Pavel Schmidt

pufferpuff beziehungsweise puffersperre, 2004, 19 Eisenbahnwagonpuffer, Eisensäule, Kunststein- ?guren, Gewindestangen, 180 x 740 x 180 cm. Foto: Hansruedi Riesen

pufferpuff beziehungsweise puffersperre, 2004, 19 Eisenbahnwagonpuffer, Eisensäule, Kunststein- ?guren, Gewindestangen, 180 x 740 x 180 cm. Foto: Hansruedi Riesen

p.s., autoportrait comme un passé simple, 2005, Schädel , Pfeffer- und Salzstreuerdeckel , Hutständer, Glassturz, Holzsockel , Messingschild, 190 x 40 x 40 cm, Sammlung Ville de Bienne. Foto: Nadine Strub

p.s., autoportrait comme un passé simple, 2005, Schädel , Pfeffer- und Salzstreuerdeckel , Hutständer, Glassturz, Holzsockel , Messingschild, 190 x 40 x 40 cm, Sammlung Ville de Bienne. Foto: Nadine Strub

Fokus

Er lässt in überdimensionierte Reagenzgläser roten und weissen Wein fliessen. Er macht eine Leukoplastik. Er sprengt Gartenzwerge, die Aphrodite von Botticelli und den David von Michelangelo in die Luft. Und er verfasst einen bildnerischen Kommentar zum Werk von Franz Kafka. Pavel Schmidts Kunstwelt ist weit. Sie ist so weit wie sein Aktionsradius, der von München nach Bern, von Solothurn nach Biel und von Paris nach Genua reicht - und sich darin äussert, dass sein eigentliches Atelier das Auto ist und sein ständigerWohnsitz Autoraststätten und Hotels sind.

