«Covering the real» im Kunstmuseum

Malcom Morley · At a First-Aid Center in Vietnam, 1971, Öl auf Leinwand, 160 x 240 cm, The Eli and Edythe L. Broad Collection, Foto: Douglas M. Parker Studio

Malcom Morley · At a First-Aid Center in Vietnam, 1971, Öl auf Leinwand, 160 x 240 cm, The Eli and Edythe L. Broad Collection, Foto: Douglas M. Parker Studio

Besprechung

«to cover» heisst bedecken, auch verstecken. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird das Wort aber auch im Nachrichtenwesen und im Kontext der Presse zum Ausdruck flächendeckender Information gebraucht. «Covering the real» heisst dann: Realität mit Informationen zudecken. Die Ausstellung zeigt, wie sich Künstler und Künstlerinnen seit den 60er Jahren mit Pressebildern auseinander setzen.

«Covering the real» im Kunstmuseum

Zwei Daten waren entscheidend. 1963 wurden die Bilder von der Ermordung von John F. Kennedy weltweit ausgestrahlt - eine Epochenschwelle, welche die globale Verbreitung öffentlicher Nachrichten- und Katastrophenbilder endgültig zum Tatbestand machte. Die Medien werden von Künstlern seitdem nicht nur auf einzelne Inhalte hin recherchiert, sondern das Kunstwerk selbst passt sich den Medien und ihren Strategien und Auftrittsweisen an. Andy Warhol (1928-1987), mit der Medienbranche gut vertraut, druckte anonyme, handschriftenlose Bilder ab. Das zweite entscheidende Datum legt Hartwig Fischer, der Kurator der Ausstellung, auf 1981 fest. «Die Zeit» brachte am 20.3. ein Projekt von Allan Kaprow. Der amerikanische Künstler (*1927) hatte drei Bilder aus früheren Ausgaben mit veränderten Legenden in verschiedenen Rubriken der «Zeit» untergebracht. Je nach Kontext boten sie sich nun für unterschiedliche Interpretationen an. Bilder sind manipulierbar und werden strategisch eingesetzt, das war die eine Erkenntnis. Die andere betraf den Tatbestand, dass sich Kunst in der Zeitung ereignen kann, ohne sich als Kunst deutlich zu machen.

Die Ausstellung zeigt von 25 KünstlerInnen teils bekannte, teils auch zu entdeckende Werke, beispielsweise die skurrile Arbeit «Überfall», 1976, von Hans-Peter Feldmann (*1941). Der Künstler schnitt sämtliche Pressebilder eines Banküberfalls aus und klebte sie neu entsprechend dem chronologischen Tathergang auf. Aus lauter sich bedeutungsvoll gebenden Pixeln bestehend, stottert sich nun die Geschichte, die unversehens zum Märchen mit Happy End mutiert, voran. Immer wieder sind es gerade die gewalttätigen Ereignisse, welche von KünstlerInnen aufgegriffen werden. So malte Malcolm Morley (*1931) 1971 eine Life-Doppelseite mit dem berühmten Foto eines First-Aid Centers in Vietnam ab und Martha Roslers (*1943) immer wieder umwerfenden Fotomontagen «Bringing the War Home» zeigen, wie sich in die Schöner-Wohnen-Idylle das Kriegsgeschehen aus Vietnam einschleicht. Arbeiten jüngeren Datums werden in der Ausstellung überwiegend in eigenen Räumen präsentiert. Wolfgang Tillmans (*1968) richtete auf vier Wänden Medienbilder von Soldaten und Polizisten aus, um deren erschreckende und zugleich ästhetisch zubereitete Präsenz in den Medien nachzuzeichnen. Die letzten Räume sind Allan Sekula, Bruno Serralongue und Gilles Saussier gewidmet, die sich alle mit einer Mischform von Kunst und Pressebild befassen. Zu Warhols Zeiten noch undenkbar, verstehen sich Künstler heute auch als alternative Informationslieferanten.

In einer Online-Direktschaltung werden über Internet empfangene Bilder der Schweizer Presseagentur Keystone gezeigt. Eine kleine Broschüre informiert über sämtliche KünstlerInnen und ein üppiger Katalog im DuMont Verlag liegt vor.

Bis 
20.08.2005

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