Janet Cardiff und Georges Bures Miller in der Mathildenhöhe

Janet Cardiff und George Bures Miller · The Killing Machine, 2007, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin, Luhring Augustine Gallery, New York, © Janet Cardiff und George Bures Miller

Janet Cardiff und George Bures Miller · The Killing Machine, 2007, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin, Luhring Augustine Gallery, New York, © Janet Cardiff und George Bures Miller

Janet Cardiff und George Bures Miller · Hawaii Bar, 2007, Foto: Wolfgang Günzel

Janet Cardiff und George Bures Miller · Hawaii Bar, 2007, Foto: Wolfgang Günzel

Besprechung

Zum Finale strahlt farbiges Licht aus dem Gestänge hervor und zaubert ein eindrucksvolles Schattenspiel an die Wand, die Diskokugel lässt helle Flecken an der Decke tanzen. Eine gefährliche Anziehungskraft geht von dieser Apparatur aus, die ihre grausamen Zwecke erst auf den zweiten Blick offenbart.

Janet Cardiff und Georges Bures Miller in der Mathildenhöhe

Im Zentrum, zwischen allerlei obskuren, miteinander verdrahteten Gerätschaften, Kontrollmonitoren, Spiegeln und Lampen steht ein alter Zahnarztstuhl; auf dem flauschigen Kunstpelzbezug schwere Ledergurte zur Fixierung. In sicherem Abstand dazu ein kleiner Schreibtisch, offenbar Beobachterposten und Steuerungszentrale zugleich. Und in der Tat: Von hier aus lässt sich per Knopfdruck ein infernalischer Mechanismus in Gang setzen. Trichtermäulig umkreist ein Megaphon die Szene, Streicher setzen ein und über dem Zahnarztstuhl beginnen zwei mit Lämpchen und Bohrern bewehrte Roboterarme einen seltsamen Pas de deux. Scheinen sie den imaginären Körper im Stuhl anfangs noch neckisch zu beschnuppern, steigert sich ihr Tanz allmählich zur Ekstase; mit einem Mal bricht die Musik um in schiere Kakophonie, der Stuhl klappt zurück und für Sekunden stossen die Spitzen nun direkt auf die Liege nieder. Dann ist der Spuk vorbei. Die Lichter wechseln in sanfte Farben, die Diskokugel kreist - und dann erlischt auch dieses Bild.
Man muss nicht wissen, dass Franz Kafkas «Strafkolonie» zu den Inspirationsquellen für «The Killing Machine» zählt, um zu begreifen, dass hier die perfide Präzision eines Mechanismus vorgeführt wird, der Folter zynisch als Exekutive einer Heilslehre und tödliche Qual als Weg zur Erlösung zelebriert. Mag sein, dass man sich anfangs auf der sicheren Seite wähnt, weil man selbst den Knopf drücken darf und Zuschauer des Spektakels bleibt. Während man gebannt auf den leeren Stuhl starrt, entgleitet dieser Halt: Wer entscheidet, welcher Körper diesen Platz einnehmen wird? Allein: Ist der Mechanismus als solcher einmal sanktioniert, ist es zu spät, diese Frage zu stellen.
«The Killling Machine» ist die jüngste Arbeit in der Schau auf der Darmstädter Mathildenhöhe, die - erstmals im deutschsprachigen Raum - einen Überblick über die gemeinsamen, in den vergangenen zwölf Jahren entstandenen Arbeiten von Janet Cardiff (*1957 in Brussels, Kanada) und Georges Bures Miller (*1960 in Vegreville, Kanada) bietet. Ein gelungener Auftakt, der auf das einstimmt, was man im Verlauf des Rundgangs am Werk der beiden kanadischen Künstler auf vielfältige Weise erfahren kann: Die Kunst, in Bildern und Klängen Geschichten zu erzählen, die ergreifen, weil sie ins Innere der Imagination vordringen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Vorstellung überschreiten.
