Zwischen Erfahrung und Engagement

Shahryar Nashat · The Regulating Line, 2005 (Schweizer Pavillon)

Shahryar Nashat · The Regulating Line, 2005 (Schweizer Pavillon)

Annette Messager · Casino, 2005 (französischer Pavillon), © Annette Messager/ProLitteris Zürich

Annette Messager · Casino, 2005 (französischer Pavillon), © Annette Messager/ProLitteris Zürich

Fokus

Die 51. Biennale von Venedig ist luftiger als die letzte, auch wegen gemässigterer Sommer-Temperaturen in der Lagunenstadt. Gruppiert um die Themenfelder Erfahrung und Grenzverschiebung und geprägt vom Balanceakt zwischen Weltausstellungs-Spektakel und Diskurs-Impulsgeber wirft diese Biennale mehr denn je die Frage auf: Wie noch ausstellen?

Zwischen Erfahrung und Engagement

Denkanstösse im Parcours der 51. Venedig-Biennale

Antonio Muntadas hat im spanischen Pavillon einen Wartesaal errichtet: Stuhlreihen vor einem Flatscreen, an den Wänden Fotografien von Warteschlangen, daneben eine Foto-Wand, zu der Audio-Guide-Informationen abzuhören sind. Hörwillige stehen, natürlich, Schlange. Was tut man eigentlich, so fragt Muntadas? Installation «On Translation: I Giardini», auf einer Gross-Schau wie der Biennale? Welches Verhältnis zur Kunst geht der «Zuschauer» ein? «Warning: perception requires involvement», Muntadas? Leitmotiv, macht den Pavillon gleich am Eingang zu den Giardini zum thematischen Auftakt.

Tausende Besucher werden wieder zu der seit 1865 bestehenden Mutter aller Biennalen erwartet. Siebzig Nationen nehmen diesmal teil, mehr als je zuvor. Das führt zu Konkurrenz um Leitkulturen, der Kritiker Paul Ardenne argwöhnte in «artpress» gar «Diskrimination», weil nur drei französische Künstler eingeladen wurden. Sein Schluss: Frankreich sei derzeit im internationalen Kunstbetrieb «aus dem Rennen». Kunst und Geschichte als olympische Disziplinen. Im Schweizer Pavillon zeigt Shahryar Nashats Video, wie solche Last der Kunstgeschichte zu tragen ist: Ein junger Mann vollführt Handstände im Museumsraum. Solcher Witz à la Thomas Bernhard verweist auf das in Venedig allgegenwärtige Problem des Ausstellens.

Die Präsenz kunsthistorischer Sedimentationen ist hier, so Hans Hollein, Kurator des österreichischen Pavillons, «schier erdrückend». Mit Hans Schabus hält er ihr eine gelungene Überbauung des Pavillon-Gebäudes entgegen, die von aussen einem Berg ähnelt. Innen findet man sich in einer Art dreidimensionalen M.C. Escher-Zeichnung. Durchwandert man sie bis unter den stickig heissen Gipfel, erfährt man am eigenen Leib das Sportliche der Kunst. Der Pavillon der USA versetzt gegen die Präsenz der würdigen Geschichte nicht Berge, sondern reagiert mit schwergewichtiger Malerei. Und doch dürften die Leinwände Ed Ruschas nicht zum Stärksten zählen, was er, nun zum dritten Mal hier vertreten, bisher gezeigt hat. Beeindruckend hingegen nimmt im Pavillon von Serbien und Montenegro Jelena Tomasevic ein zweites Referenzfeld dieser Biennale auf: das Kino. Auf einer ihrer intensiven Leinwände, schlicht mit schwarzem Tape auf die Wände geklebt, wird Filmstar Bill Murray mit einer Rohrzange der Kopf geknackt. Artur Zmijewski hat für seinen Film «Repetition», die Aufzeichnung eines Versuchs, in dem Freiwillige Gefängnis spielen, den polnischen Pavillon in ein Kino verwandelt. Und Pipilotti Rist feiert ein furioses Comeback im Aussenposten der Schweiz, der Barockkirche San Staë. Auf ein grosses Blatt gelagert kann man sich ganz ihren meisterhaften, auf die Paradiesdarstellungen an der Decke der Kirche projizierten Körperstudien hingeben.

