Das Schaulager in Basel

Solitär im Industriequartier: Die Eingangsseite des Schaulagers mit Torhäuschen, Foto: Heinrich Helfenstein, Zürich

Solitär im Industriequartier: Die Eingangsseite des Schaulagers mit Torhäuschen, Foto: Heinrich Helfenstein, Zürich

Fokus

Das Schaulager in Basel

Architektur mit spezifischem Gewicht

Um es gleich zu sagen: Das Lager für die Bestände der Emanuel-Hoffmann-Stiftung ist noch weitgehend leer. Die Eröffnung der von Theodora Vischer kuratierten grossartigen Dieter Roth-Retrospektive Ende Mai wurde zwar auch als Einweihung des Schaulagers gefeiert. Doch dort, in den drei Stockwerken über den Ausstellungsetagen, wo zukünftig all jene Werke für eine Fachöffentlichkeit zu sehen sein werden, wurden erst zwei Kabinette mit Kunst bestückt. Das Gebäude der Architekten Herzog & de Meuron ist jedoch auch so ein phantastisches Erlebnis. Und selbst dann, wenn die Kunst komplett übersiedelt sein wird, dürfte der Unterschied nicht ohne weiteres erkennbar sein. Das Haus gleicht darin ein wenig der Skulptur von Richard Serra, die in Berlin auf dem Plateau der Neuen Nationalgalerie aufgestellt ist. Der schlichte mannshohe Eisenwürfel ändert schlagartig seinen Charakter, sobald man sich vorstellt, dass der Körper massiv sein könnte, was tatsächlich der Fall ist. Auch die mit Kunst gefüllten Räume des Schaulagers haben ein «spezifisches Gewicht», das der rein optischen Wahrnehmung verborgen bleibt. Es lässt sich nur erahnen, werden doch im Normalfall dem Fachbesucher nur die stählernen Türen beiseite geschoben, hinter denen die Objekte spezifischen wissenschaftlichen Interesses lagern.

Beim Einräumen der Kunst sind konservatorische Argumente ausschlaggebend. Werke aus denselben Materialien werden zusammengeführt, das erleichtert es den Restauratoren, eventuelle Veränderungen zu beobachten. Böse Überraschungen wie die, dass sich Maden an der Gelatine von Jeff Walls Fotokästen sattgegessen haben, was einmal einem deutschen Museum passiert sein soll, wird es hier nicht geben. Quasi nebenbei entstehen auf diese Weise neue Sortierkriterien der Gegenwartskunst.

Die Architekten hatten zunächst anderes vor, als sie von der Stiftungsvorsitzenden und Enkelin der Gründerin, Maja Oeri, um einen Entwurf für die bis dahin beispiellose Bauaufgabe gebeten wurden. Auf einer einzigen vertikalen Fläche sollten die Bilder, auf einer horizontalen die Skulpturen präsentiert werden. Nachdem sich eine derart gigantisch übersteigerte «St. Petersburger Hängung» als technisch schwierig und konservatorisch unbefriedigend erwiesen hatte und entschieden wurde, ein «richtiges Lagerhaus» mit flexiblen Wänden zu bauen, da begann die Suche nach einem passenden Ausdruck für das an sich simple Gebäude. Herzog & de Meuron, so scheint es, wurden an Ort und Stelle fündig. Der Boden des Baugrundstücks legte ihnen den Kieselstein als Leitmotiv wie von selbst vor die Füsse. Bereits bei früheren Projekten hatten sie das archaische Bild vom Bauprozess als Aufstapeln von Steinen verwendet. Steine in einem Rahmen aus Beton bei einem Frühwerk in Italien, die steingefüllten Stahlkästen des kalifornischen Weinguts aus den neunziger Jahren und nun das Schaulager, dessen an sich glatte Betonfassade nachträglich aufgekratzt wurde, um die darin verborgenen Kiesel wieder freizulegen. Alle Türen an der rauen Aussenhaut erhielten Verkleidungen aus Metallgewebe, in das die Kieselstruktur hineingeprägt wurde und im Innenraum, in dem ansonsten eisige White-Cube-Atmosphäre herrscht, taucht das Motiv in der Umhüllung des Bookshop- und Cafébereichs stark vergrössert wieder auf. An dieser Stelle kommen die beiden sonst streng voneinander separierten «Öffentlichkeiten» des Hauses fast miteinander in Berührung. Nur eine Glasscheibe trennt das Eintritt zahlende Publikum von dem Be- und Entladebereich für Kunsttransporte, wo auch die Restaurierungswerkstätten untergebracht sind.

In der zentralen Halle, die sämtliche Etagen miteinander verbindet, fühlte sich der Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Thomas Wagner, «plötzlich an einen Ort versetzt, wie man ihn bisher nur von einigen der digital bearbeiteten Fotografien Andreas Gurskys zu kennen glaubte.» Treffender lässt es sich nicht formulieren, was den Architekten mit einem einfachen Mittel, der seriellen Verwendung von Neonröhren, dort gelungen ist. Der Blick zur Decke irrt in einem auf die Architektur übertragenen Bild grenzenloser Wiederholung umher, das die Härte der kantigen Betonelemente zusammenschmilzt. Im Schaulager wurde der Detail-Fetischismus, den man der neueren Schweizer Architektur oft unterstellt, vom präzisen Gespür für grosse Gesten abgelöst. Die an keiner Stelle des Hauses jedoch den Vorrang der Kunst bestreiten. Nicht auf den drei Ebenen des eigentlichen Schaulagers und auch nicht in den klassisch-musealen Ausstellungsräumen, die dem Lager untergeschoben sind. Pro Jahr soll dort eine Gross-Ausstellung gezeigt werden, die nicht allein aus den eigenen Beständen zusammengestellt wird. Zwei besonders raumgreifende Arbeiten, der «Rattenkönig» Katharina Fritschs und «Virgin with Wells» von Robert Gober sind auf der unteren Etage als einzige Werke der Sammlung dauerhaft installiert.

Die Kunstachse, an der sich die privaten und öffentlichen Ausstellungsorte in Basel aufreihen, reicht nun von der Fondation Beyeler in Riehen über die traditionellen Innenstadt-Institutionen bis ins Dreispitzareal, wo sich das das Schaulager als «Findling» inmitten von Migros-Depots und Containerstapeln behauptet. Die Agglo-Touristen werden es zu schätzen wissen, aber dass an der «eingedrückten» Seite des Hauses, zwischen der makellos weissen Wand mit den grossen LED-Bildschirmen und dem kleinen Torhäuschen, das der Besucher passieren muss, ein «öffentlicher Ort» entsteht, wie ihn sich die Architekten wünschen, gehört eher in den Bereich des «wishfull thinking». Die Introvertiertheit des Hauses ist gewollt und wird bis ins Detail durchgespielt. Wenn etwa die Angestellten aus dem Fenster blicken, dann sehen sie zwar ein Stück Aussenwelt in Gestalt einer Parkhausauffahrt. Die Aussicht jedoch wird gerahmt durch einen gezackten Schlitz im Betonmantel des Gebäudes, der das Fenster-Bild zu zerschreddern droht und den Betrachter fast gewaltsam festhält, wo er sich gerade befindet: In einer Kunst-Welt, die sich selbst genug ist. In einer so überragenden Qualität allerdings, dass einem der Gedanke, es könnte auch anders sein, wenn überhaupt, dann nur vor einem der eingelagert ausgestellten Werke beschleichen wird. Oliver Elser

Oliver Elser ist Architekturkritiker, Archivar und Ausstellungsmacher. Er lebt und arbeitet in Berlin und Wien.

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