Nicht immer muss diese Überschreitung, die Erfahrung einer fremden Regie, die mit der suggestiven Macht der Manipulation operiert, so schmerzlich wirken - ihre Intensität frappiert jedoch immer wieder aufs Neue, und zwar selbst dann, wenn man das Drehbuch bereits kennt und meint, den Modus Operandi der Arbeiten von der Pike auf studieren zu können. Denn das Werk von Cardiff und Bures Miller zeichnet sich dadurch aus, dass ein Beobachterposten nicht zur Verfügung steht.
Das haben die Installationen der beiden mit jenen «Soundwalks» und «Videowalks» gemein, mit denen Janet Cardiff in den 1990er Jahren bekannt geworden ist: Schon in ersteren konnte man mit Staunen gewahr werden, welches Einfallstor das Gehör für Bilder bietet, die nur in der Phantasie existieren und dennoch greifbare Realität zu besitzen scheinen, sobald dem Gehirn eine Geräuschkulisse per Surround Sound vorgespiegelt wird, die mehr oder weniger der visuellen Wahrnehmung entspricht. Erschrocken sah man sich zur Seite treten, obwohl der anfahrende Wagen, von dem die Stimme erzählte, doch nur zu hören - und nur in der Einbildung vorhanden - war.
Fraglos spielt Sound in Form komplexer Kompositionen, die als Vehikel einer präzisen Choreographie der Emotionen funktionieren, auch bei den in Darmstadt versammelten Werken eine zentrale Rolle. Doch mit Ausnahme des Lautsprecher-Zirkels von «The Forty Part Motet», 2001, in dessen Mitte man sich unversehens in einem Chor imaginärer Körper wiederfindet, zeichnet sich die Zusammenarbeit durch eine opulentere Klaviatur ästhetischer Mittel aus. Mehrheitlich mündet deren Einsatz in kompakten, aber vielteiligen Raumbildern: So bereits in «The Dark Pool», 1995, der ältesten Arbeit der Schau, in der ein Sammelsurium auf Arbeitstischen ausgebreiteter Bücher, Gegenstände und Apparate als Grundriss einer verzweigten Narration funktioniert, die sich über die Audioinstallation entfaltet. In «The Opera for a Small Room», 2005, genügt ein kleiner, mit alten Schallplatten, Plattenspielern und Radiogeräten vollgestopfter Holzcontainer als materielles Libretto, um in das Leben seines imaginären Bewohners zu entführen.
Filmsets für ein Kino im Kopf unter fremder Regie: Vielleicht wirklich ein geeigneter Begriff, um den Kern der Arbeiten von Janet Cardiff und George Bures Miller zu fassen. Und wahrlich nicht alle Produktionen führen zu einem Happy End wie die «Hawaii Bar», die sich entdecken lässt, wenn man sich in Gummistiefeln in die Katakomben des Ausstellungshauses wagt. Ausgerechnet in der Unterwelt findet sich das Paradies - eine kleine, buntfunkelnde Oase des profanen Glücks, indes über den Häuptern die «Killing Machine» ihrem infernalischen Tagwerk nachgeht. Eine verstörende Erfahrung - doch eben deshalb pars pro toto charakteristisch für den Kosmos, den es in diesem Sommer auf der Mathildenhöhe zu entdecken gilt.

Bis 
25.08.2007

Die Ausstellung «Janet Cardiff & Georges Bures Miller. The Killing Machine and Other Stories 1995-2007» wurde vom Institut Mathildenhöhe Darmstadt gemeinsam mit dem Museu d'Art Contemporani de Barcelona (MACBA) erarbeitet. Nach Darmstadt reist die Ausstellung nach Miami, Florida. Zur Ausstellung ist bei Hatje-Cantz ein Katalogbuch mit DVD erschienen, das neben einer Dokumentation der Arbeiten und Beiträgen zum Werk des Künstlerpaares auch literarische Texte versammelt, auf die sich Cardiff und Bures Miller beziehen.

Künstler/innen
Janet Cardiff
George Bures Miller
Autor/innen
Verena Kuni

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