Licht und Farbe und das beunruhigende Spiel von Nähe und Distanz

Silvia Gertsch und Xerxes Ach, Zürich 1999, Foto H.R. Rohrer

Silvia Gertsch und Xerxes Ach, Zürich 1999, Foto H.R. Rohrer

Silvia Gertsch Movie, 1999, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur und Einzelbild, Acryl hinter Glas, Lack auf Glas, 77 x 119 cm, Foto: Reinhard Zimmermann

Silvia Gertsch Movie, 1999, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur und Einzelbild, Acryl hinter Glas, Lack auf Glas, 77 x 119 cm, Foto: Reinhard Zimmermann

Fokus

Elisabeth Gerber · Mit den «Colorscapes» von Xerxes Ach und der Serie «Movie» von Silvia Gertsch stellt die Kunsthalle Winterthur in einer Doppelausstellung zwei Positionen von Malerei zur Diskussion, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jedenfalls auf den ersten Blick: hier die reine Farbe, dort eine wie Filmstills aneindergereihte nächtliche Autobahnfahrt. Ach wie Gertsch arbeiten aber beide auf eine Malerei hin, die über Farbe und Motiv hinaus die Erfahrung eines nurmehr sinnlich-intuitiv zu erfassenden Mehr zulässt.

Licht und Farbe und das beunruhigende Spiel von Nähe und Distanz

Zur Malerei von Xerxes Ach und Silvia Gertsch

Die Moderne mit ihrem Selbstbegründungsanspruch, und mit ihr die abstrakte Malerei, ist mittlerweile zur historischen Position geworden. Genauso wie die von ihr überwunden geglaubte Malerei der Neuzeit, deren Leidenschaft seit der Renaissance der Nachahmung der Natur gegolten hat. Für die Malerei der Gegenwart heisst die Frage deshalb weniger: Mimesis oder l’art pour l’art? Beide Konzepte stehen heute in ihrer ganzen Vielschichtigkeit als bildnerische Rhetorik zur freien Verfügung. Das Problem ist eher, ob und wie es der Malerei weiterhin gelingt, in einem durch die neuen Medien besetzten Umfeld zeitgemässe Bilder zu realisieren. Die «reine Malerei» eines Xerxes Ach oder die «gegenständliche» einer Silvia Gertsch verstehen sich da wie ein bewusst gesetztes «Trotzdem», nicht zuletzt gespiesen aus einer sinnlichen Lust an der Farbe und an der lange tabuisierten Illusion.

Xerxes Ach: Die Rückkehr des «schönen Scheins» Dass Schönheit eine ambivalente Verführerin sei, erfuhr schon der bildhübsche Narziss, ertrank er doch beim Versuch, sein Spiegelbild zu umarmen, elendiglich im Teich. Verführerisch schön sind auch die «Colorscapes» von Xerxes Ach mit ihren glänzenden, aber dennoch wie Häute verletzlich wirkenden Oberflächen und ihrer betörenden Farbintensität. Der «schöne Schein» ist ihm Mittel zum Zweck, aber genauso auch Ziel an sich, jenseits metaphysischer Spekulationen. Nicht einer abstrakten Idee und nicht einer narzisstischen Selbstverliebtheit gilt sein Interesse, sondern der Tatsache, dass es Schönheit gibt genauso wie das Verlangen danach.Die «Colorscapes», mit Pigment und Polyurethan beschichtete Aluminiumplatten, sind konkret und dennoch erscheinen sie dem Auge als reine, immaterialisierte Farbklänge, in deren glänzenden Oberflächen sich den Betrachtenden virtuelle Bildräume öffnen. Vage-verschwommen spiegelt sich in ihnen die Realität. Mit ihren farbigen Untiefen unterlaufen die imaginären Bildräume aber auch das rationale Bewusstsein und involvieren das Publikum in ein widersprüchliches, ja existentielles Spiel um Verführung und Autonomie, um reflexive Distanz und Sehnsucht nach Sinnlichkeit und Ekstase.Xerxes Ach konzipiert seine Bilder meist wie eine Raum-Farbkomposition. Er legt Farben und Formate fest und arbeitet dann Schicht um Schicht auf den einmal – mit Farbmustern aus Zeitschriften, Werbung und Hochglanzbroschüren – festgelegten Klang hin, in dem sich Spannung und Harmonie die Balance halten. Für die jüngste Werkgruppe in kühlen Eisblau- und nebelfesten Leuchtorangetönen war es beispielsweise ein Artikel im Geo über Krabbenfischen in der Beringsee, welcher die Inspiration lieferte. Xerxes Ach lässt sich verführen vom leuchtenden Energiepotential der Farben, ja er stimuliert und potenziert es geradezu, indem er die Farben lasierend übereinanderlegt.Die «Colorscapes» haben etwas Oszillierendes. Sie sind reine Malerei, die sich selber genügt und dennoch über das rein Konzeptuelle hinausgeht. Denn mit ihren spiegelnden Oberflächen, ihren illusionistischen, von barocker Sattheit getränkten Farbräumen verführen sie das Auge unvermittelt zum meditativen Schauen. Xerxes Ach setzt gezielt auf die Wirkung des «schönen Scheins» als sinnlich-geistiges Stimulans. Dieser «schöne Schein», längst als Illusion entlarvt und von der Moderne mit Skepsis betrachtet, wird ihm dabei erneut zum lustvoll zu besetzenden – allerdings als äusserst ambivalent erfahrenen – Ort der sinnlichen Verführung und der Selbst-Reflexion.