Die akute Frage nach Spielräumen des Ausstellens und die Aufnahme von Filmästhetiken oder -sujets in der bildenden Kunst sind nur scheinbar voneinander unabhängige Phänomene. Tatsächlich greifen sie ineinander, markieren die Drucklinien, entlang derer nach neuen Wegen gesucht wird. Tino Seghals buffoneske Performance weicht davor in den Augenblickswitz aus. Im deutschen Pavillon wiederholt er eine Arbeit, die kürzlich im Pariser Couvent des Cordeliers gezeigt wurde: Vier Aufsichten tanzen plötzlich um die Besucher herum und singen hopsend «this is so contemporary». Offensiver geht ein kleines Video von Young-Whan Bae im koreanischen Pavillon mit den Aufzeichnungsmedien um. Wortfetzen aus verschiedenen Nachrichtensendungen sind zu neuen, platitüdenhaften Phrasen zusammengesetzt. Sinn erscheint als etwas, das sich erst mit dessen Ausstellung ergibt. In seinen roten Faden verwickelt, wird man durch die Ausstellungsräume gezerrt.

Die Spinne «nimmt einen Raum in Besitz, erzeugt und bringt ihn durch eigene Fäden ans Licht» schrieb Henri Lefebvre 1974 in seinem Essay «Die Produktion des Raums». Wir bewegen uns nicht frei im Raum, er entsteht mit uns und hält uns fest. Das gilt auch und besonders für den Ausstellungsraum. Kein Zufall, dass die französische Künstlerin Annette Messager, die mit «Casino» in diesem Jahr den Goldenen Löwen für den besten Pavillon erhalten hat, sich auf die Spinne und das Netz als Leitmetaphern bezieht. «Ich würde den Zuschauer sehr gern», sagt sie im Interview, «in meinen Geweben fangen (wie, nebenbei gesagt, ich selbst darin gefangen bin), so wie die Spinne in ihrem Netz. Sie fängt Insekten, doch sie bleibt auch Gefangene mitten im Zentrum ihres Netzes.»

Wie kann man inmitten dieser Bindungen noch ausstellen? Die leitenden Kuratorinnen der Biennale, María de Corral und Rosa Martínez, erklärten, dass sie die politische Wirksamkeit und den Realitätsbezug der Kunst, deren Erfahrung und ihre Handlungsmöglichkeiten in einer globalisierten Welt aufzeigen wollten. Bei aller konzeptuellen Strenge mussten sie freilich auch auf die Notwendigkeiten eines Grossereignisses Rücksicht nehmen, das Muntadas mit einem Freizeitpark vergleicht.

So steht die äusserst konventionelle Ausstellung im italienischen Pavillon mit ihrem Gestus der «best-of-Show» doch etwas im Widerspruch zu der gerade von de Corral so stark gemachten individuellen ästhetischen Erfahrung. Allgemein fehlt es an Arbeiten, die sich mit der
Frage nach Form und Stil befassen und damit die werkseitige Dimension des Erfahrungsbegriffes sichtbar machen. Die berührenden, beinah intimen Druckgrafiken Thomas Schüttes schlagen hier einen anderen Weg ein, der allerdings
in den vorherrschenden Gesellschaftsstudien singulär bleibt.

«Kunst ist ein Kampf in der symbolischen Ordnung», meinte Kuratorin Rosa Martínez. Im italienischen Pavillon ist gerade mal ein Ringen zu spüren. Anders Martínez? Ausstellung «Always a little further» in den Arsenale. Runa Islams Video zeigt gleich am Anfang, wie das Zerwerfen von Porzellan zur Grenzauslotung wird. Abgesehen von den Übertretungen längst obsoleter Grenzen - beispielsweise mit dem Tampon-Leuchter Joana Vasconcelos' -, bieten die Arsenale eine konzise Beschäftigung mit der Frage der Ausstellbarkeit.

Herzstück ist der - nicht realisierte - «cube Venise 2005» von Gregor Schneider. Noch nicht einmal im Katalog dokumentiert, zeigt nur ein Video das Vorhaben, einen riesigen, mit schwarzem Stoff verkleideten Würfel auf den Markusplatz zu stellen. Mit Referenz auf die Kaaba in Mekka, das zentrale muslimische Heiligtum, hätte dieser Kubus auch eine der Grundformen abendländischer Kunst repräsentiert. Er wurde aus politischen Gründen untersagt. Man zog sich augenscheinlich lieber in die Grenzerfahrungen des Ekstatisch-Schamanistischen zurück. Und so balgt sich John Bock mit «Zero Hero» in einem Raum zwischen Kissenhaufen, Turngerät und mit seltsamen Symbolen bestickten Decken.

