För Hitz ond Brand - Zeitgenössische Kunst im Appenzellerland in elf Museen

Andres Lutz / Anders Guggisberg · Gewehre, 2003-2007, Schützenmuseum Trogen, Holz, variabel

Andres Lutz / Anders Guggisberg · Gewehre, 2003-2007, Schützenmuseum Trogen, Holz, variabel

Besprechung

Der heisse Kunst-Sommer ist eben angebrochen, neben Kassel, Münster und Venedig erwartet den beflissenen Kunstpilger ein aussergewöhnlicher Ausstellungsparcours im eigenen Land. Im Rahmen des Appenzeller Projekts «För Hitz ond Brand» gehen aktuelle und traditionelle Kunst auf Tuchfühlung. Eine spannende Begegnung mit vielen offenen Fragen.

För Hitz ond Brand - Zeitgenössische Kunst im Appenzellerland in elf Museen

Der alte innerrhodische Segensspruch «För Hitz ond Brand» verspricht Abhilfe gegen Vergesslichkeit, Heimweh und Liebeskummer - im Rahmen des Ausstellungsprojekts sogar mehr. So umfasst die Appenzeller Museumslandschaft zahlreiche einzigartige volkskundliche Sammlungen (Urnäsch als Highlight), für zeitgenössische Kunst ist aber kaum Platz vorhanden. Die neunköpfige Projektgruppe um Ursula Badrutt und Matthias Kuhn hat aus der Not eine Tugend gemacht und Werke von rund dreissig Kunstschaffenden in elf Appenzeller Museen eingeschleust.
Fast alle temporären Interventionen sind in Bezug auf das vorhandene Sammlungsgut entstanden. Die Antworten auf den historischen Kontext fallen jedoch ganz unterschiedlich aus. Von besonderer Subtilität sind die im Museum Herisau gezeigten Arbeiten von Norbert Möslang: Der Blick aus dem Visier einer Ritterrüstung «widerspiegelt» sich auf dem gegenüberliegenden Monitor als graphisches Muster, «bobs-view», und die perforierte Metallplatte eines alten mechanischen Musikinstruments generiert statt Tönen elektronische Lichtsignale, «bobs-counter». Gleichenorts erweist sich Rolf Graf als subversiv-witziger Verfremder: Die verchromte Kuhglocke, «Heart of Chrome», als Verschnitt von Design und Brauchtum, und die an einem Strohhalm hängende Christbaumkugel, «Kleines Versprechen», überzeugen durch die Ökonomie der Mittel.
Im Naturhistorischen Museums von Heiden klingt aus der Vogelhäuschen ähnlichen Sänfte von Michaela Melian der rätselhäft-betörende Klangteppich «Polyhymnia» und Regula Engelers Dreikanalvideo beschwört animalisch-hexische Kräfte vor dem Hintergrund exotischer Tierpräparate. Das Unheimliche findet seine Steigerung im schmucken Ortsmuseum von Wolfhalden, wo Schwarzweiss-Fotografien von Erwin Kneihsl mit Kalvarien- und anderen Bergen und Thomas Kamm mit seinem Patientenhaus der Psychiatrie Königsfelden mit kruden Kommentaren sowie die bizarr-schräge Malereien von André Butzer die Abgründe von Wahn und Aggression thematisieren.
Kaum ein Ort, der nicht mit bekannten Namen aufwartet. Kristallisationspunkt des Projekts ist allerdings Appenzell. Während das Museum im alten Rathaus Werke von Markus Müller, Albert Oehlen, Loredana Sperini und Peter Stoffel nahezu nahtlos in die bestehende historische Sammlung einzufügen wusste, besticht die Präsentation in der Ziegelhütte gerade dadurch, dass die Installationen von Silvia Hildebrand, Stefan Inauen, Peter Regli und Mathis/Zwick viel Raum zur Entfaltung ihrer optischen Wirkung erhalten - wie es von einer Kunsthalle nicht anders zu erwarten ist.

Bis 
08.09.2007

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