Hans-Jörg Mayer in der Galerie Nagel

Hans-Jörg Mayer · Chor, 2002, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm

Hans-Jörg Mayer · Chor, 2002, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm

Besprechung

Man könnte an Anselmus, den fantastischen Helden in E.T.A. Hoffmanns «Der goldne Topf» denken, vor dessen Augen sich der edle, bronzene Türklopfer am Tor des Hauses seines neuen Arbeitsgebers zu einem böse grinsenden Geistergesicht verzieht und den Studenten einstweilig davon abhält, seine neue Stellung anzutreten. Auch in Hans-Jörg Mayers Bildern, die in der Galerie Nagel zu sehen sind, transformiert sich die glänzende Welt der Life-Style-Magazine in einen morbiden, verlorenen Ort.

Hans-Jörg Mayer in der Galerie Nagel

«Chor», 2003 nennt Hans-Jörg Mayer das Gruppenbild mit den sieben Frauen, dessen Vorlage er in einem Vogue-Magazin gefunden hat. Trotz scheinbarer Schönheit und Eleganz lässt das Damenbild erschauern. Die fahlen Gesichtszüge der Frauen scheinen verschoben und verziehen sich unter dem pastosen Farbauftrag zu unheimlichen, starren Masken. Es ist ein erbarmungloser Damenchor, welcher die Welt herablassend beobachtet und vor dessen Kommentar man lieber fliehen möchte.

Hans-Jörg Mayer, dessen Kollaborationen mit Michel Majerus Ende letzten Jahres bei neugerriemschneider in Berlin zu sehen waren, zeigt nun in seiner Einzelausstellung sechs grossformatige Ölbilder. Bei fast allen stehen Frauenfiguren im Zentrum. Ihre Schönheit und ihr Glanz sind noch zu erkennen, gleichzeitig wirken die Figuren aber auch seltsam morbide und erstarrt. Sie irren durch dunkle Wälder, blicken verloren über weite, düstere Traumlandschaften oder stehen zwischen Lebensengel und Totentänzer. Die Unsicherheit darüber, in welche Welt die Figuren nun gehören, schafft beim Anblick ein latentes Unbehagen.

Mayer bedient sich Techniken der Popkultur, des Samplings und des Zitierens – er holt sich seine Motive aus Modemagazinen, Zeitungen, Bikerheften und aus der Kunstgeschichte. Er zitiert die Filmgeschichte und lässt Popsongs anklingen. Fragmente aus einem Gemälde El Grecos setzt er neben Versatzstücke aus Vogue-Fotostrecken, Fotografien von Schauspielern adaptiert er wie das Wappen einer befreundeten Künstlergruppe. Mayer recycelt die mediale Bilderflut, verflicht Erlebtes und Gesehenes zu oft expressiven Kompositionen nach dem einzigen Kriterium, dass sich die verschiedenen Motive zu einem neuen Ganzen zusammenfügen lassen. In ihrer Beliebigkeit mögen Mayers Zusammensetzungen vielleicht trivial erscheinen, doch schwingt in dieser Schichtung von Oberflächen immer Erkenntnispotential mit, die Ahnung einer weiteren metaphysischen Ebene.

So kann es dem Betrachter wie dem Hoffmannschen Helden ergehen und er mag auch dem Clown in der Arbeit «The Man», 2003, nicht mehr so richtig trauen. Ist er nun der selbstgefällige, witzige Typ in einem zitronenfarbigen T-Shirt, der entspannt aus dem Bild grinst? Oder verzieht sich das geschminkte Lachen demnächst zur Grimasse eines verzweifelten Mannes in einem pissgelben Leibchen?

Bis 
01.08.2003

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