«Traces du Sacré»

Hilma af Klint · The Ten Greatest,No. 2, Childhood, 1907, Tempera on paper pasted on canvas, 328 x 240 cm, The Hilma af Klint Foundation, Stockholm

Hilma af Klint · The Ten Greatest,No. 2, Childhood, 1907, Tempera on paper pasted on canvas, 328 x 240 cm, The Hilma af Klint Foundation, Stockholm

Besprechung

Ist Gott fotogen? Im Paparazzi-Zeitalter eine brennende Frage, geht es doch immer um das Glauben beim Sehen. Die Ausstellung spürt dem Heiligen nach. Nach der Entzauberung der Welt, so die These Heideggers, bringt die Kunst «den Sterblichen eine Spur der in der Opazität der Welt versteckten Götter».

«Traces du Sacré»

Spuren des Heiligen

Um diese Spur zu finden,muss man allerdings durch einen grossen Haufen Material hindurch. In mehr als 350 Werken von über 200 Künstlern werden transzendentale Residuen aufgespürt. Bewusst haben die Kuratoren Jean de Loisy und Angela Lampe Sakral-Werke wie Kokoschkas Altäre oder Gerhard Richters Kirchenfenster ausgeklammert. Es geht nicht um die Frage, wie wir «Gott sehen» (Kunstmuseum Thurgau 2005/06) oder umdie Konjunktur des Religiösen.Die Ausstellung situiert das «Besondere», so dieWortbedeutung von «heilig», kunsthistorisch. In Frankreich ist das beinahe eine Provokation, ist doch das Heilige seit 1789 hier alleiniges Pensumder Kirche. Der lange Parcours durch die Kunstgeschichte hält dagegen: Das Heilige haust dort, wo die Moderne Glauben mit Sehen kurzschliesst. Die Götter sind geflohen, doch nicht abwesend, wie Caspar David Friedrichs und Carl Gustav Carus' Ruinen am Beginn zeigen sollen. Auch in Goyas Gräueln oder im Strudel von Bruce Naumans Neonspirale von 1967 lauert Mystisches: «The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths». Erhellende Kombinationen, die freilich allzu oft illustrativ über Form- Analogien oder Bildaussage die These der Ausstellung begründen. Gezeigt wird, was die Bilder zu Themen wie «Absolutes», «Eros und Thanatos» «Apokalypse» sagen. Dabei bleibt die eigenständige Werkerfahrung oft vom Apriori der These verstellt.
In der «Sehnsucht nach dem Unendlichen» erfreuen Analogien zwischen Gina Panes «Situation idéale. Terre-Artiste-Ciel», 1969, und Ferdinand Hodlers «Blick ins Unendliche», 1905. Woraus sind sie begründet? Gibt es eine Verbindung zwischen Unendlichem und Landschaft?Wir erfahren es nicht. Dafür gibt es wunderbare Trouvaillen: frühe Gemälde von Duchamp, das bildnerische Werk Vaclav Nijinskis, die esoterisch-erotischen Gemälde Hilma Af Klints. Aufstieg zu höchster Spiritualität, auch das lässt die Ausstellung nur implizit erkennen, ist seit 1850 zugleich Abstieg in unbewusste, triebhafte Tiefen. Der Sturz der Götter riss den Menschen ins Begehren nach sich selbst. Der Ausstellungsbesucher schaut von Ferne zu, im wilden Ritt durch die Kunstgeschichte. Und kommt am Schluss unter den «Schatten Gottes» zur Ruhe. Jonathan Monk nimmt Naumans Neonschleife auf, ohne Worte. Der Titel: «Sentence Removed (Emphasis Remains)», 2000. Das hätte den Machern dieser durchaus sehenswerten Ausstellung ein Hinweis sein sollen.

Bis 
06.05.2008
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Centre Pompidou Frankreich Paris
Haus der Kunst München Deutschland München

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