«Do all oceans have walls?» in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst, im Künstlerhaus, in der Städtischen Galerie und im Stadtraum

Peter Friedl · Bremer Freiheit, 1998
Foto: Frank Pusch

Peter Friedl · Bremer Freiheit, 1998
Foto: Frank Pusch

Besprechung

Das Beste, was Kunst-Flanerie im Stadtraum zu leisten vermochte, bestand darin, dass der künstlerische Einsatz die Passanten wie eine unverhofft bemerkenswerte Begegnung trifft. Die Initiative in Bremen stellt nun Werke vor, welche die Idee des Ortsbezugs humorvoll kritisieren.

«Do all oceans have walls?» in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst, im Künstlerhaus, in der Städtischen Galerie und im Stadtraum

20 Künstler aus 13 Ländern von Dennis Adams über Ange Leccia bis Stephen Willats bieten mit Aktionen, Bildern, Videos, Interventionen in Innen- und Ausseräumen entlang der Weser ein breites Spektrum. Sie rechnen ebenso mit zerstreuten Passanten wie mit vorinformierten Besuchern und lassen ihre Arbeit gegen die gewohnten Signale der Stadt konkurrieren. Umgeben von Verkehr, Werbung, gepflegter Natur haben Künstler drei Möglichkeiten, eine Differenz zu etablieren: entweder abrupt vom Gewohnten abzuweichen oder sanft in die Umgebung einzugreifen; ersteres überrascht, letzteres verschwindet fast. Die dritte Variante besteht darin, sich über beides lustig zu machen, eine Methode, die in Bremen dem vorinformierten Besucher die triftigeren Resultate bietet.

Peter Friedl aus Wien widmete der Idee von Ausstellungen im Stadtraum die vorläufig erhellendste Arbeit. Er liess sich selbst und den Kuratoren Eva Schmidt und Horst Griese Massschuhe von einem Bremer Schuhatelier anfertigen, vom Bundeskanzleramt Österreichs finanzieren und nannte solcherart mobile Kunst im öffentlichen Raum «Bremer Freiheit«. Die Dreistheit steckt in den vielfältigen Bezügen (zum Theater, zur Sockelskuptur, zur Mobilität, zum Sponsoring, zur Privatisierung des Öffentlichen) und die Integrität der Idee darin, dass Friedl diese Produktion nicht wiederholen wird.

Marcel Biefer/Beat Zgraggen aus Zürich nahmen sich der Idee interaktiver Kunst an, bauten in einem abseits gelegenen Bahnhof eine rissige kristalline Skulptur aus grob geklebten Styroporscheiben, nannten sie «Gott« und wiesen den Besucher an, sich nur nackt zu nähern. Denn nur wer sich entblösse, könne «Gott» erkennen. Man betritt den Raum durch eine Umkleidekabine. Und wer der Anweisung folgt, muss erkennen, dass er nur an sich selber denkt (kommt jemand?) und durch solcherart Spannung «den Raum erfährt». Dadurch wird die Situation einzigartig und die Skulptur ein Vorwand, Besucher einer profanen Erleuchtung auszusetzen, die vom Blödsinn nicht zu unterscheiden ist.

Olafur Eliasson aus Berlin beschränkte sich auf eine einmalige Aktion in der Weser, goss grüne Flüssigkeit ins Wasser und liess sie von der Strömung formen und verschwinden. Henrik Plenge Jakobson aus Kopenhagen inszenierte ein Feuer im Dachstuhl wie einen Operettenbrand. Man erkennt, dass es nicht brennt; und das gemeinte Feuer sieht bunt und spektakulär aus. Gegen verschwindende Aktionen setzten Eran Schaerf und Eva Meyer mit dem 70-Minuten-Video «Documentary Credit» über das Alltagsleben entlang der Grenzen zwischen den palästinensischen Autonomiezonen und Israel auf Dauer und sprengten den Zeittakt der Flanerie. Doch jede dieser Arbeiten macht deutlich, dass der Idee der site specifity nur noch mit Naivität ernsthaft zu begegnen ist.


Bis 
25.07.1998
Autor/innen
Söke Dinkla

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