Moderne Kunst im Land von Tausend und einer Nacht

Tracey Moffatt · zeigt die «Aventure Series» mit heissen und sexuellen
Comicbilder und dies in einem arabischen islamischen Staat. Alle Aufnahmen Michael von Graffenried, Zürich/Paris, für Moffatt © ProLitteris Zürich

Tracey Moffatt · zeigt die «Aventure Series» mit heissen und sexuellen
Comicbilder und dies in einem arabischen islamischen Staat. Alle Aufnahmen Michael von Graffenried, Zürich/Paris, für Moffatt © ProLitteris Zürich

Entlassene Gastarbeiter in Sharhah werden in der Zeitung exhibitioniert;
Peter Stoffel wollte sich von der Biennaleleitung als Künstler feuern und auch in der Zeitung mit Bild und Passnummer diffamieren lassen.

Entlassene Gastarbeiter in Sharhah werden in der Zeitung exhibitioniert;
Peter Stoffel wollte sich von der Biennaleleitung als Künstler feuern und auch in der Zeitung mit Bild und Passnummer diffamieren lassen.

Fokus

Sheikh Sultan Bin Mohammed Al Qasimi leistete sich zum siebten Mal eine Kunstbiennale in seinem boomenden Emirat Sharjah. Gezeigt wurde am arabischen Golf Kunst zum Thema «Identität».

Moderne Kunst im Land von Tausend und einer Nacht

Ein Erfahrungsbericht aus Sharjah

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die er besonders liebte. Er hiess Sheikh Sultan Bin Mohammed Al Qasimi, sein Königreich ist das arabische Emirat Sharjah, er ist Herr über das schwarze Gold und er kauft sich, was er will. So schenkt er sich nun zum siebten Mal eine Kunstbiennale nach okzidentalem Vorbild. Seine fünfundzwanzigjährige Prinzessin Hoor Al Qasimi macht er zur Direktorin. Handelt es sich hier um ein Märchen oder ist tatsächlich internationale Kunst im Wüstenstaat zu sehen?

Jack Persekian, ein in Jerusalem geborener Palästinenser, Kenneth Lum, ein kanadischer Chinese und Tirdad Zolghadr, ein iranischer Schweizer stehen der Scheichstochter fürs Kuratorium zur Seite. Das Thema drängt sich mit diesen Kuratoren auf, es kreist um Identität und heisst, «Belonging and not belonging ? where are you from?» Um es vorwegzunehmen: Die Biennale, welche diesen Frühling in der dreissig Autominuten von Dubai entfernten Stadt stattfand, war sehenswert.

Da ist Beat Streuli mit einem Strassenfotodiaporama, das er in der Multikultistadt Sharjah eigens für den Anlass fotografiert hat. In den arabischen Emiraten leben fünfundachtzig Prozent Ausländer, die nur ins boomende Land kommen, um Geld zu verdienen. Staatsbürger gibt?s nur wenige. Auf den Fotos von Streuli sind daher vor allem Inder und Pakistani mit den für ihn typischen Schlagschatten im Gesicht zu sehen. Diese Billiggastarbeiter verdienen um die 200 Euro pro Monat. Wenn sie in Ungnade fallen, werden sie entlassen und - wie im Projekt eines anderen Schweizer Künstlers gezeigt - mit Bild und Passnummer im Lokalblatt publiziert. Darunter steht dann jeweils: Wer dieser Person weiterhin Arbeit gibt, tut dies auf eigenes Risiko ? Der Appenzeller Peter Stoffel wollte sich von der Biennaleleitung als Künstler feuern lassen und auch in der Zeitung mit Bild und Passnummer diffamiert werden. Das Kunstmuseum hat beim bösen Spiel mit Blick auf allfällige Menscherechtsverletzungen nicht mitgemacht.

Kulturschock   Dies zeigt auch gleich das Problem der Zensur in diesem autokratischen System auf. Im Emirat Sharjah wird die Todesstrafe praktiziert sowie Strafen mit Stockschlägen für Moslems. Als Gesetzesgrundlage gilt die Scharia (islamisches Recht). Verboten sind Pornographie, jüdische Propaganda, Schriften und Medien, die unvereinbar mit den religiösen, kulturellen, politischen und moralischen Werten der Vereinigten Arabischen Emirate sind, sowie Alkohol, Trunkenheit und Drogen. Westliche Künstler in eine kulturell und religiös abgeschlossene Gesellschaft einzuladen, birgt ein grosses Risiko. Die Einschränkung der Pressefreiheit im Wirtschaftswunderland ist folgendermassen definiert: Alles was dem Dirham, der lokalen Währung, schadet, darf nicht publiziert werden.

Der Künstler Christoph Büchel und der Kurator Giovanni Carmine aus Zürich ? die hohe Schweizerbeteiligung ist auffällig - sammelten aus dem Internet alles zur psychologischen Kriegsführung der amerikanischen Armee. Wie bringe ich nach der «Befreiung» eines Landes (Afghanistan oder Irak) die Bevölkerung auf die Seite der «Befreier»? Ein Mittel sind die so genannten «Leaflets», Flugblätter, welche aus Flugzeugen abgeworfen oder lokal verteilt werden. Büchel und Carmine rekonstruierten für ihre Installation ein Pressezentrum, in welchem die amerikanischen Generäle die internationale Presse mit den neusten Informationen über den Kriegsverlauf aufklären. Dazu gestalteten sie einen ganzen Katalog mit solchen Propagandaflugblättern. Auf Seite zwei steht der verlorene Satz: «Die in dieser Publikation formulierten Inhalte reflektieren nicht die Meinung der Sharjah Biennale.» Dazu muss man wissen, dass die Vereinigten Arabischen Emirate sich aussenpolitisch etwa so neutral verhalten wie die Schweiz. Im Nahostkonflikt stehen sie beispielsweise auf der Seite der Palästinenser, würden dies aber nie deutlich aussprechen. Die kapitalistische Boomwirtschaft ist apolitisch und verlangt nach jedem nur erdenklichen Businesspartner.

