Cindy Sherman im Jeu de Paume Paris

Cindy Sherman · Untitled # 96, from Centerfolds/Horizontals, 1981, Farbfotografie, Auflage: 10, 10,61 x 122 cm, Sammlung Olbricht, © Cindy Sherman

Cindy Sherman · Untitled # 96, from Centerfolds/Horizontals, 1981, Farbfotografie, Auflage: 10, 10,61 x 122 cm, Sammlung Olbricht, © Cindy Sherman

Besprechung

Nach Joan Jonas, Tony Oursler oder Michal Rovner ist jetzt mit 250 Arbeiten erneut eine grosse Retrospektive im Jeu de Paume zu sehen. Sie bietet einen nahezu vollständigen Rückblick auf das Werk der 52-jährigen Cindy Sherman.

Cindy Sherman im Jeu de Paume Paris

Es sind die Augen. Noch durch die krassesten Masken blicken sie den Betrachter an. Ruhig, blau, irgendwie beunruhigend distanziert. Schon in der frühen Serie «Untitled A-E» von 1975, wie eine Urzelle am Beginn des Parcours durch das Werk Cindy Shermans, stechen diese Augen aus dem Spiel mit Fratzen, Schminke, Identitäten hervor. Hier ist schon alles angelegt: Witz, Ironie, Schrecken, die Suche nach dem Ich.

Dann ihre erste erfolgreiche Serie: «Untitled Film Stills», 1977. Kleinformatige Bilder, in denen Sherman erforscht, wie sich das Subjekt im Bild ein Ich entwirft, es modelliert, wieder erkennt und ? zerstört. Hauptdarstellerin der «Film Stills» ist sie selbst in der Rolle der Hausfrau, der Prostituierten, der Weinenden oder Gestressten. Eine Maskerade, die mehr offen legt, als verdeckt.

Es geht Sherman, wie die «Murder Mystery» oder «Bus Riders»-Serie, 1976, zeigt, um Gesten, um Einstellungen des Körpers und darum, wie schwer man ihnen entrinnen kann. Das wird auch im Highlight der Ausstellung deutlich, der vollständigen «Centerfolds»-Serie von 1981, im Auftrag des «Artforum» erstellt und dann von diesem wegen «Missverständlichkeit» der Posen abgelehnt. In jeder der Figuren wird sichtbar, wie sehr diese durch Bild-Inszenierungen, durch pikturale Gesten und gesellschaftlich codierte Stile des Weiblichen bestimmt sind.

Sherman, die mit Malerei begann, während des Studiums in Buffalo Robert Longo kennen lernte und lange von der Isoliertheit und grafischen Ausdrucksstärke seiner Bilder beeinflusst wurde, hat einen Weg gefunden, Fixierungen zu entgehen: durch Imitation. Im Nachahmen festlegender Gesten befreit sich Sherman aus vorgegebenen Rollenmustern. Um den Preis, dass sie im Bild gefangen bleibt.

Die Serie der «Old Masters», 1989?1990, nachgestellte Gemälde der Kunstgeschichte, bringt das - trotz problematischer Ausleuchtung, mit zu vielen Lichtreflexen auf den verglasten Bildern - auf den Punkt. Der sarkastische Zug um die Augen Shermans lässt sie als Gefangene ihrer Masken erscheinen. Dem versuchte sie zu entgehen, einige Serien sind von grausamer Gewalt geprägt, verschmorte oder zerschnittene Puppen lassen den Kampf mit dem Doppelgänger erkennen.

Die vom Jeu de Paume selbst produzierte Rückschau endet mit der Serie «Clowns», 2003-2004. Eine programmatische Maske für Cindy Sherman, deren Bilder bei aller ernsten Auseinandersetzung mit Stereotypen, Selbstbildern, historisch-sozialen Determinationen und der Gewalt der Bilder immer auch eine grotesk-lächerliche Seite haben.

Bis 
02.09.2006
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Jeu de Paume Frankreich Paris
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Cindy Sherman

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