Minnette Vari in der Galerie Serge Ziegler

Minnette Vari · Untitled, 2002, photography, 120 x 240 cm, ed: 5 & 1AP

Minnette Vari · Untitled, 2002, photography, 120 x 240 cm, ed: 5 & 1AP

Besprechung

In Videos und Fotografien beleuchtet Minnette Vari die Facetten ihrer komplexen Existenz als ungarischstämmige Südafrikanerin. Mit ihrem eigenen Körper als Erkenntnisinstrument ist sie auf einer oft riskanten Reise zu sich selbst begriffen. Sie kratzt und reisst Oberflächen auf, forscht nach ihrer Identität wie nach derjenigen von Südafrika, hinterfragt die Interpretation von Geschichte wie auch den Wahrheitsgehalt der täglichen Informationsflut.

Minnette Vari in der Galerie Serge Ziegler

Die wohl bekannteste Arbeit der 1968 in Pretoria geborenen und heute in Johannesburg lebenden Künstlerin ist ein Plakat, das neben dem Kunstmuseum von Pretoria hängt. Es ist mit Versatzstücken aus der Werbung und der Anthropologie komponiert. Darauf sieht man Minnette Vari in einer verführerisch-frivolen Körperpose und ihr Gesicht ist mit den charakteristischen Zügen einer Afrikanerin verfremdet. Damit steht dieses Plakat leitmotivisch für das gesamte Schaffen von Minnette Vari, die sich mit der schwierigen Situation einer doppelten, fast unvereinbaren Identität als Weisse und Afrikanerin auseinander setzt.

Mit einem analogen Themenkomplex beschäftigt sie sich auch in ihrer neuesten Fotoserie, die in der Galerie Serge Ziegler zu sehen ist. Eine überdimensionale Schwarzweissfotografie (1.20 x 2.40 Meter) zeigt eine chimärenhafte, weibliche Figur, die auf dem Dach eines Hochhauses kauert und über eine weite Stadtlandschaft blickt. Die Stadt ist Johannesburg und das Chimärenhafte erweist sich beim zweiten Blick als eine Ansammlung von Wappen, welche die Frau – hier die Künstlerin – auf ihrem Rücken trägt. Neben den Wappen von Ahnen der Künstlerin, handelt es sich um Familienwappen von deutschen, englischen, französischen und holländischen Kolonisten, die für die Geschichte von Südafrika von Bedeutung gewesen sind. Die wiederkehrenden Symbole und Embleme wie etwa der Löwe, der Drache, das Pferd, das Einhorn, die Mühle, die Burg, der Schwan und das Kreuz, die in der Regel auf Schutzschildern eingraviert sind, stehen für die Identität einer Familie. Diese Embleme sind Zeugen einer genealogisch bedeutsamen Herkunft und scheinen ihren «Trägern» als Hüter von Traditionen, Werten, Glaubenssystemen und Moralkodizes ein Gefühl von Macht und Überlegenheit zu verleihen. Daher fühlen sich diese an ihre Embleme gebunden, selbst wenn diese heute völlig referenzlos dastehen. Sind solche Schatten der Vergangenheit nicht eher eine Last als ein Vorteil? Verhindern sie nicht ein unmittelbares, wahrhaftiges Leben und führen zu einer Existenz, welche zwischen dem «Nicht-mehr» und dem «Noch-nicht» eingekeilt ist? Die Fragen, die diese Arbeit aufwirft, peilen die Illusion von Herkunft und Heimat an. Die Arbeit thematisiert die vergeblichen Versuche von Einwanderern, aus einem Geschichtszusammenhang, zu dem sie keinen Zugriff haben, persönliche Erinnerungen, ja sogar eine Identität heraufzubeschwören. Dass sich auch die Künstlerin Minnette Vari vor solchen Identitätskonstrukten nicht gefeit fühlt, belegt eine Videografie «Invisible City» von 1999. Sie zeigt eine fünfzig Jahre alte «Singende Postkarte» aus Jugoslawien, welche die Künstlerin jahrelang als vermeintliche Erinnerung an ihren ungarischen Grossvater aufgehoben hat. Damit hat sie dieses Missverständnis als eine Erinnerung entlarvt, welche oft aus einer idealisierenden Sicht auf die eigene oder auf eine kollektive Geschichte resultiert.
Bis 6.7.

Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Minnette Vári

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