Artur Zmijewski bei Peter Kilchmann

Artur Zmijewski · An Eye for an Eye, 1998, Dressed V, color photograph, 120 x 180 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Artur Zmijewski · An Eye for an Eye, 1998, Dressed V, color photograph, 120 x 180 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besprechung

Die Schönheit eines Körpers ohne Arme oder Beine kennen wir aus dem Antikenmuseum. Im Alltag hingegen ist der versehrte Körper tabuisiert. Wenn wir irgendwo auf der Strasse einem behinderten Menschen begegnen, dann schauen wir in der Regel weg. Unter dem Vorwand, seine Privatsphäre nicht verletzen zu wollen, tun wir so, als hätten wir nichts gesehen. Dabei ist es gerade der kurze, verstohlene Blick aus dem Augenwinkel, der uns zu Voyeuren macht. Wir schauen erst weg, nachdem wir gesehen haben, was wir vorgeben nicht zu sehen.

Artur Zmijewski bei Peter Kilchmann

Der Polnische Künstler Artur Zmijewski (*1966) ist ein unbequemer Künstler, denn er bildet ab, was wir gemeinhin nicht zu sehen wünschen. Amputierte, kleinwüchsige, deformierte und von Krankheit gezeichnete Menschen sind die Protagonisten seiner Videoarbeiten und Fotografien. Nackt, ungeschönt und doch würdevoll blicken sie der Kamera des Künstlers entgegen. «140 cm» beispielsweise zeigt eine Menschengruppe, die – wie es der Titel suggeriert – alle auf je verschiedene Weise nicht grösser als 140 cm sind. Eine alte Frau, ein Krummbeiniger, einer mit rachitisch vergrössertem Brustkorb, ein Mann ohne Beine, unversehrt ist einzig das Kind in ihrer Mitte.

Die erste Begegnung mit Zmijewskis Bildern ist irritierend. In einer Fotografie der Serie «An Eye for an Eye» blickt ein nackter Mann selbstbewusst aus dem Bild. Er ist weder jung, noch schön, und da wo das rechte Bein sein sollte, findet sich bloss ein kurzer Stumpf. Gleichwohl ist seine Haltung aufrecht. Ein Mann steht hinter ihm und hält ihn mit beiden Armen fest umschlungen: er ergänzt die amputierte Extremität des Behinderten mit seinem eigenen gesunden Bein. Zmijewski will nicht Mitleid erregen oder mit dem Elend Unglücklicher hausieren. Im Gegenteil, sein Blick ist zärtlich und unerbittlich zugleich. Mit der Serie «Eye for an Eye» verdreht er die alttestamentarische Metapher ins Positive und erzählt von einer Zuversicht, die betroffen macht. Der polnische Künstler zitiert klassische Skulptur und verleiht ihr eine neue, gesellschaftliche Brisanz. Eine beeindruckende Arbeit, die von menschlicher Würde und gesellschaftlicher Solidarität handelt. Dies gilt für die Arbeiten in der Galerie Peter Kilchmann ebenso, wie für das Video, das Zmijewski im Rahmen der «Manifesta» in Frankfurt zeigt. Ein Chor gehörloser Menschen singt ein von Orgeltönen begleitetes Kyrie. Das stimmliche Chaos, das sich entfaltet, streift eine Schönheit, die anders ist und sich deshalb umso nachhaltiger festsetzt.
Bis 20.7.

Autor/innen
Claudia Spinelli
Künstler/innen
Artur Zmijewski

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