining (1247–1317), Tusche auf Wand, ca. 100 x 100 cm, umgesetzt von Xinglai Yang

Besprechung

Abertausend Reishügel hat Wolfgang Laib seriell im Bündner Kunstmuseum ausgelegt – Resultat einer schlichten repetitiven Handlung. Erneut zeigt sich hier die Verortung des Künstlers sowohl in der westlichen Gegenwartskunst wie in der spirituellen Welt Indiens, mit der er seit seiner Jugend vertraut ist.

Wolfgang Laib — Wenn die Wörter versiegen

Chur — Jeder Hügel besteht aus einer Handvoll Reis, und auch die Distanz zwischen den konischen Anhäufungen beruht auf Menschenmass: Sie entspricht der Länge der gespreizten Hand. Eine meditative Haltung und das Performative prägen die Arbeit des deutschen Künstlers Wolfgang Laib, etwa wenn er jeden Frühling Blütenstaub sammelt und diesen dann in Museen zu «unbesteigbaren» Bergen aufhäuft oder zu gelben Farbfeldern streut. Seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit in den 1970er-Jahren holt sich Laib Materialien aus der Natur. Organisches wie Pollen oder Bienenwachs. Die Begegnung mit Laibs Arbeiten ist ein sinnliches Erlebnis, visuell und olfaktorisch. Besonders ausgeprägt ist dies in seinen begehbaren Wachsräumen zu erfahren und jetzt, wie im Bündner Kunstmuseum Chur, mit den schier endlosen Reihen von Hügeln aus Basmatireis. Gleichzeitig transzendiert der Künstler das Materielle und die sinnliche Wahrnehmung. Themen wie Leben und Tod, Vergänglichkeit und zyklische Erneuerung werden sinnbildlich über die natürlichen Materialien angesprochen und mit archetypischen Formen visualisiert. Harald Szeemann beschrieb ihn als «Künstler, der durch kleinste skulpturale Gesten unermesslich weite innere Räume aufzeigt». Laib öffnet in seinem Werk auch weite Räume über Zeiten und Grenzen der Kulturen. Für sein Konzept der «Zeitlosigkeit» hat er ein Ausstellungsformat geschaffen, bei dem er seine Werke in einem kulturhistorischen Kontext präsentiert. Besonders eindrücklich zeigte dies seine Installation in der Basilica Sant’Apollinare in Classe in Ravenna. Für die Präsentation im Bündner Kunstmuseum hat sich Laib das berühmteste Werk des Churer Domschatzes ausgeliehen, das Eucharistiekästchen aus dem 8. Jahrhundert. Die vergoldete Preziose ruft mit ihrer geometrischen Form auch Laibs minimalistische Skulpturen in Erinnerung. Dem Kästchen hat Laib einen leuchtenden Blütenstaubkonus gegenübergestellt. Es ist eine berückend schöne, geheimnisvolle Konstellation, die unterschiedliche Zeiträume überbrückt und sich einem rationalen Zugriff entzieht.
Die Ausstellung in Chur trägt den Titel ‹Crossing the River›. Eine chinesische Kalligrafie, über den Reishügeln auf die Wand appliziert, verweist auf eine Begebenheit im Leben des Zen-Gründers Bodhidharma aus dem 6. Jahrhundert. Der chinesische Kaiser wollte den Zen-Patriarchen am Ufer des Jangtse über seine Meditationserfahrung ausfragen. Dieser verweigerte eine Antwort und überquerte auf einem Schilfrohr den breiten Fluss. Das Wundersame entzieht sich dem Wort. 

Bis 
31.07.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Wolfgang Laib — Crossing Rivers 19.03.202231.07.2022 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Wolfgang Laib
Autor/innen
Gabriele Lutz

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