Wenn Kunst und Cadillac sich überholen

John Armleder, Jacques Garcia · Visuel in situ, 2008, Ausstellungsansicht, Centre culturel suisse, Paris. Foto: Agnetti

John Armleder, Jacques Garcia · Visuel in situ, 2008, Ausstellungsansicht, Centre culturel suisse, Paris. Foto: Agnetti

Christian Robert-Tissot · Ça vous regarde, 1995-2008, Collection de l'artiste. Foto: EAC estelle epinett

Christian Robert-Tissot · Ça vous regarde, 1995-2008, Collection de l'artiste. Foto: EAC estelle epinett

Fokus

El Lissitzky, Frank Stella, Victor Vasarely: Abstrakte Kunst interessiert wieder, wie diverse aktuelle Ausstellungen belegen. Die Werke der Ur-Geometer der Moderne sind für eine junge Westschweizer Generation Material, sie re- und dekonstruiert all jene FormenundZeichen,die längst imPrägestock derKulturindustrie aufgegangen sind. Ihr Held: John Armleder.

Wenn Kunst und Cadillac sich überholen

Erweiterte Abstraktion

«Das Imaginäre haust in derWelt»,schrieb einst derPhänomenologeMauriceMerleau- Ponty. John Armleder visualisiert das Ambiente dieses «Hausens».Der sechzigjährige Genfer bearbeitet die Formen, mit denen wir uns umgeben, verdichtet oder zerdehnt sie, macht den Einfluss des Ästhetischen auf unser In-der-Welt-Sein sichtbar. Als Welsh rabbit der internationalen Kunstszene, als einer, der aus wenig viel macht, abseits des ästhetischen Feldes neue Kontexte formt, tritt Armleder als ausführender Künstler in den Hintergrund, erzeugt als Agent effektvoll Stimmungen. Jetzt hat er Jacques Garcia, den in Pariser Nobelhotels allgegenwärtigen Star-Designer eines vollmundigen Eklektizismus, eingeladen, aus dem Centre Culturel Suisse Paris ein Apartment zu machen. Ein neuer Seh- und Kunst-Raum ist entstanden, kein «readymade», keine Reproduktion: ein Sampler aus Formen und Konnotationen.
Ableitungen
Armleder interveniert, um alltägliche Kontexte zur Preisgabe ihres «ästhetisch Unbewussten» (so der französische Philosoph Jacques Rancière) zu bewegen. Mit Referenzen auf die Kunstgeschichte ironisiert er das Objekt Kunst: In «furniture sculpture», 1992-94, wird ein vertikal an die Wand gehängtes Kassenlaufband zum kinetischen schwarzen Monochrom, in «furniture sculpture 18, 891 Again», 1980-81, ein Nierentisch unter der Decke zumZeugnis einer Séance für die Geister derModerne. Reduktion der Autor-Geste, Vergegenständlichung des ästhetischen Ambientes, Reflexion des Kunst-Kanons der Moderne und seiner Derivate - Themen, die Armleder mit anderen Künstlern seiner Generation, mit Ian Anüll oder Olivier Mosset teilt. Deren schräger Mix aus kritischer Ironie à la dAdA, Fluxus-Nonchalance und reproduktionsfreudiger Pop-Art hat eine neue abstrakte Generation in Gang gesetzt.
Den heute Dreissigjährigen ist das «Leben mit Abstraktion»,wie Sven Lütticken in der letzten Ausgabe von «Texte zur Kunst» titelte, Alltag.Nähe zu Pop-Kunst und -Kultur, Selbstbezüglichkeit und Affinität zu slickem Design, wie man sie in Frankreich viel findet, charakterisieren die jungen Abstrakten am Lac Léman. Max Bill, Richard Paul Lohse oder Leo Leuppi sind für sie Gegenstand wie jede andere Form, wie die Kurve der Heckflosse eines Cadillac. Die Form sei, sagt John Armleder, in Bezug auf das Automobil so marginal wie die Kunst in Bezug auf die Gesellschaft: «Das Objekt existiert nicht ohne seine Anhängsel. Heute glaubt man, dieses Anhängsel würde zu etwas Nutze sein,man weiss freilich nicht, zu was.» («Purple Fashion», 2/2004). Genêt Mayor - im Hip-Hop ebenso aktiv wie in der Skaterszene - antwortet darauf mit einem «bastardisierten» Werk aus Kugelschreiberzeichnungen und minimalistischen Skulpturen. Für die Ausstellung «abstraction étendue» im Espace de l'Art Concret im südfranzösischen Mouans-Sartoux hat der 32-jährige Lausanner einen op-artigen Kreis aus rot-gelbem Absperr-Klebeband mit augenzwinkerndem Bezug auf Olivier Mossets Kreis-Gemälde auf die Wand geklebt, «Ringoffire», 2008.
