Marcel van Eeden bei Bob van Orsouw

Marcel van Eeden · The Death of Matheus Boryna, Ohne Titel, 2006/2007, Negrostift und Buntstift auf Papier, 19x28 cm, gerahmt, Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

Marcel van Eeden · The Death of Matheus Boryna, Ohne Titel, 2006/2007, Negrostift und Buntstift auf Papier, 19x28 cm, gerahmt, Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

Besprechung

Lange Zeit ist der manische Zeichner Marcel van Eeden unbeachtet geblieben, bis er durch Ausstellungen im Museum für zeitgenössische Kunst in Den Haag und zuletzt auf der Berlin Biennale 2006 international Beachtung fand.

Marcel van Eeden bei Bob van Orsouw

«Sehr schön. Das ist alles ungemein interessant» steht am unteren Rand von kleinformatigen Zeichnungen geschrieben, ganz ungeachtet ob es sich dabei um Kirschen, ein Filetsteak, das Bild eines Vulkanausbruchs oder um abstrakte Konfigurationen handelt. Man meint, zufällig den Smalltalk von Vernissagegästen aufgeschnappt zu haben. Dieser humorvolle Einstieg in den vielfältigen Schwarz-Weiss-Kosmos des holländischen Zeichners Marcel van Eeden (*1965, Den Haag) führt in eine fast altmodisch anmutende Bildwelt, die atmosphärisch dem Film noir verwandt sind.
Seit 1993 fertigt er täglich eine Zeichnung an im immergleichen Querformat, zeichnet mit dem Negrostift präzis konturierte Linien, gestaltet Szenen, Körper und Objekte mit einem feinen Sinn für das Stoffliche, erfasst sehr plastisch Architekturen und Stadtansichten, die der Fünfzigerjahreästhetik verpflichtet sind. So sind Tausende von Kohle- und Bleistiftzeichnungen auf kleinformatigen Blättern entstanden. «In diesem Sinn ist es auch ein Tagebuch für mich», kommentiert der Künstler seine Arbeitsweise, «weil wenn ich das Bild wähle, hat es oft zu tun mit dem Tag selbst. Wenn ich müde bin, wähle ich etwas Einfaches, wenn ich in der Tagesschau etwas mit Krieg sehe, neige ich dazu, etwas mit Explosionen zu wählen.» Mit Vorliebe entwickelt er Bildserien zu fiktiven Geschichten, welche durch Vorlagen in alten Zeitschriften, Magazinen, Büchern, Fotoalben oder sonstigen Flohmarkttrouvaillen inspiriert sind. Diese historischen Quellen stammen aus den Jahren vor seiner Geburt, so verlangt es sein künstlerisches Konzept. Damit entfaltet er eine Zeitgeschichte der 20er bis 60er Jahre. Dazu passt auch sein Zeichnungsstil. Eigentlich zeichnet er unspektakuläre Szenen und kommentiert sie mit einer altertümlich wirkenden Druckschrift. So ist die bei Bob van Orsouw gezeigte Serie um eine Figur namens «Matheus Boryna» entwickelt, die einem Kriminalroman aus der DDR-Zeit entstammt. Die Zeichnungen zeigen den Protagonisten an einem Schreibtisch sitzend, mit einem Hund spazierend oder eine grossbusige, sich lasziv auf einem Bett räkelnde Dame. Unvermittelt erscheint ein Blatt, auf dem geschrieben steht «Der Tod heisst Engelchen». Zu sehen ist ein Mädchen, welches aus einer Kinderbuchillustration stammen könnte. Dazwischen hängen verschiedene abstrakte Gouachen, die angesichts des toten Matheus Boryna am Ende der Serie seine Blutlachen vorwegnehmen könnten. Als Betrachter konstruiert man automatisch eine lineare Erzählung, doch ihre Logik wird vom Künstler in der Text-Bild-Beziehung immer wieder unterwandert. Dazu lässt er uns wissen: «Das Gehirn sucht nach Verbindungen, weil wir nur in Verbindungen denken können. Doch die Kombination von Bild und Text ist reiner Zufall». Das Analysieren seiner vorgeburtlichen Zeit hat einen Kurator einmal dazu veranlasst, für van Eedens Arbeit den Begriff «Enzyklopädie des Todes» zu prägen. Auch wenn er diese Festschreibung längst als lästig empfindet, weist gerade das Manische seiner Produktion darauf hin, dass er sich täglich der flüchtigen Existenz versichern muss.

Bis 
20.07.2007
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Marcel van Eeden

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