Rolf Graf im Kunsthaus

Rolf Graf · Most und Karfunkel, 2006, Installationsaufnahme Kunsthaus Glarus

Rolf Graf · Most und Karfunkel, 2006, Installationsaufnahme Kunsthaus Glarus

Besprechung

Entlang von Erinnerungsspuren und Beobachtungen entwickelt Rolf Graf seine heterogenen Arbeiten und formuliert sie in einer nüchternen Bildsprache.

Rolf Graf im Kunsthaus

Mitten im seltsam leergefegten Seitenlichtsaal des Kunsthauses steht ganz verloren ein Ast, der durch zwei Klinker festgemacht ist. An ihm hängt ein schmutziges, weisses, abgenutztes Männerunterhemd. Vor der einen Glasfront hängen an Silchfäden befestigte CDs von der Decke herunter, die Fenster der anderen Front sind mit Buttermilch bemalt. Die Stirnwand wird von einer monumentalen, abstrahiert gezeichneten Lokomotive eingenommen, von welcher auf der darüber liegenden Wand des Oberlichtsaals schemenhafte Wolken zeugen. Die Raummitte oben nimmt ein zylinderförmiger Holzbau ein. An den Wänden hängen zwei grossformatige schwarzweisse Fotografien von vereisten Wasserfällen und ästhetisch sehr ansprechende Farbdrucke von Eiszapfen.

Die enorm heterogenen Arbeiten wirken ziemlich disparat und erschliessen sich dem Betrachter nur schwer. Laut Pressetext legt der 37-jährige, im appenzellischen Heiden aufgewachsene und seit einigen Jahren in Berlin lebende Künstler Erinnerungsspuren aus und markiert die Werke mit Zeichen, die diesen eingeschrieben aber nicht lesbar sind. Auf diesen Aspekt hin sehe ich mir die Ausstellung nochmals an, mit geschärftem Augenmerk für kollektive oder individuelle Erinnerungsträger. Zweifellos suggeriert das Männerunterhemd den abwesenden Besitzer, vielleicht ein Single, der nicht gerne Wäsche wäscht. Auf seiner Innenseite finden sich Abbildungen von Elstern gedruckt. Über die Elster legt Rolf Graf ein stetig wachsendes Archiv an, das er auf CDs gebrannt hat. Da gegen die grossen Fensterflächen des zweiseitig verglasten Seitenlichtsaals immer wieder Vögel prallen, hat Graf die CDs hier gewissermassen als Vogelscheuchen eingesetzt. Eine Wirkung, um die man als Nichtschrebergartenbesitzer allerdings kaum weiss. Immerhin ist einem das Wandbild mit der wuchtige Wolken ausspeienden Lokomotive aus alten Western vertraut. Auf Kindheitserinnerungen des Künstlers stossen wir bei dem im Oberlichtsaal stehenden dachlosen Zylinderbau, den Graf aus verwitterten Holzbrettern einer Scheune seines Heimatdorfes Heiden gezimmert hat. Und Bubenträume, die von Western gespiesen wurden, tun sich auch hier wieder auf, indem die mit vernickelten Polsternägeln übersäte Oberfläche den Betrachter an Gewehreinschüsse denken lässt. Eine weitere Westernfährte eröffnet der Titel «Rhyolite», NV, 2006, die gleichnamige Geisterstadt im US-Bundesstaat Nevada, eine ehemalige Goldgräberstadt, die heute ein Freilichtmuseum ist. Ein ins Innere weisendes Guckloch vermittelt einen leeren Raum, was auch mit dem 1905 in aller Eile aufgebauten und nach seinem baldigen Niedergang unbewohnten Rhyolite assoziiert werden könnte.

Dem «Leibchen» und den Buttermilchzeichnungen eignet eine persönliche Note, während die übrigen Arbeiten ziemlich distanziert wirken. Das hat wohl kaum damit zu tun, dass Rolf Graf eine «Verbindung von Bodenständigem und Märchenhaftem» herstellen will, wie der Ausstellungstitel «Most und Karfunkel» suggeriert. Vielmehr scheint er sich von seinem selbstreflexiven Arbeitsprozess zu sehr vereinnahmen zu lassen, als dass sich uns seine Kunstwerke im Grossen und Ganzen mitteilen könnten.

Bis 
12.08.2006
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Rolf Graf

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