Silvia Gertsch: Die Farben der Nacht Die Malerei von Silvia Gertsch versucht das beinahe Unmögliche: die Darstellung des Lichtes mit den Mitteln der Farbe, genauer, des nächtlichen Kunstlichtes in all seinen Erscheinungformen: als Spiegelung von Autoscheinwerfern auf der nassen Strasse, als heller Lampenschein hinter geschlossenen Fenstern, als kühler Neonreflex auf einer Glasscheibe, als matter Schimmer oder nebliger Schleier. Silvia Gertschs Leidenschaft als Künstlerin gilt deshalb der Nacht, den städtisch-zivilisierten Orten und Strassen. In ihnen sucht sie, wie der Flaneur in Baudelaires Paris, nach Motiven, die sie mit dem Fotoapparat und neuerdings, wie für die Serie «Movie», mit der Videokamera festhält. In der Nacht arbeitet sie auch, wählt ihre Vorlagen aus und transformiert die medialen Abbilder in Malerei, in Bilder hinter Glas: in eine profane Mystik des Lichts.Licht und Farbe bezeichnet Silvia Gertsch als das eigentliche Thema ihrer Malerei. Das heisst, einem alchemistischen Prozess gleich, immer wieder neu die Immaterialität des Lichtes in Materie, in Farbpigmente zu verwandeln. Es bedeutet gleichzeitig aber auch, dass sich eine solche Malerei, wie zuletzt die der Impressionisten, ganz auf die sichtbare Realität bezieht. Den Impressionisten galten die damaligen physikalischen Farbtheorien als Schlüssel für die malerische Realisierung ihrer optischen Eindrücke. Silvia Gertsch hingegen sucht in ihrer Begegnung mit der nächtlichen Wirklichkeit jeweils nach einer bestimmten Stimmung, nach einer atmosphärisch aufgeladenen Situation, die sowohl einer inneren Vorstellung entspricht wie auch Ausdruck zeitgenössischer Erfahrung ist.Solche Bilder sind wie Fenster zur Welt, sie geben den Blick auf eine vertraute und zugleich ver-rückte Realität frei. Die Wirklichkeitsausschnitte sind unspektakulär, ja alltäglich, aber sie sind aufgeladen mit einer konzentrierten Stille. Sie sind gesättigt von einer übersteigerten Wachheit des Bewussstsein, wie es nur nächtlichen Momenten eigen ist. Die traumartige Qualität der Bilder berührt und irritiert, denn die von Silvia Gertsch mit einem distanziert-engagierten Auge ausgewählten Ausschnitte evozieren als Bild beim Betrachten immer auch ein Gefühl von Entfremdung, Leere und Ausschluss von der Welt. Jedes Motiv, etwa das der Serien «Interieur» oder «Movie», wird von Silvia Gertsch in verschiedenen Farbtönen durchgespielt. Von hinten trägt sie, nass in nass, die Farbe auf die Glasscheibe auf und arbeitet sich in nuancierten Abstufungen von der dunkeln Farbe zum weissen Pigment, von der Dunkelheit ins Licht. Analog verläuft ihr Arbeitsprozess: Sie malt jeweils von der Dämmerung bis ins Morgengrauen und muss – so fordert es das Material – das Bild dann vollendet haben. Wie einen dünnen Schleier legt sie schliesslich zum Abschluss eine leicht eingefärbte Lackschicht über die Vorderseite der Glasplatte. Was während des Arbeitsprozesses als plastisch übersteigerte Farb-Realität aufgebaut wurde, entzieht sich nun dem unmittelbar wahrnehmenden Zugriff. Das Abgebildete taucht ein in eine geheimnisvolle Atmosphäre, welche die aus dem nächtlichen Licht herausgeschälten Gegenstände entmaterialisiert. Der «Blick aus dem Fenster» wird zum Blick in eine nachtfarbene Welt des Scheins und zum Einblick in die Realität des gemalten Bildes.


Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Silvia Gertsch, Xerxes Ach 29.05.199917.07.1999 Ausstellung
Künstler/innen
Xerxes Ach
Silvia Gertsch
Autor/innen
Elisabeth Gerber

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