Yuri Leiderman bei Elisabeth Kaufmann

Yuri Leiderman · Der Künstler vor den Tondos: Italian Comes to NY, 2004 und Untitled (Portrait), 2000, Courtesy: Elisabeth Kaufmann Zürich

Yuri Leiderman · Der Künstler vor den Tondos: Italian Comes to NY, 2004 und Untitled (Portrait), 2000, Courtesy: Elisabeth Kaufmann Zürich

Besprechung

Der russische Künstler Yuri Leiderman ist ein künstlerischer Freigeist und huldigt mit Schalk der Unvernunft. Er liebt das sophistische Spiel mit den Natur- und Geisteswissenschaften, der Literatur und der Mythologie, deren Codes er manipuliert und demontiert.

Yuri Leiderman bei Elisabeth Kaufmann

Die Videoarbeit «Kefir grains are going onto the flight», 2004, strotzt vor Witz und Ironie. Sie ist in Zusammenarbeit mit Andrei Silvestrov entstanden und zeigt Kefirpilze, die quasiwissenschaftlich vermessen und untersucht werden. Sie tragen Namen wie «Ahron's Abstraction», «Ahmad's Casual Benediction» oder «Habib's Fermentation», die nach einem bestimmten, in sich schlüssigen System zusammengesetzt wurden. Die Stimmen von Leiderman und von Silvestrov, die aus dem Off ertönen, beschreiben die Beschaffenheit der Pilze und halten ihre Beobachtungen mit Kategorien wie etwa «deleuzity» und «vagizity» protokolarisch fest. Nach Abschluss dieser Untersuchungen werden die schönsten Specimen an Bord eines MIR-Flugzeugs gebracht, das dem Training von russischen Kosmonauten dient, und die Pilze dem Zustand der Schwerelosigkeit ausgesetzt. Dabei bewegen sich diese tänzerisch zu einem Schubert Quintett.

Das Werk von Yuri Leiderman (*1963 in Odessa), der in Moskau und Köln lebt und arbeitet, ist ungeheuer vielschichtig. Er gehört der Generation russischer Konzeptkunst an, die hauptsächlich durch Werke von Ilya Kabakov internationales Renomee gewann. An dieses Erbe knüpft die Künstlergruppe «Medizinische Hermeneutik», die Leiderman zusammen mit Pavel Pepperstein und Sergei Anufriev 1987 begründet hat. Deren Ziel war es, sich von den gängigen Kunstformen zu distanzieren und eine Subkultur mit einer eigenen künstlerischen Sprache zu schaffen. Doch bereits 1990 hat Leiderman diese Gruppe wieder verlassen. Meist geht er von biografischen Ereignissen und Obsessionen aus und verknüpft diese mit semiotischen Elementen, deren Bedeutungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, Literatur und Philosophie und Kunstphänomenen schwanken. So etwa zeigen die additiv auf Augenhöhe platzierten Fotografien «Places Where I was happy», 1995, nichtssagende Orte: Häfen, breite Alleen, Details von Häuserfassaden und Interieurs. Oberhalb jeder einzelnen Fotografie klebt in unterschiedlicher Höhe ein roter Punkt an der weissen Wand. Die Höhe des jeweiligen Klebers soll die Intensität des empfundenen Glücks angeben. Laut Leiderman dient diese Reihe der glücklichen Orte nur dem ästhetischen Zweck, die minimalistische Komposition mit den roten Punkten zu rechtfertigen.

Exemplarisch für Leidermans ontologische Untersuchungen steht das Konterfei des Künstlers, das den Ausstellungsraum der Galerie optisch dominiert. Bekrönt ist sein fotografierter Kopf von einem gezeichneten Hirschgeweih, an dessen Enden Cruises missiles aufgepfropft sind. Dieses recht eigenartige Selbstporträt ist mit den Stills der Performance «An old Italien arrives in New York», 2004, mit vektoriellen Linien verbunden. Komisch, wenn nicht absurd ist diese Performance mit Leiderman im Habitus eines Groucho Marx, der mit einer Pizza in der Hand sich nach der nächsten Pizzeria erkundigt. Flankiert wird er von zwei Frauen in altmodischer Unterwäsche. Leiderman in der Pose eines Schamanen, der an den Fäden kunsthistorischer Motive zupft, ontologische Werte zerrupft und sie neu konstituiert? Jedenfalls ist es diese «Initiations-Reise nach Ixtlan» in den Fussstapfen von Castaneda wert, alte Zelte abzubrechen.

Bis 
08.07.2005
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Yuri Leiderman

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