Im Interesse der Kulturschaffenden? Ein zweiter Blick auf das Urheberrecht

Markus Zürcher

Markus Zürcher

Fokus

Im Januar wird eine Revision des Urheberrechts vor
das Parlament kommen. Bei diesem Gesetzesentwurf sind vor allem die Interessen der Verwertungsgesellschaften eingeflossen. Die eingebrachten Verschärfungen werden sich letztlich gegen die Kulturschaffenden richten. Aus diesem Grunde hat sich eine breit abgestützte Interessengesellschaft gebildet, welche dem Bundesrat eine Resolution unterbreitet hat. Die Resolution ist das Resultat eines Treffens und wurde in Absprache mit dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, dem Verband der Museen der Schweiz, der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften und anderen mehr formuliert.

Im Interesse der Kulturschaffenden? Ein zweiter Blick auf das Urheberrecht

Auf den ersten Blick leuchtet das Anliegen des Urheberrechtes ein und es scheint die legitimen Ansprüche und Interessen des Kulturschaffenden zu schützen: Wie das materielle Eigentum an einer Sache, so soll auch das geistige Eigentum geschützt werden. Der Kulturschaffende soll nicht um die Früchte seiner Arbeit gebracht werden, vielmehr soll er an den Erlösen teilhaben, die aus der möglichen, kommerziellen Verwertung seiner Idee oder seiner Schöpfung fliessen. So weit so gut; dem zweiten Blick hingegen vermag diese Argumentation nicht Stand zu halten, denn Voraussetzung für eine mögliche kommerzielle Verwertung von Ideen und kulturellen Schöpfungen ist deren möglichst grosse Verbreitung. Verwertung setzt eine hohe Bekanntheit des Schöpfers und seiner Werke voraus und wohl lange bevor ein Kulturschaffender die Möglichkeit in Betracht zieht, seine Schöpfungen gewinnbringend zu verwerten, wird es sein Ziel und Anliegen sein, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen. Reproduktionen seiner Werke in Katalogen, in Zeitschriften, auf Plakaten und auf Websites von Museen und weiterern spezialisierten Institutionen sind die gängigen Kanäle, über welche der Kulturschaffende ein breites Publikum erreichen kann. Die Nutzung dieser an sich kostengünstigen Diffusionskanäle und Verbreitungsmechanismen werden nun aber durch das Urheberrecht mehr und mehr in Frage gestellt: Betraut der Kulturschaffende eine Verwertungsgesellschaft mit der Wahrnehmung seiner Rechte an seinem geistigen Eigentum, so wird die Verbreitung seiner Schöpfungen mittels der oben genannten Medien kostenpflichtig. Die Kunstvermittler gewärtigen substanzielle Rechnungen für die Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Werken, falls diese nicht unter eine Ausnahmeregelung (Aktualitätsprivileg für Bilder zu laufenden Ausstellungen) fallen. Der Kulturschaffende wird nur einen Bruchteil des Inkasso sehen, der Rest verschwindet in den administrativen Untiefen der privat organisierten Verwertungsgesellschaften.
Weit schlimmer wiegt, dass er für die bescheidene Tantieme einen hohen Preis zahlt: Die fälligen Gebühren hindern die Kunstvermittler daran, urheberrechtlich geschützte Werke mit den gängigen Mitteln einem breiten Publikum bekannt zu machen. Dieser Wirkungsfolgen, die erst der zweite Blick aufdeckt, nicht bewusst, bringt sich der Kulturschaffende um sein Publikum. Er verfehlt das Ziel, welches Voraussetzung für alles Weitere ist: Aufmerksamkeit und Bekanntheit. Tragen wir schliesslich den Realitäten Rechnung: Nur ein Bruchteil des kulturellen Schaffens erreicht das für die kommerzielle Verwertung notwendige Mass an Bekanntheit und es sind üblicherweise nicht die Schöpfer, die von den Erträgen profitieren, sondern deren Erben oder Kulturanbieter wie Verlage, die sich die Rechte erworben haben. Für die überwiegende Mehrheit der Kulturschaffenden sind die Nachteile eines exzessiven Urheberrechtes grösser als die vermeintlichen monetären Vorteile. Die Verbreitung von Kulturerzeugnissen und die Auseinandersetzung mit dem Kulturschaffen werden durch das Urheberrecht erheblich gestört, zum Nachteil des Schöpfers, dessen Interessen zu schützen, es vorgibt.

Noch fataler wirken sich die Bestimmungen des Urheberrechtes auf den Wissenschaftsbetrieb aus. Der freie Austausch von Informationen in jeglicher Form ist eine Grundvoraussetzung für das gute Funktionieren von Wissenschaft. Nur wenn Erkenntnisse und Informationen der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft zugänglich sind und bleiben, ist deren laufende, kritische Überprüfung garantiert. Nicht Bereicherung, sondern Neugier, Entdeckungslust und Anerkennung sollen Forschung motivieren. Anerkennung und nicht Geld ist denn auch das Movens, das in Kunst und Wissenschaft für die gewünschte Kreativität sorgt.

In Reaktion auf die skizzierten Probleme, die sich aus der gegenwärtigen Revision des Urheberrechts für Forschende wie Kulturschaffende ergeben, hat die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), die Stadt- und Universitätsbibliothek Bern (StUB), der Verband der Museen der Schweiz (VMS), der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) und der Verein zur Erhaltung des Audiovisuellen Kulturgutes in der Schweiz (Memoriav) am 21. April 2005 zu einer Tagung nach Bern eingeladen. Über 220 Personen aus Universitäten, Museen, Archiven und Bibliotheken sind der Einladung gefolgt und haben die untenstehende Resolution verabschiedet. Wir wünschen uns, dass die hier formulierten Anliegen die breite Unterstützung durch alle mit Kultur im weitesten Sinne befassten Kreise finden.

Markus Zürcher (*1961) studierte Schweizer Geschichte, Ökonomie und Soziologie in Lancaster und Bern, wo er 1994 promovierte. Seit 1995 ist er für die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften tätig, seit 2002 als deren Generalsekretär. Er übt Lehraufträge an den Universitäten Freiburg und Bern aus. Wissenschaftsgeschichte, Forschungspolitik und New Public Management sind seine Interessensgebiete. E-Mail: mzuercher@sagw.unibe.ch oder sagw@sagw.unibe.ch

Autor/innen
Markus Zürcher

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