Vibeke Tandberg

Vibeke Tandberg · Jumping Dad, 2000, Fotografie, 9-teilig; Courtesy Yvon Lambert, Paris

Vibeke Tandberg · Jumping Dad, 2000, Fotografie, 9-teilig; Courtesy Yvon Lambert, Paris

Besprechung

Um Theorien schert sich Vibeke Tandberg einen Deut. Ihre Selbstinszenierungen berufen sich weder auf Lacans Spiegelstadium noch auf politisch komplexe Fragen der Identität. Schlicht und einfach die unbändige Lust, sich selbst in immer neuen Rollen zu erfahren, treibt die 33-jährige Norwegerin an.

Vibeke Tandberg

Brauchen Erfahrungen einen Realitätsbezug? Oder lassen sich solche auch im virtuellen Raum machen? Für Vibeke Tandberg ist die Antwort klar. Das Spielfeld der Kunst bietet ihr den Freiraum, vorläufige, fiktive Idenitäten anzunehmen, die ihr in der Wirklichkeit grösstenteils verwehrt blieben. Ihre Faszination für blonde Haare liesse sich mit einer Färbung noch recht einfach in die Tat umsetzen. Doch erst die 53 Bilder umfassende Fotoserie «Beautiful», 1999 entstanden, bot Tandberg die Gelegenheit, sich ihrer Obsession zu entledigen. Unter einer opulente blonde Perücke, theatralisch vom Wind verweht, bleibt das Gesicht der Künstlerin allerdings weitgehend verdeckt. Nicht die individuellen Züge, sondern Blond als mythisches Zeichen für weibliche Schönheit wird so in den Vordergrund gerückt.In der Ausstellung im Kunstmuseum Thun sind es allerdings weniger Weiblichkeitsklischees, die Vibeke Tandberg herausfordert. Vielmehr eignet sie sich hier männlich codierte Rollen und Tätigkeiten an. Robert de Niro in Scorceses Film «Taxi Driver» ist so ein Typ, der es ihr angetan hat. Wie es sich anfühlt, als einsamer Wolf durch die nächtlichen Strassen New Yorks zu kurven, erkundet sie in ihrer jüngsten Videoarbeit «Taxidriver too». Und ganz offensichtlich kostet sie diese coole Rolle aus: In ihrem sieben Minuten langem «Remake» lehnt sie sie lässig den Arm auf die Rücklehne des Beifahrersitzes, zündet sich eine Zigarette an und winkt ihren Berufskollegen im Vorbeifahren zu. Weit traumatischer präsentiert sich das Beziehungsgeflecht in der Fotoserie «Jumping Dad». Im Schlafzimmer des Vaters benutzt die mit Herrenhemd und -hose bekleidete Künstlerin dessen Bett als Trampolin. Doch ihr ernsthafte Gesichtsausdruck steht in eigenartigem Widerspruch zum kindlich-übermütigen Hüpfen. Nicht nur familiäre Konflikte, sondern auch geschlechtliche Zwänge kommen in diesen ambivalenten Bildern zum Ausdruck. Eher ironisch wirkt hingegen der Kampf der Künstlerin gegen ihr virtuelles Double im Videofilm «Boxing», der bereits auf der letztjährigen Berlin Biennale zu sehen war. Durch die Besetzung der beiden Rollen mit ihrer eigenen, schlaksigen Gestalt erfährt nicht nur die Figur des virilen Boxers eine erheiternde Verfremdung; so leichtfüssig wie in diesem Film wurde die Symbolik der kämpferischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst wohl noch kaum je umgesetzt.Vibeke Tandberg wird gerne mit Cindy Sherman verglichen. Die Aneignung und Verschiebung sozialer Stereotypen ist zweifellos ein verbindendes Merkmal. Doch die Haltung der beiden Künstlerinnen unterscheidet sich fundamental. Dem feministischen, medienkritischen Ansatz der Amerikanerin setzt die 13 Jahre jüngere Norwegerin ein virtuelles Ausagieren von Lebenswünschen entgegen, dem kein gesellschaftsverändernden Anpruch innewohnt. Nicht nur ein Generationswechsel zeichnet sich hier ab, sondern eine vollständig andere Auffassung vom Potenzial der Kunst.


Bis 
26.08.2000
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Vibeke Tandberg, Karim Noureldin 16.06.200027.08.2000 Ausstellung Thun
Schweiz
CH
Autor/innen
Edith Krebs Nduakasa
Künstler/innen
Vibeke Tandberg

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