Ein weiterer Konzentrationspunkt in den Arsenale sind die Videos von Regina José Galindo. «Himenoplastia» zeigt eine Vaginaloperation an der Künstlerin aus nächster Nähe. Anknüpfend an die Tradition der Body-Art stellt uns Galindo drastisch vor die Frage, was mit dem Körper geschieht, wenn er als gesellschaftlicher determinierter im Ausstellungs- und damit im öffentlichen Raum erscheint und dabei zugleich versucht, die Fäden zu kappen, die ihn darin halten.

Rem Kolhaas bringt schliesslich das Problem des Ausstellens aus architektonischer Perspektive auf den Punkt: «Zwischen 1995 und 2005 haben wir Vorschläge für Museumsraum erarbeitet, der 43 Fussballfeldern entspricht», steht auf einem der Grossbild-Prints seiner Studie zu den Möglichkeiten des Ausstellungsraums heute. «Expansion» oder «Missachtung» sind die Alternativen, die er konstatiert. Die 51. Biennale ist geprägt von genau diesen Polen und verstrickt sich dazwischen in den Logiken des Ausstellungsbetriebes. Jenseits des strapazierten utopisch-politischen Potenzials der Kunst formuliert sich, gleichsam unter der Hand, als viel zentraleres Anliegen die Frage wie noch ausstellen?

Erstmals in ihrer 110-jährigen Geschichte leiten zwei Frauen, die Spanierinnen María de Corral und Rosa Martínez, die Venedig-Biennale. Deren Arbeitswege haben sich schon früh gekreuzt: In den achtziger Jahren arbeiteten beide bei der einflussreichen La Caixa Foundation. Beide haben Biennale-Erfahrung: de Corral kuratierte den spanischen Pavillon 1988, Martínez den mit der Arbeit von Santiago Sierra viel beachteten während der letzten Biennale 2003.María de Corral brachte mit «The Experience of Art» in den 34 Räumen des italienischen Pavillons Arbeiten von 43 internationalen Künstlern zusammen, die grösstenteils eigens für die Biennale entwickelt wurden. Rosa Martínez zeigt mit «Always a Little Further» auf den 9000 Quadratmetern der Arsenale, dem alten Militärgelände Venedigs, das von Harald Szeemann für die Biennale erschlossen wurde, 49 künstlerische Positionen, die auch einen Überblick über neueste Trends geben sollen.70 Nationen präsentieren insgesamt 31 Ausstellungen in den Giardini und 42 an anderen Orten, verteilt durch ganz Venedig. Unter den vielen erstmals teilnehmenden Ländern sind Afghanistan, Albanien, Marokko, Kasachstan, Kirgisien und Usbekistan. Besonders sehenswert sind Pipilotti Rists Video-Installation «Homo sapiens sapiens» in der Kirche San Stae, der türkische Pavillon im Palazzo Giustinian, der litauische Beitrag in der Ludoteca Santa Maria Ausiliatrice. Parallel zur Biennale finden in Venedig 31 weitere Ausstellungen und Veranstaltungen statt, die auch die Lagunen-Inseln einbeziehen. Darunter sind zu empfehlen: «Homespun Tales» von Kiki Smith in der Fondazione Querini Stampalia (bis 11.9.), die radikal einfache Installation «Your black horizon», von Olafur Eliasson, auf der Insel San Lazzaro (Vaporetto Nr. 20 von San Zacharia), «The Nature of Things» Künstler aus Nord-Irland im Istituto Provinciale per l?infanzia, «NoWhere Europe» im Laboratore Scientifico della Soprintendenza Speziale sowie «Il terzo paradiso», eine internationale Universität, initiiert von Michelangelo Pistoletto auf der isola di San Servolo. Die vier goldenen Löwen der Biennale wurden verliehen an: Barbara Kruger für ihr Lebenswerk, Annette Messager für den französischen Pavillon als besten nationalen Beitrag, Regina José Galindo als beste junge Künstlerin und an Thomas Schütte als besten Künstler der internationalen Ausstellungen. Lara Favaretto erhielt den Preis für junge italienische Kunst. Ein Ehrenpreis wurde posthum Harald Szeemann verliehen, der 1998 bis 2001 die Biennale leitete.Öffnungszeiten: täglich ausser montags (Giardini) bzw. dienstags (Arsenale) von 10 bis 18 Uhr. Es erscheint ein dreibändiger Katalog zum Preis von 60 Euro.

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