Pavel Schmidt

Nomadisierende Lust am steten Widerspruch

Auf leichte Zugänglichkeit ist es nicht angelegt, das Werk von Pavel Schmidt, des nomadisierenden Schweizer Künstlers mit tschechischen Wurzeln. Pavel Schmidt sucht Sperrigkeiten und Widerhaken. Er liebt und pflegt die Widersprüche und die Gegensätze. Sein Werk ist durchdrungen und durchtränkt von dialektischen Spielregeln. Typisch für diese Haltung: Pavel Schmidt meidet das, was man gemeinhin das Schöne nennt. Eben weil ihm dieses eine wichtige Sache ist, misstraut er ihm. Also unterläuft er lieber das Schöne, als dass er auch nur den blossen Anschein davon wecken möchte. In dem Sinn ist der Impetus, der Schmidts Werk bestimmt, durch und durch ein dadaistischer, ein Weitertreiben zugleich des Nouveau Réalisme.
Barockes Mäandrieren und Melancholie
Dieses Erbe zeigt sich in der Verwendung von Objets trouvés und von armen Materialien wie Leukoplast. Das verbindet sich bei Schmidt mit einem barocken Mäandrieren und mit der Präsenz der Vanitasidee. Klassische Konsolen und da und dort auch edle Materialien wie Blattgold spielen in einer paradoxen Volte unübersehbar eine wichtige Rolle: Sie sprechen von der Übereinstimmung des Gegensätzlichen einerseits und von ironischer Überhöhung andererseits. Im Hinter- und Untergrund aber meldet sich noch ein Drittes: Es ist die melancholische Sehnsucht nach Ruhe und Heimat oder, ästhetisch:nach Harmonie, eine Harmonie, die in der Schmidtschen Weltsicht logischerweise immer eine gebrochene sein muss.
Um den Schein des Schönen zu denunzieren, wird dieses zerstört. Der Schein des Schönen aber heisst: Kitsch. Also werden Gartenzwerge und Repliken von Michelangelos David, also wird Botticellis in Gips verschandelte Aphrodite mit Bohrer und Sprengstoff traktiert. Auch deswegen, weil ihnen eine Ideologie anhaftet: den Gartenzwergen mit ihrer barbarischen Herkunft die trügerische Idylle, die im Extrem an die Familiengärten der Schergen von Auschwitz denken lässt; den klassischen Figuren ist auf falsche Weise das Pathos des Schönen, Wahren und Guten eigen, von dem der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin einmal sagte, diese und die höchsten Kulturgüter seien niemals denkbar, ohne dass man an das Grauen und die Fronarbeit denke, die damit historisch verbunden sind.
Daran erinnern die Trümmer, aus denen Schmidt seine Skulpturen neu und als vollendete Fragmente zusammensetzt. Daran erinnert beispielsweise auch eine Skulptur mit dem Titel ?Pufferpuff beziehungsweise Puffersperre?, gebildet aus Puffern von Eisenbahnwagen, geformt wie ein martialischer spanischer Reiter, an dessen zwei Enden David und die Venus von Milo angeschraubt sind. Das hat durchaus etwas Gewalttätiges. Aber auch hier wieder gilt jenes dialektische Verhältnis: Die Brutalität der Darstellung stellt die Brutalität der Realität dar.
Aberwitz als Kennzeichen
Es darf ruhig behauptetwerden,was ihm von Kritikern auch vorgeworfenwird:Der Stil von Schmidt ist die gezielt eingesetzte Stil- und Systemlosigkeit.Deren Kennzeichen ist der Aberwitz,der sich durch alles hindurchzieht und der sich fast konstant in der Verbindung von Bildwerk und Sprachspielen äussert. Es ist ein Aberwitz, der sich in assoziativen Reihungen niederschlägt und der zudem darin besteht, dass Schmidt ein geradezu hinterlistiges Vergnügen darin findet, die Dinge wörtlich zu nehmen. Dabei ist die Hinterlist, die er einsetzt, Hintergründigkeit, ist genährt von philosophischem Witz, der sich an der Absurdität und Abgründigkeit der Welt entzündet.
Das äussert sich modellhaft in einer bezeichnenden Schmidtschen Notiz:«es war unverständlich. es war als unverständlich erklärt worden, weil niemand es verstanden hatte. mit dem unverständnis einverständnis erklärt, bemühten sie sich, das unverständliche zu verstehen. es war unverständlich, weil niemand damit gerechnet hatte. unverständlich heisst, dass etwas verstanden wird, das nicht verstanden wird. das verstehen, dass zusammenhänge mit ihren diesseitigkeiten nicht verstanden werden, das verständnis des unverständnisses also, kann den verstand verständlicherweise derart in anspruch nehmen, dass der betroffene um den verstand gebracht werden kann.»
Solche Sätze führen zu einer Figur, die manchen Gedankengängen und -volten von Schmidt hätte Pate stehen können: zum braven Soldaten Schwejk, sozusagen einem Landsmann des Künstlers. Ein Müsterchen aus dem berühmten Roman von Jaroslav Hasek: «?Ich hab Ihnen doch gesagt, Herr Oberlajtnant, das, was ich Ihnen erzähln wer, is schrecklich blöd.? Oberleutnant Lukasch winkte nur mit der Hand und sagte: ?Von Ihnen kann man auch schon was Gescheites hören!? ?Jeder kann nichtgescheit sein,Herr Oberlajtnant?, sagte Schwejk überzeugend, ?die Dummenmüssen eine Ausnahme machen, weil, wenn jeder gescheit wär, so wär auf der Welt so viel Verstand, dass jeder zweite Mensch davon ganz blöd wär.?»
Viele Grüsse an Franz Kafka
Nach einem Wort von Walter Benjamin ist Schwejk ein Verwandter von Franz Kafka. Und es ist eben dessen Werk, das Schmidt seit Jahrzehnten beschäftigt. Der umfangreiche, fern jeder Illustration angesiedelte zeichnerische Kommentar zu den entlegensten Stellen aus dem Nachlass des Prager Autors gehört zum Kern des bisherigen Werkes von Schmidt. Bei Kafka findet sich diese Abgründigkeit wieder und diese Sinnsuche durch den Sinnentzug. Es findet sich auch der Umgang mit dem Mythos und den Mythen, wie er in Schmidts Werk erkennbar ist. Werden Kafka und Schmidt zusammen genannt, geht es also nicht um ein vorschnelles, kokettes Verbinden, das einen Schmidtschen Künstlermythos schaffen würde.
«Das Schreiben selbst verführt oft zu falschen Fixierungen. Es gibt eine Schwerkraft der Sätze, der man sich nicht entziehen kann», schrieb Kafka 1914 in einem Brief an Grete Bloch. Das könnte auch für die Zeichnungen, für den Prozess der Zeichensetzung gelten, den Schmidt in Gang setzt: Er kennt die Schwerkraft der Dinge, erliegt ihr und kann sich nur dadurch retten, dass er zur nächsten Zeichensetzung weiterschreitet, um die Fixierung zu hintergehen. Um deren Auflösung geht es in den Prozessen, die Schmidt anstösst. Es geht also um Umdeutungen, um neue Konnotationen und Konfrontationen, die etwa aus der absurden Hochzeit von Aphrodite und David entstehen.Es geht dabei stets umbewusste Verwicklungen,Verwirrungen,Verschlüsselungen. Oder um Umkehrungen. Es ist eine Alchemie der Zeichensetzungen, deren Form das Palimpsest ist: das Überschreiben und Überzeichnen der Zeichen.
Das zeigt sich exemplarisch im wiederkehrenden Umgang mit den Initialen des Künstlernamens PS. Sie stehen ständig für etwas anderes. Einmal sind sie Teil eines Selbstporträts als Totenschädel: Aus den Augenhöhlen glitzern silbern die Deckel eines Pfeffer- und eines Salzstreuers.Ein anderes Mal schreibt Schmidt in einem SMS, P.S. bedeute Panik Sputnik, Pressen und Stossen, Pendelnde Seele, Pronto stronzo oder Passé simple.
P.S. Das führt notwendigerweise zu einem PPS, zu einem Postpostskriptum: Bei PS sind die Dinge pas si simple.