Die «Adventure Series» von Tracey Moffatt zeigen heisse, sexuelle Comicbilder, die in einem arabischen islamischen Staat sehr provokant wirken. Auch da springen die Organisatoren über ihren eigenen Schatten. Die Frage «Belonging» stellt sich wohl auch für das arabische Emirat selber. Noch vor dreissig Jahren waren die Bewohner der Emirate Handel treibende Wüstenhirten, heute, durch die Förderung des Erdöls, sind sie Hochfinanz-Jongleure. Was für eine Identität hat ein Emirat? Die eindrückliche Skyline der Stadt mit den zahlreichen Wolkenkratzern ist nur gerade zehn Jahre alt und legt jeden Tag zu. Das Ende des Wirtschaftswunders am Golf ist noch nicht in Sicht. Das Ziel ist, das ausgehende Erdöl durch einen florierenden Luxustourismus zu ersetzen. Der zurzeit noch zoll- und steuerrfreie föderalistische Staat bietet in seinen sieben Emiraten ? Sharjah ist eines davon ? zahlreiche gigantische Shoppingmalls, nebst Attraktionen wie internationale Turniere, Autorennen oder eben Kunst-Biennalen. Im Nachbaremirat Dubai wird gegenwärtig mit einer Armee von Billiggastarbeitern der höchste Wolkenkratzer der Welt gebaut.

Die in Frankreich lebende Iranerin Ghazel zeigt sich in einem Videoporträt als Braut in goldenem Rahmen. Fünfzehn verschiedene Ghazals: mit schwarzem Balken, verschleiert, verpixelt, mit Schnauz, unscharf, ausgeschnitten. Diese Arbeit gehört zu ihrem Langzeitprojekt «Wanted», das sie 1997 begann, als sie vom französischen Innenministerium ausgewiesen wurde und das Land verlassen musste. Sie beschloss, sich als Braut anzubieten, einen Franzosen zu heiraten, um an einen Pass zu kommen. Inzwischen hat sie eine Aufenthaltsbewilligung erhalten und sucht, zwecks Heirat, einen «Sans papiers» (Illegalen). Das Projekt geht also weiter.

Diverse Künstler beschäftigen sich mit dem Schicksal Palästinas, drei stechen besonders hervor. Dies ist zum einen der Bulgare Nedko Solakov, welcher eine Repräsentantin Israels und einen offiziellen Palästinenser an zwei Fernsehapparaten sprechen lässt. Die Monitore sind so aufgestellt, dass sie miteinander kommunizieren, obwohl jeder für sich spricht. Dieselbe Installation wurde zuvor bereits in Tel Aviv gezeigt. Für seinen Aufenthalt während der Ausstellung in der israelischen Galerie hat er die Botschafter Palästinas und Israels in Sofia um einen Waffenstillstand in der Region gebeten. Der zweite Künstler ist der in Mexico lebende Spanier Santiago Sierra. Er lässt über Lautsprecher während 120 Stunden aus dem Telefonbuch die Namen und Adressen der arabischen Bevölkerung Israels vorlesen. Pikant dabei ist, dass es keine jüdisch arabisch gemischten Telefonbücher im Heiligen Land gibt. Der dritte ist der Brite Phil Collins (nicht der Rockstar!), welcher gegen das Klischee der unzivilisierten Palästinenser antreten wollte. So veranstaltete er für die Biennale in Ramallah einen Discomarathon, liess neun Palästinenser während acht Stunden vor laufender Kamera tanzen und wirkte selber als DJ und Kameramann.

Die allerbeste Arbeit zum Thema kam von der chinesischen Künstlerin Yu Hong. Sie wurde 1966 während der Kulturrevolution in Peking geboren und ist Mutter einer heute zehnjährigen Tochter. «Memory Dress» besteht aus zahlreichen langen weissen Hemden - analog denjenigen der Araber -, die in einem grossen Saal auf Personenhöhe von der Decke hängen. Darauf hat sie Erinnerungsbilder aus ihrem Leben und der damals herrschenden sozialen Situation gemalt. Die Installation sollte durch die arabischen Besucher in ihren traditionellen langen Hemden beim Durchschreiten zum Flattern gebracht werden. So hoffte Yu Hong, den gegenseitigen Respekt zwischen den Kulturen zu fördern. Problematisch dabei ist nur, dass nach der Vernissage wohl kaum jemand mehr hingegangen ist. Auch in unseren Breitengraden ist es ja häufig schwierig, das lokale Publikum zu mobilisieren, doch hier in Sharjah bildet eine solche Biennale für die Bevölkerung einen echten Kulturschock und wird daher kaum zur Kenntnis genommen. Und die internationalen Kunsttouristen haben Sharjah noch nicht in ihren Kalender aufgenommen. Im Okzident gilt: Wo Geld ist, gibt?s auch Kunstsammler und deshalb eine lebendige Kunstszene. In der Wüste am Golf muss dafür aber wohl noch manche Sanddüne verwehen.

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