Mäzene und Sponsoren: zwischen Einflussnahme und Liebhaberei

L'Intime, le collectionneur derrière la porte, 2004: vier inszenierte Sammler-Toiletten in der Maison Rouge. Foto: Marc Domage

L'Intime, le collectionneur derrière la porte, 2004: vier inszenierte Sammler-Toiletten in der Maison Rouge. Foto: Marc Domage

Videowüste im Edelpalast von LVMH: Doug Aitkens Video «Lighttrain» auf den Säulen, im Hintergrund der Künstler Gary Hill vor Chris Burdens «Tyne Bridge», Foto: texte&tendenzen

Videowüste im Edelpalast von LVMH: Doug Aitkens Video «Lighttrain» auf den Säulen, im Hintergrund der Künstler Gary Hill vor Chris Burdens «Tyne Bridge», Foto: texte&tendenzen

Fokus

In Frankreich bescheren seit der Reform des französischen Spenden- und Stiftungs-Rechts im vergangenen Jahr immer mehr wohlhabende Sammler dem Kunstbetrieb Geld und neue Orte. Die Geschenke für die Kunst bewegen sich zwischen persönlichem Engagement, eitler Schauvitrine und wohlkalkulierten Machtinteressen.

Mäzene und Sponsoren: zwischen Einflussnahme und Liebhaberei

«Wir sind keine Gönner. Wir wollen etwas für das Geld, das wir ausgeben. Und wir werden es kriegen», so zitierte Hans Haacke auf einem seiner Plakate während der documenta X 1999 einen Sponsor. «Mit dem Kunst-Sponsoring ist es wie mit den Logos auf Fussball-Trikots. Man gibt Geld, um dadurch Werbung zu machen. Genauso funktioniert es mit dem Kunst-Mäzenatentum. Und wir werden dem gerecht werden», sagt Alain-Dominique Perrin.

Der Ex-Vorstandsvorsitzende von Cartier präsidiert in Paris bereits die ambitiöse «Fondation Cartier», die im repräsentativen Jean-Nouvel-Bau Ausstellungen zwischen intellektuellem Anspruch und verspieltem Narzissmus zeigt. Bis Oktober überrascht hier der Modezar Jean Paul Gaultier die Pariser mit einer aus Brotteig kreierten Kollektion. Inzwischen agiert Perrin als Direktor des neu gegründeten Fundraising-Vereins für das Jeu de Paume in Paris. Auch das aus drei Institutionen fusionierte Mega-Fotomuseum bietet ihm seit Ende Juni viel gewinnträchtige Werbeflächen.

Das gefällt dem Kulturminister, dessen Budget von Prestige-Objekten wie Chiracs «Museum für erste Künste» (gemeint ist «primitive» Kunst), belastet wird. Doch auch hier helfen Unternehmen, allen voran als Hauptsponsor die Pernod-Ricard-Gruppe. Deren Chef Patrick Ricard finanziert bereits einen feinen Ausstellungs-raum nahe der Madeleine. Man munkelt, dass er einen ähnlichen Ort auch in Marseille eröffnen will. Bei soviel Engagement tut es nichts, wenn man beim Kunst-Genuss an Anislikör denkt.

Sponsoring ist also eine Werbe-Investition, die sich auszahlen soll. Dass sich der Sponsor aus der inhaltlichen Arbeit heraushält, ist per se nicht möglich: Wenn öffentliche Institutionen auf die Geldgeber schielen, beeinflusst das mittelbar auch deren Programm. Anders als Sponsoren agieren Mäzene: Sie machen Geschenke. Aus Liebhaberei hat gerade der Genfer Jean Bonna der Ecole des Beaux Arts in Paris ein Kupferstichkabinett finanziert. Natürlich erwartet der Schenker einen erfreuten Beschenkten. Durch die Gabe entsteht Verbindlichkeit, jedoch keine Abhängigkeit. Problematisch kann das werden, wenn die Kunst zum Spielball von Macht- und Repräsentationsinteressen wird. So hat man Multimillionär Flick mit seinen 2000 Werken von Zürich nach Berlin verjagt, weil man seinen Motiven misstraute. Und so droht Maurice Müllers edle und inzwischen teure Geste für das Klee-Museum in Bern für die Stadtbehörden mittlelfristig zum finanziellen Problemfall zu werden. Im Geldgemenge kann die Kunst schnell an den Rand geraten.