Katalog mit Beiträgen von Boris Groys, Guido Magnaguagno u.a., d/f/e, Kehrer Verlag, Heidelberg, 2008

Bis 
13.09.2008

Pavel Schmidt
*1956 in Bratislava (vormals Tschechoslowakei)
1966-1968 in Mexiko
1977-1978 Chemiestudium an der Universität Bern
1978-1982 Studium an der Akademie der Bildenden Künste München
1986-1988 Assistent bei Daniel Spoerri in München
1989-1991 Professur an der Akademie der Bildenden Künste München
1990 Kunstförderpreis der Stadt München
1999 Preis für künstlerisches Schaffen des Kantons Solothurn

Publikationen (Auswahl)
2006 Pavel Schmidt: f.k. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main
2001 Beziehungen und Bezeichnungen. Gina Kehayoff Verlag München
1999 kunst im bau oder rundnur. Gina Kehayoff Verlag München
1997 Entgleitungen und Heilungen oder der Tag der offenen Hoffnung. Badisches Landesmuseum/ Galerie Alfred Knecht Karlsruhe

Ausstellungen (Auswahl)
2008 «f.k. - Kafka-Zeichnungen», Jüdisches Museum Berlin
2007 «f.k. - Kafka-Zeichnungen», Centre Dürrenmatt Neuenburg «Sein/Seine», Espace Jean Tinguely-Niki de St. Phalle, Fribourg
2006 «Annähernd sieben Meter Wein»,Museum Goch (D)
2005 «P.S. », Badischer Kunstverein Karlsruhe
2003 «Benchmarking Projekt», Nam San Park Seoul
2001 «Beziehungen und Bezeichnungen», Kunsthaus Grenchen (CH)

Konrad Tobler, Autor und Kunstkritiker, Bern. kultur@konradtobler.ch

Künstler/innen
Pavel Schmidt
Autor/innen
Konrad Tobler

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