«Im Auge des Zyklons» und «Auszeit» in zwei Kunstmuseen

Jan Jedlicka · Maremma · Il Cerchio, 2005-2006, Fotografien, 40 Teile, je 34.5 x 36 cm

Jan Jedlicka · Maremma · Il Cerchio, 2005-2006, Fotografien, 40 Teile, je 34.5 x 36 cm

Besprechung

Die beiden Häuser zeigen Kunstwerke, in denen es um den Wunsch nach Entschleunigung und um den Kult der Langsamkeit als Reaktion auf die immer schnelleren Wirtschafts- und Medienkreisläufe geht.

«Im Auge des Zyklons» und «Auszeit» in zwei Kunstmuseen

Das «Auge des Zyklons» befindet sich im Zentrum eines Wirbelsturms und ist eine absolut windstille Zone. Dieser merkwürdig ruhige Ort inmitten heftigster Turbulenzen ist nicht nur meteorologisch ein faszinierendes Phänomen. Er versinnbildlicht in unserer sich immer schneller drehenden Welt die Sehnsucht nach einem Stillstand des Weltengetriebes, kann aber auch eine albtraumartige Lebenssituation meinen, in der man sich gefangen fühlt, obwohl sich das Stillstehen verbietet. Paul Virilio fand 1992 die luzide Metapher des «rasenden Stillstands» für diesen Zustand.
In St. Gallen und Vaduz werden Momente der Entschleunigung gezeigt. Während das Thema im Kunstmuseum St. Gallen fast ausschliesslich mit Filmarbeiten von acht Künstlerinnen und Künstlern auf sehr atmosphärische Weise als reiner Sehnsuchtsort umkreist wird, sind die Arbeiten in Vaduz eher diskursiv um utopische Fragestellungen entwickelt. Heilsam ist dabei auch der Blick auf langfristige Prozesse in der Natur, worauf schon die Künstler der Arte Povera hingewiesen hatten. Das in Vaduz ausgestellte Projekt «Il cerchio. Maremma, 2005-2006 von Jan Jedlicka führt diesen Diskurs weiter, indem sich der Künstler jahrzehntelang mit der Maremma beschäftigt und ihre jahreszeitlichen und meteorologischen Veränderungen mit dem Fotoapparat und dem Zeichenstift akribisch protokolliert hat.
Den Auftakt der Ausstellung in St. Gallen bilden die stundenlangen Filme «Empire» und «Sleep» von Andy Warhol (*1928, Pittsburgh), der schon Anfang der sechziger Jahre dem stets aufgeregten, nach Action gierigen Hollywood handlungslose Filme in Realzeit entgegengehalten hat. Denn was gibt es spannungsloseres, als einem Mann beim Schlafen zuzusehen oder das Empire State Building in New York aus der stets gleichen Perspektive anzugucken, auch wenn dieses von tosendem Stadtgetriebe umgeben ist. Einen Moment der absoluten Zeitlosigkeit führt die eindrückliche Videoinstallation «Vietnam, 1967, near Duc Pho (reconstruction after Hiromichi Mine)», 2001, von David Claerbout (*1969) vor Augen, mit Aufnahmen eines abstürzenden Flugzeugs, dessen Teile endlos über einer scheinbar friedlichen Landschaft schweben. Sie bezieht sich auf eine Fotografie des japanischen Kriegsreporters Hiromichi Mine, der während des Vietnamkriegs ein US-Transportflugzeug just in dem Augenblick aufgenommen hat, als es von den eigenen Einheiten getroffen wurde. Ist es eine Silvesternacht oder sind es Nachtbombardements? Die einzelnen Positionen bestätigen - auch wenn die Auswahl nicht immer ganz einleuchtet -, was wir schon lange ahnen: Dass der Ausstieg aus dem Hamsterrad kaum noch denkbar ist und, wie Peter Sloterdijk sagt, «dass die Moderne zu sich selbst verurteilt bleibt, da sie nach sich buchstäblich nichts mehr sieht ausser der Sintflut».

Bis 
18.08.2007

Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein bis 2.9.

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