So geschehen in den neuen Räumen des Luxus-Konzerns Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH): Sie wurden mit Plastiken von Richard Serra, Matthew Barney und Chris Burden möbliert. Sogar Kommunikationschef Jean-Paul Claverie gibt zu, dass Burdens «Tyne Bridge» ein wenig in die Ecke gestellt wurde. Während LVMH-Direktor Bernard Arnault mit Arbeiten von Gary Hill, Doug Aitken, Ugo Rondinone und Michal Rovner den Grundstein für eine Videosammlung legt, geht sein Erzfeind François Pinault weiter. Der konkurrierende Luxusketten-Betreiber wird die ehemaligen Renault-Werke auf der Seine-Insel Seguin bis 2007 in ein modernes Super-Kunstzentrum verwandeln. Dass die LVMH-Preziosen nur samstags für Publikum zugänglich sind, erklärt sich auch aus dem neuen französischen Steuerrecht, das Steuern nur erlässt, wenn Ankäufe in den vier Folgejahren gezeigt werden.

Die unter dem letzten Kulturminister Aillagon eingefädelte Reform soll das spendenlahme Frankreich weltweit wieder nach vorne bringen. 150 Mio. Euro Steuereinbussen lässt man sich das kosten. Auf Seiten der Nehmer ist der Umgang mit Mäzenen freilich noch immer von Misstrauen geprägt. Starfotograf Helmut Newton wollte dem Jeu de Paume einen bedeutenden Teil seiner Sammlung schenken - Direktor Regis Durand zauderte so lange, bis die Schenkung schliesslich nach Berlin ging.

Privates Engagement durch gute Gaben bleibt eine ambivalente Angelegenheit. So wünschenswert die Geste ist, so problematisch ist der Einfluss des Gönners. Extrembeispiel USA: Durch die mächtigen trust-boards der grossen Museen wird der Kunstbetrieb zum Industriezweig. Auf der Strecke bleiben dessen Arbeiter: die Künstler. Sie brauchen keine Prestige-Ausstellungen, sie brauchen Strukturen, in denen sich Kunst als Bestandteil gesellschaftlicher Kommunikation entfalten kann.

Antoine de Galbert scheint mit der «Maison Rouge» am Quai de la Rapée unweit der Opéra Bastille solch eine Struktur zu gelingen: 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Kunstbuchhandlung und Café hat er bezugsfertig spendiert. «Es für Kunst auszugeben, rechtfertigt allein den Besitz von viel Geld», meint de Galbert und will Kunst aus internationalen Privatsammlungen zeigen. Der Anfang, eine Ausstellung mit eingerichteten Zimmern aus Sammlerwohnungen, ist nicht nur eine kluge Studie zum Phänomen des Sammlers und der Veränderung des Werks in seinem Kontext, sondern kann auch Lust aufs Sammeln machen. Und ? wer weiss ? vielleicht wird später eine Initiative daraus, wie jene von Sybil Albers und Gottfried Honegger, die mit Hilfe der Schweizer Stiftung Albers-Barrier gerade die «Donation Albers-Honegger» im südfranzösischen Mouans-Sartoux eröffnet haben. Die Sammlung ergänzt den seit 1990 bestehenden «Raum für Konkrete Kunst» um 500 Werke und ein von den Schweizer Architekten Guigon/
Guyer realisiertes Gebäude.

Mit der Reform des Spenden-Rechts werden in Frankreich die Karten eines längst als etabliert geltenden Systems neu gemischt. Player wie Perrin sehen darin eine Chance für die Werbung. Doch im Grunde genommen würde man sich mehr echtes Mäzenatentum wünschen. Nur dieses schafft die Freiräume, in denen Neues entstehen kann. Wer aus Interesse an der Sache und nicht am Einfluss schenkt, profitiert letztlich am gesamtgesellschaftlichen Effekt einer sich frei entfaltenden Kunst.

Werbung