«Ebenso wie von der Kunstgeschichte», sagt der 36-jährige Stéphane Dafflon, «kann ich auch vom schnittigen und stimmigen Design eines FordMustang Fastback Baujahr 1965 beeinflusst sein.» Der in Lausanne und Paris lebende Künstler legtden Raum in elegante Kurven, taucht ihn in glänzendes Weiss wie das Interieur von Raumschiff Enterprise, in das er Bilder der geometrischen Moderne hängt. «Seit den Siebzigerjahren wird die Abstraktion sich selbst zum Gegenstand», sagt Julien Fronsacq, mit Christian Besson Kurator der «abstraction étendue».Sie sehen den Parnass der neuen Abstrakten fern konkreter Autoritäten aus Zürich im «Welschland» (so der Titel einer Ende 2007 im Berliner «Substitut» veranstalteten Gruppenausstellung), in Frankreich und in Amerika. Dafflon war früh in Frankreich unterwegs, wurde gezeigt von Kuratoren der «relationellen Kunst» wie Nicolas Bourriaud.
Ausdehnung
«Meine Bezüge liegen eher auf der anderen Seite des Atlantiks», sagt auch der 34-jährige Lausanner Philippe Decrauzat. «Steven Parrino war wichtig und der Bezug zur Musik. Kunst war für uns, auch als wir «Circuit» gegründet haben, kein Schweizer Problem. Wichtige Impulse kamen von Christophe Gossweiler, Francis Baudevin und John Armleder, sie haben wirklich eine Schule, eine Tradition ausgebildet.» Anfang des letzten Jahrhunderts sollte der Blick-Raumvon gegenständlichen Bildern geleert werden, um ihn danach neu zu ordnen. Heute weitet die «Abstraktion-Erweiterung», wie ein zweiter, um Gossweiler gruppierter Teil der Fronsacq/Besson-Ausstellung in der Fondation Salomon in Alex, Savoyen, lautet, diesen Raum aus. So weit, dass sich die so autoritär wie sorgfältig eingerichteten Blick-Leitlinien der Moderne verzerren wie das Teppichmuster aus Stanley Kubricks «The Shining», das Decrauzat in «To be continued», 2001, als Wandgemälde umgesetzt hat. «Mir geht es nicht umdie Formen der Moderne an sich, sondern umden Ort des Betrachters; nicht im Sinne einer positiven relationellen Ästhetik, die alles integriert, sondern eher einer Konfrontation,eines Konfliktes. Wir müssen erst durch alle Bilder durch, um sie wieder neu zu sehen.» Was entsteht, wenn man sich in den mit Bilder-Brei gefüllten Raum hineinfrisst, ist nicht eine Neudefinition des Seh-Feldes, es ist eine ganz andere Sicht auf die Beziehung von Betrachter und Werk. Er tritt nicht mehr in einen Raum vor ein Bild und wird von diesem in eine symbolische Ordnung geführt, sondern ist gleichsam von Bildern ausgefüllt. Aus dem Blick-Raum ist nun ein multiples, deformiertes und zersplittertes Gebilde geworden, das vor allem eines fordert: Bewegung. Vor und mit den Arbeiten der Abstraktion zerfällt ein straffes Raum-Gefüge zu einer Vielfalt von Bild- und Assoziationsebenen. Die «Abstraktion der zweiten (oder dritten) Generation » befasse sich mit der «Formalisierung und totalen Desinkarnation unserer Welt» und «der zur Gewohnheit gewordenen Banalität der Bilder», schrieb Jean Baudrillard in Bezug auf Olivier Mosset (Katalog, Biennale Venedig 1990, Edition BAK/Lars Müller). Es handle sich bei der «neuen geometrischen Abstraktion [?] um eine Malerei, die nicht mehr gesehen werden will und die uns nicht mehr ansieht».
Vom Blick-Raum zur Geste
Stimmt das kulturpessimistische Verdikt? Stellt nicht eher die neue Abstraktion gar nicht mehr der Frage nach einer «besseren», weil bilderärmeren, profunderen oder irgendwie authentischen Welt, sondern verändert fundamental den Raum, in welchem wir der Welt begegnen,wie Armleder den Ausstellungsraum des Schweizer Kulturzentrums? Es geht um eine überspannte, erweiterte Abstraktion, die ironisch Abstand nimmt. Eine Abstraktion schliesslich, die bei aller Unterschiedlichkeit ihrer aktuellen Ansätze, von Esther Stocker über Jens Wolf, Christophe Cuzin bis Fabian Marti, einen Nenner findet: Sie will erfahren werden, richtet sich an uns. Der 48-jährige Genfer Maler Christian Robert-Tissot hat über die ganze Wand der Eingangshalle des Château de Mouans, dem Ausstellungsraum des 1990 eröffneten Espace de l'Art Concret, in einer Helvetica-Type, Weiss auf Violett, lithurgische Farbe von Übergang und Verwandlung, «Ça vous regarde» geschrieben: Das sieht sie an, das betrifft sie.

Bis 
01.11.2008

Jens E. Sennewald, Kunstkritiker und freier Publizist. Arbeitet mit seinem Textbüro (texte-tendenzen.de) in Paris und betreibt den Wohn- und Ausstellungsort «café au lit» (cafeaulit.com). Emil@texte-tendenzen.de

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